Literatur

Der Krimi zur Debatte: Wolfsjagd im Wendland

Rolf Dieckmann im Garten vor seinem Haus  im Wendland mit Maylo, einem Schweizer Schäferhund.

Rolf Dieckmann im Garten vor seinem Haus im Wendland mit Maylo, einem Schweizer Schäferhund.

Foto: Jan Haarmeyer

Der Hamburger Autor Rolf Dieckmann hat den Krimi zur Debatte geschrieben – und gleichzeitig eine Hommage an einen Landstrich.

Hamburg. Simander Gerade vor ein paar Tagen hat Rolf Dieckmann wieder einen Nachbarn getroffen, der ihn gefragt hat, ob er denn jetzt schon einmal einen Wolf gesehen habe. „Nö“, hat der Hamburger Autor gesagt. „Aber sei mal sicher“, so der Nachbar, „dass die Wölfe dich sehen.“

Ein Land diskutiert über den Wolf. Faszinierendes Lebewesen, das seine Beute über Entfernungen von bis zu drei Kilometern wittert? Oder gefährliche Bestie, der in Deutschland im Jahr 2017 mehr als 1600 Nutztiere, zumeist Schafe oder Ziegen, zum Opfer fielen? Beschützen oder abschießen? Das Thema beschäftigt gar den Bundestag. Der Wolf, Ende des 19. Jahrhunderts nahezu ausgerottet, sei durch EU-Richtlinien streng geschützt, so die einen. Die Ängste der Tierhalter und der Menschen im ländlichen Raum müssten endlich ernst genommen werden, so die anderen. In Deutschland gebe es inzwischen 73 Rudel, die Zahl wachse exponentiell, die Politik aber habe diese Dynamik noch nicht erkannt.

Stoff genug auf jeden Fall für einen Krimi. Als vor einigen Wochen „Es sind Wölfe im Wald“ erschienen ist, kochte die Debatte über den gefährlichen Vierbeiner, der sich nun wieder in Deutschland breit macht, wieder einmal hoch.

„Der Wolf ist ein Lebewesen“

Rolf Dieckmann kann beide Seiten verstehen. „Der Wolf ist ein Lebewesen, und wenn man ihn jetzt wieder zum Abschuss freigibt, könnte man das mit der gleichen Logik auch mit Löwen und Tigern machen.“ Andererseits hat der 72-Jährige im Zuge seiner Buch-Recherchen auch mit Schäfern gesprochen, die ihm sehr deutlich gemacht haben, dass ohne eigene Herdenschutzhunde ihre Schafe längst alle tot wären.

Dass er quasi den Krimi zur Wolfs-Debatte schreiben würde, hat Rolf Dieckmann so nicht geplant. Vor neun Jahren hat sich der frühere „Stern“-Redakteur im Wendland in dem 200-Seelen-Dorf Simander ein Haus gekauft. Auf dem 4000 Quadratmeter großen Grundstück steht noch eine riesige Scheune, davor hat er einen Badeteich angelegt, hinter einem Acker beginnt der Wald. Viel mehr Idylle geht nicht.

Wendland mit seinen eigensinnigen Bewohnern

Nach zwei Toskana-Romanen wollte Dieckmann nun mit „Es sind Wölfe im Wald“ zu allererst einmal eine Liebeserklärung an das Wendland mit seinen eigenwilligen Bewohnern schreiben. Was nicht so leicht war, sagt er, „weil man ja sehr nahe dran an ist an den Leuten, die hier leben, und niemanden verletzen will“. Bodenständige Mannsbilder, durchgeknallte Typen, kauzige Künstlerinnen. Da spart der langjährige Ressortleiter für „Humor & Satire“ auch nicht mit feinem Spott, wenn er schreibt: „Im Wendland brauchst du nur ein paar große Steine in den Vorgarten zu stellen und behaupten, das sei konzeptionelle Kunst. Die Gemeinde der Kulturbeflissenen wird dich lieben und akzeptieren.“

Rolf Dieckmann liebt, das liest man, die Menschen in seiner neuen Heimat. Diese Mischung aus unaufgeregten Einheimischen und kreativen Zugereisten. Die sich vor rund 40 Jahren in der Anti-Gorleben-Bewegung zu einer kraftvollen Solidargemeinschaft im Kampf gegen das Atommüll-Lager und die späteren Castortransporte vereint haben. „Der Widerstand war immer fantasievoll und ist heute ungebrochen.“

Dieckmann ist Chefredakteur von „Landluft"

Gerne erzählt der Hobby-Gitarrist die Geschichte, als er Mitte der 1990er Jahre mit seiner Band erstmals im Wendland unterwegs war, im Dunkeln den Ort Weitsche suchte und dann auf das Ortsschild „Gorleben“ traf. Also sind sie umgekehrt, und stießen nach zehn Minuten wieder auf ein Ortsschild: „Gorleben“. Sind wir im Kreis gefahren? „Wir sind jetzt alle Gorleben“, hat ihnen ein Bauer mit verschränkten Armen zugerufen. Die Bewohner hatten einfach überall im Wendland die Ortsschilder überklebt. Und damit auch die 15.000 aus dem Bundesgebiet angereisten Polizisten mächtig verwirrt.

Oder als sie Wochen später angekündigt haben: „Wir sprengen morgen die Gleise.“ Und am nächsten Tag sind ein Dutzend kleine Kinder aus dem Bus gestiegen und haben, mit Gießkannen in der Hand, die Gleise gesprengt – umringt von einer Hundertschaft staunender Polizisten.

Dieckmann kennt hunderte solcher Geschichten. Sie waren sehr hilfreich für seinen ersten Krimi. Genau wie die Tatsache, dass er vor zehn Jahren zum Gründungsteam des Magazins „Landluft“ gehörte. Es erscheint einmal im Jahr, Dieckmann ist Chefredakteur. Auf 180 Seiten werden dort die Menschen aus dem Wendland beschrieben. Künstler, Landwirte, Handwerker, Wildkräuterexperten, Ziegenhirten, Gastronomen, nette Rocker aus dem Rundlings-Dorf.

Die Hauptfigur in Dieckmanns Krimi aber kommt aus Hamburg. Kriminaloberkommissar Erik Corvin, der sich in seine alte Heimat nach Dannenberg versetzen lässt. Und dort in den Wäldern des Wendlands einen mörderischen Bogenschützen jagt, der scheinbar wahllos Menschen tötet. Der Krimi nimmt zunehmend Fahrt auf und wird vor allem von den Dialogen vorangetrieben. „Ich schreibe sehr gerne Dialoge“, sagt Dieckmann, der auch schon Drehbücher verfasst hat. „Manchmal“, sagt er, „bin ich sogar ganz früh morgens aufgestanden, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht.“

.