Interview

Niedecken: „Bob Dylan freute sich wie ein kleiner Junge“

Wolfgang Niedecken ist der Kopf der Kölner Rockband BAP.

Wolfgang Niedecken ist der Kopf der Kölner Rockband BAP.

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress Hoensch / picture alliance / Eventpress Ho

Wolfgang Niedecken spricht im Interview über die Begegnungen mit seinem Idol. Am 5. Juli tritt Bob Dylan in Hamburg auf.

Hamburg Bob Dylan.  Der Kölner Musiker Wolfgang Niedecken ist ein Fan des großen Songpoeten . Der kommt am 5. Juli auf seiner berühmten Never Ending Tour ein weiteres Mal nach Hamburg. Niedecken (68) ist Dylan (78) in kritischer Verehrung verbunden. Wen er allerdings gar nicht mag, ist der klassische Dylan-Forscher oder wie Niedecken sagt: der Dylan-Hansel. Deren „Schlaumeiern“ möge er nicht, sagt der BAP-Musiker im Abendblatt-Interview.

Bob Dylan tourt wieder durch Deutschland. Sie haben sein erstes Konzert in Düsseldorf besucht.

Niedecken Es war eines der besten, das ich in den letzten 20 Jahren gesehen habe. Ich habe ihn bei jeder Tour in Deutschland mindestens einmal gesehen. 1978 hat er das erste Mal in Deutschland gespielt, da hab ich ihn in der Dortmunder Westfalenhalle erlebt. Ich war im März in Düsseldorf sehr angenehm überrascht, dass kein einziger Song seiner Sinatra-Alben auf der Setliste stand. Stattdessen war über die Hälfte der Songs aus seinem sogenannten Spätwerk, das ja mit „Time Out Of Mind“ anfängt. Das ist eben die Kunst; ein Programm so zu gestalten, dass für jeden etwas dabei ist. Ich würde mich langweilen, wenn ich jedes Mal die gleiche Setliste hören würde, wie das zum Beispiel bei den Stones der Fall ist. Diesmal hat Dylan das fantastisch gelöst.

Wie oft haben Sie ihn getroffen?

Zweimal. Einmal mit Wim Wenders in Köln. Mit Wim hatte ich 2002 in Köln für den BAP-Film gedreht. Wenders und Dylan kennen sich. Wim war in den 70ern mit Ronee Blakley verheiratet, die bei der Rolling Thunder Review mitgesungen hat. Dylan mag Wenders’ Filme, da gibt es also durchaus eine gegenseitige Wertschätzung. Wahrscheinlich haben die Herren auch gemeinsam einiges erlebt. Wim und ich haben das Konzert in Köln vom Monitormischpult aus verfolgt. Nachher haben wir zusammengesessen, das war ein ganz herzliches Zusammentreffen. Völlig normal. Dylan ist sehr wissbegierig. Er hatte am nächsten Tag einen Auftritt in Berlin und wollte von Wim viel über Preußen und die entsprechenden Könige wissen. Er ist ein Privatgelehrter, der unterwegs immer alles checkt und das in seine Texte einfließen lässt.

Ist das Besondere an Dylan diese nicht endende Neugierde? Ist das die eigentliche Never Ending Tour?

Ja, ein bisschen. Es gab ja bei Dylan eine spürbare Midlife-Crisis, während der er nicht mehr richtig wusste, wo er hinwollte, wo er üble Alben und einen ganz schlechten Film gemacht hat. Da hab ich schon versucht, mir Sachen schönzuhören – und habe es nicht immer geschafft. Auch die Auftritte waren zum Teil unterirdisch. Sehr verschenkt war die „Temples in Flames-Tour“ mit Tom Petty And The Heartbreakers. Die fing in Neuseeland großartig an und dann kamen die nach Europa, und zwischendurch muss irgendwas passiert sein. Die Auftritte von Dylan selbst waren eine reine Katastrophe. Wenn er auf der Bühne stand, ließ er sich nur von hinten beleuchten, und seine Texte hat er nur runtergerotzt.

Hat es Sie nie gereizt, ein Buch über Dylan zu machen?

