Historische Museen

Börries von Notz: „In Hamburg wäre so viel mehr möglich!“

Börries von Notz, Vorstand Historische Museen Hamburg, in seinem Büro im Museum für Hamburgische Geschichte.

Börries von Notz, Vorstand Historische Museen Hamburg, in seinem Büro im Museum für Hamburgische Geschichte.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Der scheidende Alleinvorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg spricht im Interview über ein strukturell-mentales Phänomen.

Hamburg.  Die Geschäfte an seinen Nachfolger Hans-Jörg Czech sind übergeben. Heute abend wird sich Börries von Notz von Kollegen, Weggefährten und Freunden im Museum für Hamburgische Geschichte verabschieden. Dort, wo er fünf Jahre lang die Stiftung Historische Museen Hamburg als Alleinvorstand geleitet hat. Am 1. Juli wird von Notz als Sprecher der Stiftung Nantesbuch nach Süddeutschland gehen. In seinem großzügigen Büro mit angeschlossenem Konferenzraum – beides in den Farben Hamburgs gestaltet – empfängt „Mr. Museum“ zum letzten Interview.

Dass Ihnen die Entscheidung zu gehen schwergefallen ist, ist verständlich. Allein dieses außerordentlich schicke Büro…

Börries von Notz: Ich bin immer sehr, sehr gerne in dieses Büro und in dieses Haus gekommen, das ist richtig. Daneben mochte ich besonders das Jenisch Haus. Diesen Ort zu allen Jahreszeiten zu erleben, mit Fachleuten aufs Dach zu klettern, um die Pappe zu überprüfen und, ob es tatsächlich gerechtfertigt ist, dafür Millionen einzuwerben ... Ich habe das Jenisch Haus immer als Kleinod der Stiftung empfunden.

Da Sie das Geld erwähnen: Allein das Jenisch Haus erhält 16 Millionen Euro für seine dringend anstehende Modernisierung. Es ist nur eines der vielen großen Projekte, die Sie in Ihrer Amtszeit angestoßen haben. Sind sie zufrieden?

Dass sich so viele Projekte schneller als gedacht verwirklicht haben, hat mich überrascht. Das lag nicht an mir allein, sondern an der guten Zusammenarbeit mit vielen. Auf der einen Seite mit den Bundestagsabgeordneten Kahrs und Kruse, auf der anderen Seite mit den Vertretern der Stadt. Die Zeit war aber auch reif dafür. Historische Museen sind durch die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen stärker in den Fokus geraten. Man braucht die Reibung mit der Vergangenheit, um die Komplexität der Gegenwart zu begreifen.

Sie waren das Gesicht der Stiftung. Hinter Ihrer Strahlkraft traten die Direktoren der Häuser manchmal zurück. Hat das nicht auch für Unmut gesorgt?

Mir war wichtig, die Stiftung als geschlossenes System zu präsentieren, denn gemeinsam sind wir mehr. Auf diese Weise kann dieser Eindruck entstanden sein, wenn auch unbeabsichtigt. In der Zukunft wird es wichtiger werden, dass die Häuser sich noch stärker individualisieren. Den ersten Schritt wird das Museum der Arbeit mit der Neueröffnung des Torhauses machen.

Ein guter Grund für Sie persönlich, um mal wieder nach Hamburg zu kommen?

Natürlich. Und ganz besonders, wenn das Deutsche Hafenmuseum glorreich eröffnet.

Sind Sie wehmütig, dass Bau und Fertigstellung nun nicht mehr in Ihre Ära fallen?

Ich hätte mir gewünscht, dass es schneller geht. Aber ich habe immer verstanden, dass die Prozesse ihre Zeit brauchen. Jetzt bin ich froh, dass die Grundpfeiler für den Bau des Deutschen Hafenmuseums eingeschlagen sind.

Gibt es denn etwas, das Sie gern erreicht hätten und nicht haben?

Es ist ja kein Geheimnis, dass der Grundstock und die Sonderausstellungsaktivitäten der Hamburger Museen sehr knapp finanziert sind. Bei uns hat sich das ganz stark auf die Ausstellungen ausgewirkt, unser Zugpferd für die Besucher. Zum Beispiel bei „Kein Bier ohne Alster“ hatten wir geplant, auch die heutigen Akteure der Hamburger Braukultur zu präsentieren. Aber die dafür nötigen 60.000 Euro waren einfach nicht aufzutreiben. Das Grundproblem ist, dass museale Institutionen mit der Zeit wachsen, was Besucherservice, Sammlungsverwaltung und Marketing betrifft. Was nicht mitwächst, ist der inhaltliche Bereich – der schrumpft. Wir haben heute vier Kuratoren und einen Direktor, das heißt fünf Leute, die das Museum für Hamburgische Geschichte inhaltlich steuern. Diesen Bereich zu verstärken, habe ich nicht geschafft. Auch wenn die Innovationsmittel, immerhin jedes Jahr 2,5 Millionen Euro für vier Jahre und danach wohl auch dauerhaft, die den Staatlichen Museen zur Verfügung stehen, absolut ein Schritt in die richtige Richtung sind. Aber diese betreffen neue Vorhaben, nicht den Grundstock.

