Hamburger Regisseur

Fatih Akin: Goldener Handschuh nüchtern nicht zu ertragen

Regisseur Fatih Akin beim „Warm-up“ der Filmförderung FFHSH vor dem Filmplakat.

Regisseur Fatih Akin beim „Warm-up“ der Filmförderung FFHSH vor dem Filmplakat.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Sein erster Horrorfilm feiert bei der Berlinale Weltpremiere. Im Interview spricht er über Fritz Honka, die Kiezkneipe und Filmemachen.

Hamburg. Mit seinem ersten Horrorfilm kehrt der Hamburger Regisseur, Drehbuchautor und Produzent zurück an die Stätte seines ersten großen Erfolgs. Bei der Berlinale gewann der Hamburger 2004 mit dem Drama „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. In seinem neuen Film erzählt er in teilweise drastischen Szenen von einem historischen Kriminalfall und Frauenmörder, der in den 1970er-Jahren in der Hansestadt sein Unwesen trieb.

Der Roman von Heinz Strunk erzählt von dem Frauenmörder Fritz Honka, der seine Opfer in der Kiezkneipe Zum Goldenen Handschuh fand. Das Buch wurde, überraschend, ein Bestseller. Was hat dich daran gereizt, es zu verfilmen?

Fatih Akin: Mir gefällt an dem Buch, dass Heinz Strunk es geschafft hat, sowohl den Opfern als auch Fritz Honka eine Würde zu geben. Honka ist für mich nicht ein Serienmörder wie Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“. Der mordet in den USA und ist ohnehin nur eine fiktive Figur. Honka war ein realer Mensch aus meiner Nachbarschaft. Als ich in der Grundschule war, hieß es: Pass auf, sonst kommt der Mitschnacker oder der Honka! Er war eine Angstfigur meiner Kindheit. Ich brauche immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff. Es gibt übrigens noch einen interessanten Punkt: Zu den Griechen, die in Strunks Roman vorkommen, gehörte tatsächlich der Patenonkel von Adam Bousdoukos! Er hat mit seiner Familie im selben Haus wie Honka gewohnt. Bei einem Filmfest in Saloniki habe ich Adams Cousine kennengelernt. Sie hat mir die Geschichte mit den Maden erzählt, die von den Dachbalken fielen. Damals war sie noch ein Kind. Und so musste Adam natürlich seinen Onkel spielen.

Ich habe mir überlegt, wie ich mit der Gewalt umgehe, damit der Film nicht so aussieht, als hätte Tarantino ihn gemacht. Wir wollen die Gewalt nicht wegwischen oder wegschneiden, aber visuelle Wege finden, sie nicht explizit zu zeigen. Sie soll im Kopf entstehen. Honka geht mit der Säge auf die tote Frau zu, man hört ihn sägen, den Rest kann man sich denken. Oder: Ihn nervt das Gelaber der letzten Frau, also schneidet er ihr die Zunge ab. Man sieht, wie er mit der Schere auf sie zugeht. Man sieht ihn aber nur von hinten, weil er das, was er tut, mit dem Rücken abdeckt, hört sie aber schreien. Dann schneiden wir zu den Nachbarn, den Griechen, die gerade Hammelkopfsuppe machen, und Adam schneidet von dem gekochten Kopf die Zunge ab. Es galt einen Weg zu finden, um Gewalt zu erzählen, ohne sie zu zeigen.

Dies ist deine zweite Literaturverfilmung. In diesem Fall lebt der Autor noch.

Akin: Ich habe eine Rezension über den Roman gesehen, bevor er überhaupt auf den Markt kam. Ich habe mir am Tag der Erscheinung das Buch gekauft und hatte eine Stunde später schon die Hälfte durchgelesen. Dann habe ich bei Rowohlt angerufen, bevor irgendjemand anders mir zuvorkommen konnte. Das war ein Kauf, ähnlich wie beim Fußball: Hauptsache, der Kerl spielt nicht für eine andere Mannschaft. Einfach zu verfilmen ist das Buch nicht. Den Roman „Tschick“ hätte man auch als Drehbuch benutzen können. Hier musste man viel puzzeln. Die andere Frage war, ob das überhaupt jemand sehen will, weil die Welt, in der das spielt, sehr hässlich ist. Ich bin mit Charles Bu­kows­ki sozialisiert worden.

