The Boss

Albumkritik: Bruce Springsteen bleibt unerreicht

Bruce Springsteen veröffentlichte sein erstes Album 1973.

Bruce Springsteen veröffentlichte sein erstes Album 1973.

Foto: Sony Music

Das 19. Studioalbum von Bruce Springsteen ist ein melancholisch-milder Blick zurück und zeigt ihn von einer neuen Seite.

Hamburg. Je älter, desto stärker die Tendenz, in die Vergangenheit zu blicken. Auf die endlosen Sommer, die erste oder größte Liebe – und auf all das, was Narben hinterlassen hat. Gilt auch für Bruce Springsteen. 69 ist der Mann inzwischen, aber selbst nach 18 Studioalben, einer Autobiografie, in der er ausführlich seine Depressionen thematisierte, und 236 intimen Soloauftritten in einem Broadway-Theater ist noch nicht alles gesagt. Deshalb „Western States“ (Sony), ein Alterswerk im besten Sinne.

„I lie awake in the middle of the night/Makin’ a list of things that I didn’t do right“ heißt es da etwa in „Somewhere North Of Nashville“. Tja, Gewesenes abhaken, den Blick nach vorne wenden: gar nicht so einfach. Auch wenn es hier musikalisch leichtfüßig rüberkommt. Den Sound seiner Jugend, der 60er Jahre, hat Springsteen für die 13 Songs gewählt, in Interviews selbst an Größen wie Burt Bacharach und Glen Campbell erinnert. Und so flutet immer auch die Sonne Kaliforniens durch dieses Album, trifft Melancholie auf Melodie, sorgen dezente Streicherarrangements für die Unterfütterung der vielen großen kleinen Geschichten.

Volle Gefühls-Breitwand

Da ist der nach Unfällen zusammengeflickte Stuntfahrer, der sich an frühere Adrenalinkicks erinnert („Drive Fast“), der Tramper, der nur noch besitzt, was er bei sich trägt und bindungslos einfach immer weiter zieht („Hitch Hikin’“), der Schauspieler, der vor langer Zeit eine Nebenrolle in einem John-Wayne-Film hatte und davon bis heute zehrt („Western Stars“). Eine Art Partynummer gibt es mit „Sleepy Joe’s Café“ zwar auch, vor allem aber die volle Gefühls-Breitwand zwischen Sehnsucht und Altersmilde, Ohrwurm-Melodien, etwa bei „There Goes My Miracle“ und „Hello Sunshine“, inklusive.

Mögen andere dem Zeitgeist folgen, sich die derzeit angesagten Produzenten ins Studio holen und ins Outfit mehr Energie stecken als in die Musik: Spring­steen bleibt in dieser Hinsicht old school: Der Inhalt bestimmt die Form, wichtig ist Authentizität. Und bei Zeilen wie „I’m twenty-five hundred miles from where I wanna be/It feels like a hundred years since you’ve been near to me“ kann natürlich nicht nur die Ü60-Fangemeinde mühelos andocken. Irgendwas mit Liebe ist ja immer ...

Auch wenn Patti Scialfa, Soozie Tyrell und Charles Giordano hier Gastauftritte haben, war die E Street Band an diesem Album nicht beteiligt. Ihr Ende bedeutet es dennoch keineswegs. Songs wie „Tucson Train“ oder „Sleepy Joe’s Café“ haben ohne Weiteres Stadion-Potenzial, außerdem hat Springsteen bereits angekündigt, im Herbst ein neues Album mit der E Street Band aufnehmen und 2020 dann auf Tour gehen zu wollen.

Es sind wunderbare Zeiten für die seit Jahrzehnten treue Fangemeinde des Boss.