Lesung im Literaturhaus

Literaturstars der Buchmesse lesen in Hamburg

Matthias Nawrat ist einer der fünf Finalisten beim Leipziger Buchpreis.

Matthias Nawrat ist einer der fünf Finalisten beim Leipziger Buchpreis.

Foto: Yves Noir

Wer gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse? Finalisten stellen sich im Literaturhaus vor. Dabei: Der erste Roman für Powerfrauen.

Hamburg. Am 21. März wird der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben, der in den Kategorien „Sachbuch“, „Übersetzung“ und „Belletristik“ jeweils mit 20.000 Euro dotiert ist. Die Belletristik zieht stets das größte Interesse auf sich. Traditionell stellen sich die fünf Finalisten im Hamburger Literaturhaus vor. So auch in diesem Jahr, in dem die Auswahl beileibe nicht schlecht zu nennen ist.


„Die Geschichte der Frau“ von Feridun Zaimoglu (Kiwi, 24 Euro)

„Vier Schüsse, zwei Männer. Eine Frau.“ heißen die letzten Sätze dieses Buchs, das mindestens ungewöhnlich ist, ganz sicher feministisch und natürlich so überaus, aber am Ende dann eben doch nicht enervierend zeitgeistig. Es ist nicht die schlechteste Idee, der neuen Selbstermächtigung der Frau ein literarisches Fanal zur Seite zu stellen. Und noch besser, wenn dieses auf der Selbstermächtigung eines Mannes beruht!

Feridun Zaimoglu, der Kieler Wortgewaltige, schlüpft nicht nur in die Rolle der Frau, er ist sogar so furchtlos, die versuchte Mörderin Valerie Solanas in seinem x-chromosomalen Powerreigen unterzubringen. Und zwar als Frau, die sich von Andy Warhol künstlerisch ausgenutzt fühlte und den Kunst-Zar am 3. Juni 1968 mit einer Pistole zu töten versuchte. Warhols Begleiter, einen Kunstkritiker, streckte sie auch nieder, wenn schon, denn schon.

Sie war, so wie Zaimoglu sie beschreibt, eine wütende, homophobe, männerhassende Frau. „Nach ihren Siegen lernten die Männer,/Ruhmestaten zu erdichten./Sie schrieben, sich erlügend, ihre Sagen./Dies ist der Große Gesang, der ihre Lügen tilgt./Es spricht die Frau./Es beginnt“ – das hat Zaimoglu seinen zehn in verschiedenen Tonalitäten geschrieben Stücken vorangestellt. Zuletzt hat er sich in „Evangelio“ die Luthersprache anverwandelt.

Diesmal und im Namen der Frau werden Bibel, griechische Mythologie und das Nibelungenlied beehrt. Von 1490 v. Chr. bis 1968, von Zippora, der Frau des Moses, Antigone, Brunhild bis zu den Erfindungen von Zaimoglu selbst, einer roten Bürgerstochter im 19. Jahrhundert, einer norddeutschen Trümmerfrau, einer Gastarbeiterin der ersten Stunde: Mit Kraft und Pathos stellt Zaimoglu seine Frauenfiguren hinein in eine von auch lächerlichen Männern gemachte Welt. Er will sie erklärtermaßen aus dem Abseits der sonst erzählten Geschichten holen, in denen sie am Rand stehen. Das gelingt ihm. Aber bisweilen anstrengend ist das archaische Satzgewitter gerade am Anfang: Das ist halt das Donnergrollen des anti-maskulinen Chorgesanges.



„Der unsichtbare Gast“ von Matthias Nawrat (Rowohlt, 22 Euro)

Feridun Zaimoglu ist es, der den 1979 in Opole/Oppeln geborenen Matthias Nawrat auf dem Buchumschlag den Lorbeerkranz aufsetzt. „Der herrliche Erzähler Matthias Nawrat hat uns eingewickelt, im besten dichterischen Sinn“, heißt es da. Hinsichtlich seines neuen Romans „Der traurige Gast“ stimmt das unbedingt. Es ist ein eigenartiges Buch, dessen Sog man sich nicht entziehen kann.