Den habe ich als Teenie gelesen, und es hat mich fasziniert. Über ihn, Hubert Selby, Ce­line und Victor Hugo bin ich auf so eine Welt gestoßen, die mich schon immer interessiert hat: die Welt der Kaputten. Gleichzeitig mochte ich auch Filme wie „Freaks“ von Tod Browning oder „Henry: Portrait Of A Serial Killer“ von John McNaughton. Beide Filme sind Horrorfilme. Mich haben Außenseiter immer angezogen. Warum, weiß ich nicht. Verlierer stehen mir bis heute viel Näher als Gewinner. Ich war todtraurig als „Barfly“ von Barbet Schroeder verfilmt wurde, denn das hätte ich gern selbst gemacht. Ich wollte schon immer Bukows­ki verfilmen. Eigentlich ist „Der Goldene Handschuh“ meine Bukowski-Verfilmung, von der ich immer geträumt habe.

Es war naheliegend, das Thema mit dem Strunk-Roman anzugehen, weil der in meinen Straßen spielt und eben nicht in Los Angeles. Ich war mir aber nicht sicher, ob ich das überhaupt machen sollte. Dann habe ich Heinz Strunk getroffen und ihm von meinen Bedenken erzählt. Er hat mich eingeladen, zu seiner Lesung in die Fa­brik zu kommen, und dass wir uns mal im Goldenen Handschuh treffen. Ich bin zu der Lesung gegangen. Die Veranstaltung war ausverkauft.

Heinz Strunk hat viele Fans.

Akin: Ich hatte Strunks erstes Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ gelesen und fand es unterhaltsam, Christian Görlitz hat es verfilmt. „Der Goldene Handschuh“ fand ich aber großartig! Traurig! Bei der Lesung in der Fabrik haben fast alle Leute gelacht. Ich habe den Roman gar nicht als witzig empfunden, auch wenn er mit schwarzem Humor arbeitet.

Die Leute dachten eben, jetzt kommt wieder der lustige Mann von Studio Braun.

Akin: Wahrscheinlich. Und dann sind Strunk und ich zusammen in den Goldenen Handschuh gegangen. Meine Frau Monique hat früher ganz in der Nähe in der Hein-Hoyer-Straße gewohnt. Vielleicht war ich in dem Laden, um Zigaretten zu holen, aber eigentlich ging man da nicht rein. In den 1980er-Jahren hatte der Laden den Ruf, eine Nazi-Kneipe oder zumindest eine für HSV-Fans zu sein. So richtig bin ich da zum ersten Mal mit Strunk rein. Es war ein Mittwoch, und ich saß bald neben einer „Säber-Alma“, wie es im Roman heißt. Sie war wohl um die 70, kam an unseren Tisch und hat mich ein bisschen angebaggert.

Ich habe sie gefragt, wer sie ist, und warum sie hierherkommt. Sie hat mir erzählt, sie sei 40 Jahre verheiratet gewesen. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat ihr Mann sie verlassen. Seitdem kommt sie in den Laden, um ihre Rente zu versaufen. Da hat sie angefangen zu weinen. Die Begegnung mit dieser Frau ging mir sehr nah, sie hat mich irgendwie kalt erwischt. Ich bin an dem Abend beunruhigt und melancholisch schlafen gegangen. Am nächsten Morgen war mir der Weltschmerz dieser Frau immer noch präsent. Es ist mir näher gegangen, als ich eigentlich dachte. Es machte mich depressiv. Ich habe mich gefragt, was das ist, was mir daran so wehtut. Ich wollte mich dem stellen.

