Interview

Eine Hamburger Pippi-Langstrumpf-Filmerin

Regisseurin
Katja Benrath
bei den Dreharbeiten in
Hamburg. Ihr
Film wurde
ausschließlich
in der Hansestadt gedreht.

Regisseurin Katja Benrath bei den Dreharbeiten in Hamburg. Ihr Film wurde ausschließlich in der Hansestadt gedreht.

Foto: dpa

Regisseurin Katja Benrath hat mit „Rocca“ ihren ersten Kinderfilm gedreht. Am Sonnabend ist sie im Zeise zu Gast.

Hamburg.  Es beginnt mit einer halsbrecherischen Landung am Hamburger Flughafen. Der Flieger stoppt auf der Busspur. Und wer klettert aus dem Cockpit? Rocca (Luna Maxeiner). Sie ist in die Hansestadt gekommen, weil ihr Vater Astronaut an Bord der ISS ist. Ihre Mutter lebt nicht mehr, also zieht sie, die vor gar nichts Angst hat, in die Villa ihrer Großmutter (Barbara Sukowa). Der Kinderfilm „Rocca verändert die Welt“ wurde ausschließlich in Hamburg gedreht. Mit ihm liefert Katja Benrath ihr Langfilmdebüt ab. Die Hamburger Regisseurin hatte zuvor mit dem Kurzfilm „Watu Wote“ den Studenten-Oscar gewonnen.

Beim Film gibt es den Spruch: Nicht mit Kindern oder Tieren drehen! Sie haben jetzt mit Kindern UND mit Tieren gedreht. Sind Sie tollkühn?

Katja Benrath: Die Geschichte hat mich fasziniert. Ich mochte dieses starke Mädchenfigur und das Thema. Es geht hier um Solidarität, um Loyalität, um das füreinander Aufstehen. Kinder sind für mich überhaupt kein Problem oder Hindernis. Sie sind so ursprünglich und geradeaus, fleißig und mutig. Ich liebe es mit ihnen zu arbeiten und werde das auch weiterhin machen. Die Arbeitszeiten für sie in Deutschland werden ja vom Jugendarbeitsschutz geregelt. Man hat sie viel kürzer an Set als die Erwachsenen. Das finde ich absolut richtig, gleichzeitig ist das eine Verantwortung, die einen manchmal unter Zeitdruck setzt. Da gibt es Situationen, wo man nur wenige Minuten für den perfekten Take hat.

Und wie ging es mit dem Eichhörnchen?

Benrath: Eichhörnchen sind eigentlich dressurresistent. Aber die Tiertrainer haben erreicht, dass unsere fünf Exemplare an Menschen gewöhnt waren und keine Angst hatten. Sie sind eigentlich sehr scheue Fluchttiere, die einen hohen Blutdruck und einen schnellen Herzschlag haben. Sie haben uns zwar nicht immer das geliefert, was wir uns gewünscht haben, aber was sie dann gezeigt haben, war oft hundert Mal zauberhafter. Mit Waschbären zu drehen, ist aber wahrscheinlich entspannter, die sind nicht ganz so schnell.

Es ist unübersehbar, dass Rocca eine zeitgenössische Pippi Langstrumpf ist. Mit welchen Kinderbüchern sind Sie aufgewachsen?

Benrath: Pippi war für mich eine der wichtigsten Figuren überhaupt. Es gibt auch heute noch viele Kinder, die gern wie sie sein wollen, denn sie transportiert so viel Abenteuergeist und Selbstbewusstsein. Ich bin mit der Literatur von Astrid Lindgren, Michael Ende und Erich Kästner aufgewachsen. Es war für mich sehr wichtig, die Werke dieser Menschen zu lesen, weil sie Kinder wirklich ernst nehmen. Kinder nehmen darin ihr Leben in die Hand und versuchen die Welt, in der sie leben, so gut sie können zu gestalten. Das ist der Geist, in dem auch Rocca lebt.

Bevor Sie Filmemacherin geworden sind, haben Sie eine Schneiderlehre gemacht. Wie kam das?

Benrath: Meine ganze Jugend war durch das Theater geprägt. Ich habe Schultheater und Musicals gespielt und initiiert, jedes Jahr das plattdeutsche Krippenspiel im Lübecker Katharineum aufgeführt, gesungen, Bühnenbilder gebaut, Texte geschrieben, Kostüme genäht. Ich wollte Schauspielerin werden, habe mich am Ende aber doch nicht getraut. Weil es meine nächstgrößere Leidenschaft war, habe ich die Schneiderlehre am Theater gemacht, an den Wuppertaler Bühnen und auch für Pina Bausch genäht. Ich habe dort unfassbar inspirierende Momente erlebt. Wim Wenders‘ Film über sie ist für mich eine Erinnerung an alte Zeiten. Viele der Tänzer, die da tanzen, habe ich mit benäht. Danach habe ich übrigens zwölf Jahre in Wien gelebt, Schauspiel und Gesang studiert und meine ersten Kurzfilme gedreht. Danach erst bin ich nach Hamburg gekommen.

Für Ihren eher politischen Kurzfilm „Watu Wote“ haben Sie den Studenten-Oscar gewonnen. Hat diese Auszeichnung Ihnen ­Türen geöffnet?

Benrath: Das hat schon viel Aufmerksamkeit erregt. Ich habe jetzt die Möglichkeit, mit zahlreichen Menschen aus der Branche in Kontakt zu treten. Viele kommen aber auch auf mich zu. Diese Roter-Teppich-Zeremonien sind gar nicht so meine Welt. Aber ein Türöffner war die Auszeichnung schon.

Haben Sie in Hamburg alles, was sie brauchen, um gute Filme zu machen?

Benrath: Ich glaube ja. Ich habe auch gerade Drehbücher aus Köln und den USA auf dem Schreibtisch liegen. Aber Hamburg hat eine tolle Filmszene, und ich hoffe, dass ich hier bleibe und arbeite. Der Norden wird mich so schnell nicht los.