Obwohl, vielleicht sogar weil der Erzähler eine exorbitant durchlässige Person ist: Er ist ganz Medium, durch den sich die Geschichten der anderen erzählen. Die von Dorota, der Architektin, die viele Männer liebte und nun allein ist. Die von Dariusz, der an der Tanke arbeitet, obwohl er eigentlich Chirurg ist. Ihre Verlustleben – ausgehend von der polnischen Heimat, aus der sie nach Berlin fanden – kontrastieren mit der, nennen wir es mal: Unaufgeregtheit der Erzählerexistenz.

Dieser Erzähler bleibt namenlos. Man erfährt von den Malaisen seines Vaters, von seiner polnischen Herkunft und davon, wie er sich den Terror vom Leibe hält: Als am Breitscheidplatz ein LKW in den Weihnachtsmarkt fährt, schaut er gerade Netflix. Und er tut es dann auch weiter, was auch sonst? Dieser merkwürdig blasse Mann, der hier erzählt, tritt eben hinter die Personen zurück, die seinen Weg kreuzen. „Der traurige Gast“ ist ein Buch über Einwanderung, und die Literatur wurde geschaffen, damit der Autor aus seinem eigenen Leben auswandern kann.

„Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling (Verbrecher Verlag, 22 Euro)

Vermutlich auch nicht ganz unbiografisch: Anke Stellings bereits im vergangenen Sommer erschienener Aggro-Berlin-Roman „Schäfchen im Trockenen“. Und was ist das für ein sensationell wütendes, ungnädiges und wahres Buch! Was nach Klischee klingt, wurde erstmals so aufgeschrieben, wie es sich verhält. Das alles, das Leben zwischen Bürgertum und Künstlertum, zwischen Endlich-Ankommen und Ewig-Aufbrechen, zwischen Anpassung und Sich-treu-Bleiben.

„Das muss man sich leisten können“ – der Satz, der Resi derart in Harnisch bringt, dass sie gar nicht anders kann, als auszuteilen. Vier Kinder hat sie, was mutig ist. Und noch mutiger, wenn beide Elternteile im Kreativmilieu unterwegs sind. Wenig Geld, viel Hader. Die Freunde haben ein gemeinsames Bauprojekt verwirklicht, bei dem sie selbst mit ihrer Familie nicht mitmachen kann. Aus finanziellen Gründen und denen des Stolzes. Also wird sie exkommuniziert aus der Gruppe jener Arrivierten, und das Resultat ist ein brillant geschriebener Zorntext, in dem Resi ihrer ältesten Tochter erklärt, wie das alles hat passieren können. Diese kreative, mal alternativ gemeinte Schicht ist wie die Viertel selbst, in denen sie leben: Die Ansprüche und Haltungen werden schön durchgentrifiziert. Wenn man so wird, wie man nie werden wollte, oder andere dabei betrachtet, wie sie das werden, was sie vorgaben, nie werden zu wollen: Das klingt nach ausgenudelt, aber hier ist es so schön garstig aufgeschrieben. In „Die Schäfchen im Trockenen“ wird von allem erzählt, auch dem Jungsein, das manchmal für alle gleich ist, egal, in welches Milieu sie gehören. Über die gute, alte Promiskuität heißt es einmal: „Ja, ist schon klar, das kann man sich nur leisten, wenn man jung ist. Weil das eklig ist, dieses hemmungslose, haltlose Rumgemache. Wo schwappt das hin, wer wischt das auf? Solange man jung ist, stinkt’s noch nicht so.“ Herrliche Sätze, klare Buchpreis-Prosa.


„Babel“ von Kenah Cusanit (Hanser, 23 Euro)

Der Debütroman einer Altorientalistin! Über den großen Archäologen Robert Koldewey! So was muss man können. Und Cusanit, 1979 in Blankenburg geboren, genau wie Koldewey übrigens, kann es über allerweiteste Strecken. Wenn sie Koldeweys 1913 im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft betriebene Ausgrabung Babylons in Szene setzt, gerät ihr das nur selten zu geschichtslehrbuchig.

