Hamburger Konzerthaus

Eine neue "alte" Orgel für die Laeiszhalle

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Dunkles Orgelgehäuse und in der Mitte eine Chorempore, dort, wo später der Spielschrank für die Beckerath-Orgel installiert wurde: Bei einer spektakulären Aufführung von Mahlers riesig besetzter 8. Sinfonie zum 100. Geburtstag der Philharmoniker kam 1928 auch die Walcker-Orgel zum Einsatz.

Dunkles Orgelgehäuse und in der Mitte eine Chorempore, dort, wo später der Spielschrank für die Beckerath-Orgel installiert wurde: Bei einer spektakulären Aufführung von Mahlers riesig besetzter 8. Sinfonie zum 100. Geburtstag der Philharmoniker kam 1928 auch die Walcker-Orgel zum Einsatz.

Foto: Philharmonische Gesellschaft

Die Kulturbehörde will 2023 die Beckerath-Orgel durch eine rekonstruierte Walcker-Orgel ersetzen. Das verändert nicht nur den Klang.

Hamburg.  „Das Gesicht der Laeisz­halle wird sich verändern.“ So kategorisch, wie es Alexander Steinhilber als städtischer Orgelsachverständiger beim Blick auf die Pläne und die alten Fotos an seiner Bürowand formuliert, kann man das wohl sehen, wenn alles so läuft, wie man es sich in der Kulturbehörde mit der Orgel im Großen Saal vorstellt. Dann nämlich wird in der Sommerpause 2023 als krönender Abschluss der fünfjährigen Konzerthaus-Generalsanierung eine „Zurück in die Zukunft“-Aktion gestartet: Die bisherige Orgel verschwindet. Auf ihren Platz wird hinter die Orgelpfeifen-Reihen eine detailgetreue Rekon­struktion der Walcker-Orgel installiert, die seit der Eröffnung 1908 gespielt, aber um 1950 durch das vermeintlich zeitgemäßere Instrument der Hamburger Orgelbaufirma Beckerath ersetzt wurde.

Diese Walcker-Orgel, aus Ludwigsburg stammend und 40.000 Mark kostend, war ein Old-School-Instrument, ein Kind des 19. Jahrhunderts: spätromantisch voluminös im Klang und mit reichlich PS unter der Haube; das Beckerath-Modell, Opus 1 der noch frischen Firma, entsprach einer anderen, damals bevorzugten Klangästhetik. Ihr damaliger Preis: 112.000 D-Mark. Ein Hamburger Kaufmann kaufte die Walcker-Orgel anschließend für ein Film- und Varieté-Theater namens Thalia in seiner Geburtsstadt Wuppertal, wegen angeblicher Mängel bekam er sie als Schnäppchen für 12.600 D-Mark. Wenige Jahre später wechselte das immer noch ganz gute Stück erneut den Besitzer, seitdem versieht sie, inzwischen nur noch teilweise original, ihren Dienst als Kirchenorgel in St. Engelbert in Köln-Riehl.

25-Millionen-Gesamtbudget für Sanierung

Hamburg war im Bereich der Konzertsaalorgel Vorreiter: Das erste Instrument dieser Art in Deutschland wurde 1845 in die Tonhalle eingebaut, einen heute längst vergessenen Konzertsaal an der Ecke Neuer Wall / Bleichenbrücke. Der Beckerath-Ausbau soll allerdings nicht das Ende für dieses Instrument sein. Die Kulturbehörde will es – für einen sehr symbolischen Kaufpreis und wohl an eine orgelsuchende Kirchengemeinde – weiterverkaufen, da es zu gut fürs Verschrotten sei; man verhandelt momentan mit drei Interessenten außerhalb Hamburgs. Ein Wiedereinbau an anderer Stelle dürfte die neuen Besitzer zwischen 500.000 und 750.000 Euro kosten. Das reine Material würde Hamburg gerade mal 15.000 bis 20.000 Euro bringen.

Die bislang geschätzten Kosten für den Walcker-Nachbau betragen 2,5 bis 3 Millionen Euro, und die Betonung auf „Schätzung“ erhält auch im Jahr zwei nach der Elbphilharmonie-Eröffnung einen gut hörbaren Akzent, sicher ist sicher. Geld, das zur Gänze im 25-Millionen-Gesamtbudget für die Laeiszhallen-Sanierung enthalten ist, die 2018 begonnen hat. Für die Elbphilharmonie-Orgel hatte sich der Hamburger Unternehmer Peter Möhrle als Mäzen gefunden, der die Rechnung über zwei Millionen Euro übernahm. Ein ähnliches Engagement anderer Gönner bei diesem Laeiszhallen-Projekt würde bei der Kulturbehörde verständlicherweise nicht auf Widerstand stoßen, heißt es dort.

Beckerath-Orgel vorsorglich in Zwangspension

„Zu einem herausragenden Konzertsaal gehört auch eine exzellente Orgel“, betont Kultursenator Carsten Brosda. Dieser Zustand war in der Laeiszhalle in den vergangenen Jahren aber nicht mehr gegeben: Im Mai 2016, gut 65 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme, hatte man die Beckerath-Orgel vorsorglich in die Zwangspension geschickt. Wer sie damals dennoch für einen Konzert-Einsatz gemietet hätte, hätte das auf eigenes Risiko und ohne Wartung tun müssen. Auch den Stimmer oder eine Notfall-„Orgelwache“ hätte man selbst bezahlen müssen.

Nächster Schritt auf dem Weg zur Walcker-Renaissance wäre nun die Ausschreibung des Projekts, gefolgt vom Finden einer Firma für den Nachbau anhand der komplett erhaltenen Unterlagen der Original-Orgel. Aus Nicht-Orgelkäufer-Sicht wirkt der Zeitraum bis 2023 zwar lang, doch Orgelbauer, die gut im Geschäft sind, sind mit ihren Aufträgen mehrere Jahre im voraus ausgebucht.

„Gesicht“ der Laeiszhalle wird sich deutlich verändern

Verändern wird sich das „Gesicht“ der Laeiszhalle durch diese Re-Historisierung deutlich: Denn der während der NS-Zeit hell gestrichene Orgelprospekt soll wieder den originalen dunklen Holzton erhalten. In der Bühnenwand-Mitte, dort, wo der Spielschrank hinter einer schnöden Tür verschwand, wird die Chor-Empore ein Revival erleben, die sich dahinter befindet. Sie ist etwa 3,5 Meter tief, bietet also einiges an Chor-Fläche und würde so den Bühnen-Platzmangel bei großen Besetzungen lindern. Und der innerlich modernisierte Spieltisch wandert, ebenfalls dem historischen Erstling folgend, in einer fahrbaren Version in die Bühnenmitte des denkmalgeschützten Konzerthauses.

Bliebe alles und jeder in diesem Plan, wäre die Orgellandschaft Hamburg mit dem Walcker-Klon in knapp vier Jahren um eine Klangfarbe reicher, die so im derzeitigen Instrumenten-Sortiment fehlt und einen interessanten Kontrast zur State-of-the-Art-Konzertorgel der Bonner Firma Klais in der Elbphilharmonie böte. Das erste Musikstück zur Eröffnung der Laeiszhalle am 4. Juni 1908 war übrigens nicht, wie man angesichts der Adresse in der Nähe seines Geburtshauses vermuten dürfte, von Brahms – es war eine Orgel-Passacaglia von J. S. Bach. Damit wäre auch schon ziemlich gut absehbar, wie das Einweihungskonzert der neuen, „alten“ Walcker-Orgel im Herbst 2023 beginnen könnte.