Hamburg

Laurie Anderson übernimmt die Elbphilharmonie

Die Avantgardekünstlerin Laurie Anderson, hier bei einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall

Die Avantgardekünstlerin Laurie Anderson, hier bei einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall

Foto: Ilya S. Savenok / Getty Images for Tibet House

Kommende Woche wird die Avantgardekünstlerin aus New York für vier Tage das Programm der Elbphilharmonie bestimmen.

Wenn ein Konzerthaus wie die Elbphilharmonie sein Programm gestaltet, kontaktiert die zuständige Abteilung die Künstler, die man gern auftreten lassen möchte. Bei Laurie Anderson ging der Weg andersherum. Die Komponistin, eine der herausragenden Avantgardekünstlerinnen der Gegenwart, wandte sich ihrerseits an die Elbphilharmonie und fragte nach der Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Der Transgender-Sänger Anohni, der in der Eröffnungssaison im Großen Saal gastierte, hatte Laurie Anderson begeistert von der neuen Konzerthalle in Hamburg erzählt.

Betriebsdirektor Nils Hansen und Intendant Christoph Lieben-Seutter zögerten nach dem Anruf der New Yorkerin keinen Moment und entwarfen mit ihr ein viertägiges Programm. In der „Reflektor“-Reihe ist die Elbphilharmonie mit allen Sälen und sogar mit dem Foyer zwischen dem 25. und dem 28. Februar in der künstlerischen Hand von Laurie Anderson.

Laurie Anderson wird um die Auftritte in der Elbphilharmonie beneidet

„Ich kenne eine ganze Reihe von Musikern, die mich um diese Möglichkeit in Hamburg beneiden. Es hat sich schnell herumgesprochen, was für ein toller Ort die Elbphilharmonie ist“, sagt sie kurz nach ihrer Ankunft im „Green Room“ bei einem Pressegespräch.

Man muss die inzwischen 71 Jahre alte Künstlerin nur mit einem Begriff oder einer kurzen Frage anstoßen, schon sprudeln pointiert erzählte Geschichten oder kluge Gedanken über Spiritualität, Klimawandel oder die Bedeutung von Frauen im gegenwärtigen Kulturbetrieb aus ihr heraus. Anderson erzählt auch eine Menge Details über das Programm der kommenden Tage.

Der Eröffnungsabend im Kleinen Saal wird eine verlässliche Struktur haben

Zur Eröffnung ihres „Reflektors“ geht es um Tod und Transformation. Gemeinsam mit dem tibetischen Sänger und Lautenspieler Tenzin Choegyal, dem Cellisten Rubin Kodheli und weiteren Gästen wird sie Texte aus dem „Bardo Thödröl“ singen und sprechen. Das „Bardo“ gehört zu den wichtigen Werken spiritueller Literatur und ist als „Tibetisches Totenbuch“ bekannt.

„Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“ lautet die genauere Übersetzung des aus dem 8. Jahrhundert stammenden Textes, den tibetische Lamas ins Ohr Sterbender rezitieren. Dabei geht es um tibetisch-buddhistische Vorstellungen über den Zustand der Seele nach dem Tod und vor der Wiedergeburt.„Es stehen wunderschöne und einfache Sätze im ,Bardo’, die Tenzin für das Konzert übersetzt hat“, so Anderson. Sie räumt ein, dass der Eröffnungsabend im Kleinen Saal die am meisten verlässliche Struktur haben wird, die durch die Texte vorgegeben wird.

„Wir wissen nicht, welche Note wir als nächstes spielen werden“

„Die anderen Abende werden auf Improvisationen basieren. Wir wissen nicht, welche Note wir als nächstes spielen werden“, kündigt Anderson mit einem spitzbübischen Grinsen an: „Ich habe für die Musiker ein paar Instruktionen geschrieben. Mal sehen, was dabei herauskommt.“ Auf diesen freien Umgang mit Klängen ist Anderson durch den New Yorker Saxofonisten John Zorn gekommen, der vor einem Jahr auch schon mal einen ganzen Abend und die halbe Nacht die Elbphilharmonie bespielt hat.

„Ich wollte früher jedes Stück genau notiert haben. Dann kam John und sagte: ,Lass uns losspielen. Wer fängt an?’ Ich hielt das anfangs für eine schlechte Idee, die im Chaos enden würde. Aber das Gegenteil ist der Fall. Improvisieren bedeutet genaues Hören. Das ist für die Musiker und auch für die Zuschauer anspruchsvoll“, sagt Anderson.

Musikalische Geschichten im ausverkauften Großen Saal

Über den Abend „Lost“ am 26. Februar im Kleinen Saal der Elbphilharmonie schreibt sie: „Mich zu verirren, die Orientierung zu verlieren ist für mich ein Weg zur Freiheit“. Ihre Partner durch den musikalischen Irrgarten sind der Cellist Rubin Kodheli und der Bassist Greg Cohen, sie selbst wird Geige spielen, singen und elektronische Geräte einsetzen.

„Scenes from My Radio Play“ und „Here Comes The Ocean“ heißen die Abende am 27. und 28. Februar im bereits ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie. Für diese Abende hat Anderson eine Reihe von ihr geschätzter Musiker eingeladen, mit denen sie gemeinsam ihre musikalischen Geschichten erzählen wird. Sie versteht sich als Künstlerin, die Texte, Musik, Theater, Video, Bildende Kunst und Elektronik zu einem homogenen Ganzen verschmilzt, was ihr in den vergangenen Jahrzehnten in ihren Multimedia-Shows auch gelungen ist.

Auch das Ensemble Resonanz wird Teil des „Reflektors“

Von 1992 bis zu seinem Tod 2013 war Anderson mit Lou Reed verheiratet, dem Gitarristen der legendären Velvet Underground und einem der überragenden Rockmusiker seiner Zeit. Aus seinen Erfahrungen mit Rückkoppelungen zwischen Gitarre und Lautsprechern ist die Installation „Listen Behind You“ im Kaistudio 1 entstanden, und auch in „Here Comes The Ocean“ werden der Gitarren-Drohnen-Sounds eingesetzt. Auch das Hamburger Ensemble Resonanz ist in die „Reflektor“-Serie eingebunden. Vor den Konzerten am 27. und 28. spielt das Streichorchester Andersons Komposition „Sol“. Sie ist dem Konzeptkünstler Sol LeWitt (1928-2007) gewidmet und wird im Foyer des 13. Stockwerks erklingen. „Jeder Ort ist ein Experiment“, sagt Laurie Anderson. Bei diesem „Reflektor“ gibt es viel zu entdecken.