Elbjazz

Schwarze Klaviergeschichte in der Elbphilharmonie

Jason Moran (44) lebt mit seiner Familie in Harlem.

Jason Moran (44) lebt mit seiner Familie in Harlem.

Foto: Clay Patrick McBride

Pianist Jason Moran gibt im Rahmen des Elbjazz-Festivals ein Solokonzert im Großen Saal. Moran über Gentrifizierung und Rassismus.

Hamburg.  Es ist erst wenige Wochen her, dass Pianist Jason Moran ein eindrucksvolles Konzert in der Elbphilharmonie gab. Gemeinsam mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Alicia Hall, und einer Band führte er den Songzyklus „Two Wings: The Music of Black America in Migration“ auf. Nun kommt er erneut nach Hamburg, um im Rahmen des Elbjazz Festivals ein Solokonzert im Großen Saal zu spielen. Darin will er 100 Jahre schwarzer Klaviergeschichte zum Thema machen: mit eigenen Kompositionen und denen seiner Lehrer Jaki Byard, Andrew Hill und Muhal Richard Abrams. Und natürlich mit Songs des legendären Thelonious Monk (1917-1982), der für Moran bis heute eine wichtige Inspirationsquelle ist.

„Monk gehört zu den großen Künstlern, die in Harlem gelebt haben, genauso wie die Bigband-Leader James Reese Europe, Duke Ellington und Mary Lou Williams, erzählt Moran beim Interview im Westin Hotel. Der Pianist wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in dem New Yorker Bezirk im Norden von Manhattan, das zu den größten Schwarzenvierteln in den USA gehört und das schlagende Herz afroamerikanischer Kultur ist. „In meiner Nachbarschaft wohnen bildende Künstler, Tänzer, Musiker, Schriftsteller. Wir treffen uns und diskutieren die Probleme des Viertels, das stark unter Gentrifizierung leidet. Ich lebe dort, weil ich mich als Teil der schwarzen Geschichte fühle.“

Auch auf der Documenta hat Jason Moran schon gespielt

Geboren wurde Jason Moran 1975 in Houston/Texas. „Doch ich musste dort weg und habe mich mit Anfang 20 nach New York aufgemacht. Ich bin also auch ein Migrant“, sagt er mit einem Lachen. Im Gespräch zeigt sich Jason Moran als nachdenklicher Intellektueller, der sich viele Gedanken über afroamerikanische Gegenwart und Geschichte macht. Während er in seiner Kaffeetasse rührt, garniert er seine Ausführungen immer wieder mit witzigen Formulierungen und Selbstironie. Er lacht gern, obwohl vieles, was er beschreibt, nicht lustig ist. „Wenn ich draußen auf der Straße bin, fühle ich mich nicht sicher. Und ich spreche hier nicht von schwarzen Gangs, die dich bedrohen, sondern von weißen Polizisten, bei denen du nie genau weiß, was sie als nächstes tun. Der Rassismus ist weiterhin sehr stark“, berichtet Moran. Und fügt hinzu: „Nicht nur in den USA, sondern weltweit.“

Mit unterschiedlichen Projekten will Moran die Erinnerung an bedeutende afroamerikanische Persönlichkeiten wach halten und aktuelle Denkanstöße geben. Dabei arbeitet er oft mit bildenden Künstlern zusammen. 2013 etwa war er bei der Documenta in Kassel an der Performance „Reanimation“ der US-Amerikanerin Joan Jonas beteiligt. Er schrieb den Soundtrack für den Bürgerrechtsfilm „Selma“, komponierte Ballette und kreierte eine „Fats Waller Dance Party“ in Erinnerung an die Tanzvergnügungen im Harlem der 30er-Jahre. Eine große Ehre: Die MacArthur Foundation verlieh ihm 2010 den mit 625.000 US-Dollar dotierten „Genius Grant“, ein Preis, mit dem seit 1981 herausragende Künstler, Publizisten und Wissenschaftler ausgezeichnet werden.

„Unsere Geschichte ist in unserer Musik lebendig“, sagt Jason Moran, dessen Stücke von Sklaverei, Unterdrückung und Not, aber auch von der Freude am Tanz und dem Kampf um Freiheit und Bürgerrechte erzählen. Am 1. Juni auch in der Elbphilharmonie.