Historiker Ian Kershaw

Mehr Zeit für die Briten? Da lachte das Publikum

Ian Kershaw ist ein in Deutschland gerngesehener Gast.

Ian Kershaw ist ein in Deutschland gerngesehener Gast.

Foto: Oliver Berg / dpa

Der englische Historiker Ian Kershaw stellte in Hamburg sein neues Buch vor. Natürlich sprach er auch über den Brexit.

Hamburg.  „First things first“, sagt der Engländer. Also ging es zunächst, es konnte gar nicht anders sein, um den Brexit, das Murmeltier-Thema unserer Tage. Ob Ian Kershaw irritiert war, dass sein Publikum im Rolf-Liebermann-Studio bei den offensichtlich völlig ernst gemeinten Äußerungen, völlig, nun ja, ungeniert lachte? Wahrscheinlich erwartete es von einem Engländer den typisch dunklen und sarkastischen Humor. Aber es war keinerlei Ironie im Spiel, als Kershaw erklärte, dass die Briten „noch Zeit“ bräuchten. Er begrüße, dass der Brexit noch um „ein paar Monate“ verschoben werde, so Kershaw.

Das Gelächter erklärte das Unverständnis der Kontinentaleuropäer über die Uneinigkeit und die vermeintliche oder tatsächliche Planlosigkeit auf der Insel, Kershaws Verweis („Ich bin ein großer Verfechter des Verfahrens“) auf die vielen Abstimmungen im Unterhaus den Stolz auf die lange demokratische Geschichte seines Landes.

Hitler-Biograf und Bundesverdienstkreuzträger

In seinem aktuellen Buch „Achterbahnfahrt“ beendet der hochdekorierte Historiker, der mit einer Hitler-Biografie bekannt wurde und unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, seine Geschichtsschreibung des Europas nach 1950 im Finanzkrisenjahr 2008. Aber zu seiner Grundannahme der wechselhaften gesamteuropäischen Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg passt die jüngste Scheidung zwischen EU und Großbritannien ziemlich gut. In Hamburg ist Kershaw ein gerngesehener Gast. Diesmal war er auf Einladung des High-Voltage-Lesefestivals da. Hochspannung kam bei der Veranstaltung derweil nicht zwangsläufig auf. Das mochte daran liegen, dass Kershaw ein seriöser Vertreter seiner Zunft ist. Steile Thesen gibt es in seiner Interpretation der Zeitgeschichte nicht.

Wohl aber eine kritische Haltung gegenüber dem Westen, dem Kershaw unter anderem vorwirft, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Russland vernachlässigt und damit die Großmacht gedemütigt zu haben.

Englisches Ressentiment gegenüber Deutschland

Es ist mitunter die Aufgabe des Historikers, die von den Zeitdiagnostikern jenseits der Wissenschaft bereits formulierten Deutungen gewissermaßen mit der Autorität ihrer Disziplin festzunageln. Und so lauschte man dann halt einmal mehr nickend, als Kershaw über die Gegnerschaft von Globalismus und Nationalismus sprach und darüber, dass es die EU nicht geschafft habe, eine europäische Identität zu schaffen. Der Moderator des Abends, NDR-Mann Ulrich Kühn, musste nicht viel tun, um Kershaw die Aussage zu entlocken, ein vom Euro so stark profitierendes Land wie Deutschland müsse den südlichen EU-Staaten mehr Spielräume für das jeweilige wirtschaftliche Gedeihen einräumen.

Das britische Ressentiment gegenüber der deutschen Dominanz als weiterer Beweggrund der „Leaver“ neben den Krisen der Gegenwart mochte Kershaw nicht leugnen. „Großbritannien hat nun aufgrund seiner Geschichte mal das Selbstbild eines exzeptionellen Landes“, sagte Kershaw.