Woran hat es gelegen?

Es hängt wahrlich nicht an einzelnen Personen. Wir haben bei all unseren Vorhaben und Initiativen immer große Unterstützung der verschiedenen Behörden und ihrer Akteure, insbesondere bei der Kulturbehörde, erfahren. Ich sehe da vielmehr ein strukturell-mentales Phänomen in Hamburg. Hier begnügt man sich häufig im kulturellen Bereich mit 80 Prozent. Dabei wäre so viel mehr möglich, denn die Kompetenzen, die Motivation und besonders die strukturellen Voraussetzungen in den Museen sind ja da. Bei einem 16-Milliarden-Euro-Haushalt diese letzten, sagen wir mal, 40 Millionen Euro für Museen nicht aufzubringen, ist für mich unverständlich.

Vielleicht liegt das immer noch an der Kaufmannsseele der Stadt. Es muss sich eben am Ende alles rechnen.

Ja, es gibt schon Leute, die erstaunt sind, dass wir auch noch Geld von der Stadt bekommen für unsere Arbeit. Und uns nicht eigenständig über den Eintritt finanzieren. Ein Museum funktioniert aber vollkommen anders als ein Wirtschaftsunternehmen. Es braucht Zeit und Mittel, um sich intensiv mit komplexen, schwierigen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Man muss sich vieles ansehen und Wissen aufbauen, um Transferleistungen bringen zu können. Sonst verändern sich diese Institutionen, und es geht Qualität verloren. Ich wünsche der Stadt wirklich, dass sie diesen Schritt in Zukunft machen wird und die Museen in ihrem Grundstock besser unterstützt. Warum sollte man Städten wie Frankfurt den Rang der Museumsmetropole überlassen?

Wie sind Sie innerhalb der Stiftung mit der Mangelwirtschaft umgegangen?

Mangelwirtschaft ist nicht das richtige Wort. Limitierungen, die mitunter hart sind, trifft es besser. Meine Maxime war immer: Nicht jammern, sondern machen, was geht. Das war auch ganz klar in unserer Außenkommunikation geregelt.

Diese Probleme haben ja nahezu alle Hamburger Museen, die Direktoren und Geschäftsführer sind gut untereinander vernetzt, nicht zuletzt durch das Forum Kultur, das Sie ins Leben gerufen haben. Hätte man nicht stärker mit einer Stimme sprechen, mehr Druck ausüben können?

Als Stiftung öffentlichen Rechts, also Teil der mittelbaren Staatsverwaltung, sind wir keine öffentlich auftretende Lobby, die so etwas durch Protestbriefe einfordern kann. Aber die Türen stehen uns offen, und man kann seine Anliegen natürlich vorbringen. Ich gehe deshalb auch tatsächlich mit einem weinenden Auge. Ich werde die Unkompliziertheit und das Unhierarchische der hiesigen Kulturlandschaft, aber auch der Politik sehr vermissen. Auch werde ich die Stadt sehr missen. Meine eine Familie und ich hatten hier eine tolle Zeit.

Ihr künftiger Arbeitsplatz wird etwas anders aussehen.

Allerdings. Die Stiftung Nantesbuch liegt 50 Kilometer südlich von München bei Bad Heilbrunn im bayrischen Voralpenland. Das ist wie Auswandern für Feiglinge (lacht). Die Stiftung besitzt dort ein 320 Hektar großes Grundstück, auf dem Auerochsen weiden und über 60 Brutvogelarten zu Hause sind. Dort wird es um den besonderen Blick gehen, den Kunst und Natur für unsere Gesellschaft ermöglichen. Und genau das hat mich auch herausgefordert: Wann hat man schon die Möglichkeit, im Kulturbereich etwas auf dem Land zu machen? Meine Familie freut sich darauf; für uns ist es das richtige Timing.

Über die Stiftung

  • Seit 2008 umfasst die Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) die wichtigsten musealen Einrichtungen, die sich mit der Geschichte der Stadt, der Region und des Nordens beschäftigen.
  • Dazu gehören Museum für Hamburgische Geschichte, Altonaer Museum, Museum der Arbeit sowie die Außenstellen Jenisch Haus, Hafenmuseum, Speicherstadtmuseum, Millerntorwache, Heine-Haus und die Kramer-Witwen-Wohnungen.
  • 2025 soll das Deutsche Hafenmuseum öffnen.