Buch-Tipp

Ein kleiner, feiner Roman, der das Herz wärmt

Marie-Alice Schultz, Schriftstellerin aus Hamburg

Marie-Alice Schultz, Schriftstellerin aus Hamburg

Foto: Rasmus Tanck

Die Hamburgerin Marie-Alice Schultz legt mit „Mikadowälder“ ein bittersüßes Debüt vor. Worum es geht? Um menschliche Beziehungen.

Hamburg.  Es treten auf: Tsarelli, ehemaliger Meister im Diskuswurf. Georgi, Schachspieler. Dina, Klavierlehrerin. Ruth, Künstlerin. Mona, Künstlerin. Eric, Künstler. Oskar, Kistenbauer.

Anderthalb Sportler, ein Handwerker, vier Künstler. Numerisch ist „Mikadowälder“, das Debüt von Marie- Alice Schultz, also unbedingt ein Künstlerroman. Aber, was in diesem Fall gut ist, keiner, in dem sich eine vergrämte oder wenigstens übersensible Kreativkraft durchs Leben laviert, um dabei festzustellen, dass das Künstlerleben seinen Preis hat. Nein, dieser kleine, feine Roman ist auch gleichzeitig ein Familienroman, und er erzählt eine schöne und herzenswarme Geschichte über die Menschen und die Beziehungen, die sie zueinander haben.

Nichts ist für immer. Oder doch?

In einer betont auf Langsamkeit angelegten Prosa baut die 1980 in Hamburg geborene Autorin Schultz ein Familiengebilde, das sie sich plastisch vorstellt: als Mikadowald eben, in dem jeder Teil stäbchengleich das Gebilde stützt.

Es sind immer dieselben Geschichten, die sich zwischen Mensch zutragen. Die Kunst ist es, sie so in Szene zu setzen wie Marie-Alice Schultz. Auf verschiedenen Zeitebenen berichtet sie von der Sippe, die nicht zwangsläufig durch das Blut miteinander verbunden ist. Der aus Russland eingewanderte Georgi ist lediglich eine Wahlverwandtschaft Tsarellis, aufgegabelt an einem Tag, der war wie jeder andere und der beiden Männern doch eine Freundschaft fürs Leben schenkte. Dabei ist doch grundsätzlich nichts wirklich für immer. Oder eben doch? Das ist eine der Fragen, die der Roman stellt.

Tsarellis Frau Ruth, mit der man eben noch, in einer der Rückblenden, im kleinen Gartenglück saß, ist in der Erzählgegenwart schon tot. Georgi und Dina, seine beharrlich von ihm weitergeliebte Ehefrau, sind getrennt. Ein Hauptstrang des Romans erzählt von Georgis Bemühen, Dina zurückzugewinnen. Dafür will er alle ihre Klavierschüler einspannen: Sie sollen alle ein Lied einüben, das Dina anschließend die Romantik von einst in Erinnerung rufen soll. Später wird eine blanke Wand – eine standhafte Einladung für Liebesbotschaften – eine Rolle spielen.

Und jene Wand wird auch der Ort sein für Monas künstlerische Neugeburt. Sowie die Wiedergeburt ihrer Partnerschaft mit Eric. Mit dem hat sie einen Sohn, Oskar. Eric und Mona, die beiden flottierenden Künstlerseelen, hat es irgendwann aus der Paarkurve gehauen: Der Sohn ist ein Resultat der letzten Liebesnacht. Was einer der vielen Einfälle der Autorin ist, die dann bei aller Lebensnähe doch den Willen zur Außerordentlichkeit dokumentieren. Und was wäre Oskar anderes als ein gänzlich eigenwilliger Charakter? Er baut Kiste um Kiste, als wolle er in ihnen der Wirklichkeit ein Behältnis geben. Will er sie beherrschbar machen?

Nichts tun. Dann passiert am meisten

Dagegen spricht, dass Oskar mit den Patchwork-Verhältnissen prima zurechtkommt. Also auch mit Valerie, der neuen Lebensgefährtin des Vaters. Wo die beiden Alten in diesem kitschfreien Buch, Tsarelli und Georgi, für die lebenslange Bindung an den einen Menschen stehen, ist das Liebes- und Lebensmodell der jüngeren Generation ein anderes.

Das auf Sehnsucht gründende Liebeskonzept beinhaltet Entsagung, Verlust, auch Einsamkeit, zumindest teilweise. Letzteres auch bei Mona, der noch jungen Frau, und bei Eric, der in seiner amourösen Großzügigkeit vom Mona-Valerie-Eric-Freundschaftsdreier träumt, um am Ende doch wieder in der Kleinfamilie anzudocken.

Schultz stattet ihre Figuren mit einem hinreichenden Maß an Eigenheiten aus, die sie davor bewahren, zu Klischees zu gerinnen. Mona, als Kreative dem Unplanbaren doch sicher zugeneigt, hasst Überraschungen. Sie ist ihres Vaters Tochter, denn dieser Tsarelli sagt einmal: „Am besten, man tut nicht viel. Dann passiert am meisten.“

Die Erzählerin Marie-Alice Schultz, die Theaterwissenschaft und Germanistik in Berlin und Bildende Kunst in Wien studierte, ist eine geduldige Erkunderin menschlicher Seelenwelten. Für die Arbeit an „Mikadowälder“ erhielt sie einen Hamburger Literaturförderpreis. Sie zählt zu den verheißungsvollen Literaturtalenten der Stadt.