Viel mehr ist es so, dass sie dem Tun der nach Weltgeltung strebenden Deutschen, die wie auch die Engländer und Franzosen im Staub des Morgenlands buddelten, große Komik abgewinnt. Außerdem muss man „Babel“ als vielleicht gar nicht intendierten Kommentar zur aktuellen Restitutionsdebatte lesen. Die Form des Erzählens passt dann auch zu den Vorgängen in der Museumspolitik: Hier geschieht alles in Zeitlupe. Und es bannt sich Zeitgeschichte wie unter dem Brennglas.

Koldewey, der kein junger Mann mehr ist, hat zu viel Limonade getrunken. Nun befürchtet er, einen gereizten Blinddarm zu haben. Der „Grundriss der Inneren Medizin“ rät, sich tunlichst nicht zu bewegen. Und das macht er dann erst mal, guckt von seiner Stube auf die Ausgrabungsstätte. Denkt nach. Über die Ansprüche derer in Berlin. Über die Unzulänglichkeiten der Untergebenen. Über die Kollegen und Konkurrenten. Über Gertrude Bell, die Fotografin. Archäologiegeschichte, locker und formbewusst aus dem Ärmel geschüttelt, und mit Hang zum Bizarren erzählt, vom Ernst des Vorhabens auf den Witz des Humanen heruntergebrochen: Kann man so machen.


„Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš (Luchterhand, 24 Euro)

Zwei Hardcore-Trantüten auf Tour: So könnte man Jaroslav Rudiš’ Roman „Winterbergs letzte Reise“ in einem Slogan zusammenfassen. Muss man aber nicht. Man könnte diesen Roman über eine Eisenbahnfahrt durch die Mitte Europas auch eine Beschwörung der guten und bösen Geister der Vergangenheit mithilfe „historischer Anfälle“ nennen. Die schreibt der tschechische Schriftsteller Rudiš seinem Helden Wenzel Winterberg mit ebendiesen Worten ins Verhaltensrepertoire. Er lebt es in diesem erstaunlichen Buch – es ist das erste von Jaroslav Rudiš auf Deutsch – entschieden aus: ein K.-u.-K.-Melancholiker mit der selbst ausgestellten Lizenz zum geschichtssüchtigen Sabbeln.

99 Jahre ist er alt, und Adressat seiner Suaden ist, nach ihm selbst, der Berliner Altenpfleger Jan Kraus, der normalerweise mit Todkranken auf „Überfahrt“ geht, auf eine vorletzte Reise vor der letzten in eine andere Welt. Aber Winterberg, der Sudetendeutsche, der schon gelähmt darniederlag, bevor er Kraus traf, will nicht sterben, manisch hetzt er, plötzlich wieder mobil, wie die Geschichte selbst von Schauplatz zu Schauplatz. Kraus, ein unter dramatischen Umständen aus dem Ostblock entkommener Mann, stammt aus Winterberg, tschechisch Vimperk, und er muss zwischen Bier-Exerzitien und Baedeker-Lesungen eigene, auch romantische Traumata verarbeiten.

Das seltsame Paar Winterberg/Kraus klappert die Gedächtnisorte des ehemaligen Kakaniens ab, mit besonderem Augenmerk auf Böhmen und einer Art Ur­katastrophe deutscher Verständigung: dem Schlachtfeld Königgrätz, auf dem sich einst Österreicher und Preußen die Köpfe einhieben. Viel Dialog, Humor, Geschichte im Quadrat, Bier literweise – dies ist ein Trip mit nur gelegentlichen Längen.

Lesung „Preis der Leipziger Buch­messe“ Di 5.3., 19.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38, die Lesung ist ausverkauft!; www.literaturhaus-hamburg.de

Abendblatt-Buch des Monats von Julian Barnes
Abendblatt-Buch des Monats: Julian Barnes "Die einzige Geschichte"