Es gibt Verlage, die würde es reizen, wenn ich das tun würde. Ich habe gerade erst wieder ein Angebot bekommen. Aber ich bin im Moment dabei, Songs zu schreiben, und wir sind diesen Sommer über auf Tournee. Ich habe denen gesagt, wenn da kein Zeitdruck hinter ist, gerne irgendwann wenn’s passt.

In Ihrer fünfteiligen Dylan-Spurensuche für Arte waren einige schöne Sachen drin, aus denen man auch ein Buch hätte machen können. Da gab es einiges, was noch niemand geschrieben hat.

Ja genau – und so in der Art würde ich das dann auch machen. Mit meinem ganz persönlichen Blick auf Dylan, nicht so ein literaturwissenschaftliches Ding. Ich will nichts für die Dylan-Hanseln machen, damit die dann wieder schlaumeiern können. Die sind für mich ein bisschen wie ein rotes Tuch.

Bevor wir das übergehen: Wo hatten Sie Ihre zweite Begegnung mit Dylan?

In Hannover gibt es eine Firma, die tolle Gitarren herstellt: Duesenberg. Und die erhielt irgendwann einen Anruf aus Amerika, wo ein Typ rumnuschelte, er wolle auch so eine blaue Gitarre wie der Gitarrist von Tom Petty haben.

Dann stellte sich heraus, dass das Bob Dylan war, der diese Gitarre wollte. Die haben sie ihm geschickt. Und danach hat Dylan mitbekommen, dass es von Duesenberg eine Lap Steel Gitarre gibt. Das ist eine Gitarre, die auf dem Schoß liegt und die man mit einem Röhrchen spielt. Davon hat Duesenberg eine spezielle Variante entwickelt, auf der man die Tonarten einstellen kann. Jedenfalls haben sie sich überlegt, dass ich ihm diese Gitarre in Saarbrücken nach einem Konzert überreichen sollte.

Das habe ich natürlich gerne gemacht. Dylan hat sich gefreut wie ein kleiner Junge, der eine neue Lok für seine Spielzeugeisenbahn bekommt, und er hat sofort überlegt, wie er noch am gleichen Abend im Tourbus auf dem Weg nach Paris dieses neue Spielzeug ausprobieren kann. Das war eine total nette Begegnung.

Wann war das in Saarbrücken?

Da hatte ich noch keinen Bart, das heißt, es war vor dem Schlaganfall. Somit ist es jetzt mindestens neun Jahre her.

Ist das die große Unterscheidung: Vor dem Schlaganfall und nach dem Schlaganfall?

Das ist die Unterscheidung: mit Bart und ohne Bart. Ich konnte mich ja erst mal nicht mehr rasieren, denn das wäre ein Gemetzel geworden. Da haben meine Frauen gesagt, lass doch einfach was davon stehen – was mir vorher immer untersagt wurde.

Angenommen, Sie könnten Dylan ein drittes Mal treffen. Was würden Sie ihn fragen?

Ich würde ihn vielleicht fragen, ob ich ihm mal eine Setliste zusammenstellen dürfte (lacht). Aber nicht despektierlich. Ich hätte ein paar Wünsche, etwa Songs, die ich auf Touren noch nie bei ihm gehört habe. Zum Beispiel einmal „Desolation Row“ mit sämtlichen Strophen. Aber Dylan macht sowieso, was er will, und das steht ihm auch zu. Er ist keiner, der sich beim Publikum einschleimt.

Noch mal Dylan ins Kölsche übersetzen?

Warum nicht. Wenn ich an neuen Stücken für ein BAP-Album arbeite, gucke ich erst mal, was ich noch im Köcher habe. In der Regel haben wir auf jedem Album einen Dylan-Song. Ich wüsste auch schon, welcher es auf dem nächsten sein könnte. Nämlich ein Song, den wir mit BAP schon ganz am Anfang auf Kölsch gespielt haben, der aber nie auf einem Album aufgetaucht ist: „Girl From The North Country“. Das Lied habe ich in Duluth mit Sarah Krueger in einer Kirche gespielt, und das war sehr bewegend.

Bob Dylan spielt am 5. Juli in der Barclaycard Arena, Beginn 20 Uhr. Karten ab 64,50 im Vvk.