Es war ein Raum in mir, den ich noch nicht kannte. Nun bin ich neugierig, davon lebe ich. Nach dieser Begegnung habe ich die Entscheidung getroffen, den Film zu machen. Während der Vorbereitung der Dreharbeiten bin ich beinahe Stammgast im Goldenen Handschuh geworden. Ich bin begeistert von dem Laden, er hat mich bereichert. Zurzeit gehe ich da nicht hin, weil man es nüchtern nicht erträgt, man muss da trinken, viel trinken! Aber alles, was an Gegenkultur und alternativen Lebensentwürfen in dieser Stadt einmal existiert hat, stirbt nach und nach aus, es wird weggentrifiziert. Das gab es mal in der Schanze, Altona und in St. Pauli, als Restinsel gibt es so etwas noch in einem Laden wie dem Goldenen Handschuh. Da sind die Lebensentwürfe nicht so uniformiert. Ich komme aus einer urbanen Subkultur und habe stets eine tiefe Sehnsucht danach.

Hast du mal überlegt, vor Ort in dem Lokal zu drehen?

Akin: Ich habe mich von Handschuh-Betreiber Sascha Nürnberg beraten lassen. Was schenken sie wie aus? In welchem Verhältnis mischt man Fanta und Korn? Was macht der Tresen, wenn mal nichts zu tun ist? Auch Sprüche wie: „Na, du alte Hundelunge“ kommen von ihm. Ich habe ihn gewarnt, dass die Kneipe nach dem Film womöglich eine Touristen-Attraktion wird. Er hat geantwortet: „Mach dir mal keine Sorgen. Den Laden gibt es seit 1956, der hat schon ganz andere Sachen überstanden. Dann machen wir eben mehr Umsatz.“ Wir haben lange überlegt, ob wir vor Ort drehen und den Ausfall zahlen sollten. Aber man verliert beim Drehen schnell die Konzentration, weil es zu viele störende Elemente gibt. Ich wusste, wenn wir in den Laden gehen, werden wir von Säufern und Pennern gestört. Umgekehrt wollte ich die auch nicht stören! Wenn ich in der Kneipe drehe, kann ich den Set nicht dominieren. Das war mir nicht geheuer. Deshalb haben wir die Kneipe im Maßstab 1:1 nachgebaut.

Nicht nur den Goldenen Handschuh habt ihr für den Film nachgebaut, auch die Honka-Wohnung. Beide Räumlichkeiten sind beklemmend gut geworden. Man wunderte sich fast, dass es bei Honka nicht stank.

Akin: Am Ende tat es das doch, weil wir mit Hunderten von Maden gearbeitet haben. Die Wohnung fanden mein Ausstatter Tomo Kunz und ich irgendwie zu geräumig, wir hatten sie größer nachgebaut als das Original. Mit unserer Weitwinkel-Optik wirkte das unpassend. Ich war nach einer Woche kurz davor, alles abzureißen, neu zu bauen und noch mal zu drehen – wenn ich so kompromisslos wie Stanley Kubrick wäre, hätte ich das auch gemacht, aber die Geduld und das Geld habe ich nicht. Ich bat Tamo daraufhin, nach jedem Mord die Wände enger zu ziehen. Man spürt, dass sich die Dinge verdichten. Edgar Allen Poe hätte das wahrscheinlich gefallen. Wir haben alle Sets in den Hallen des ehemaligen Überseezentrums aufgebaut. Es fällt nicht auf, dass sie gebaut sind, weil im Gegenzug die Außensets wie Studio- Sets fotografiert sind. Somit kaschiert das eine das andere. Der Film hat einen ganz eigenen Look. Die Sachen durften nicht verstaubt, alt und monochrom aussehen. In den 90ern mag man das so gemacht haben, aber heutzutage wirkt das wie Mikrofone im Bild.

Wie lange habt ihr gedreht?

Akin: Ich hatte ursprünglich 31 Drehtage angesetzt, die dann auf 33 verlängert wurden. Der „Goldene Handschuh“ war anstrengender als alles, was ich vorher gemacht habe, weil es so langsam voranging. Es war der zäheste Dreh, den ich je hatte.

Wie bist du auf Jonas Dassler als Honka gekommen?

Akin: Meine Frau Monique macht meine Castings. Als wir beim Bayerischen Filmpreis für „Aus dem Nichts“ ausgezeichnet wurden, kam Jonas auf die Bühne und wurde als bester Nachwuchsschauspieler geehrt. Er war total aufgedreht, strich sich ständig durchs Haar, hatte er aber eine wahnsinnige Präsenz. Monique hat damals zu mir gesagt: „Der Typ zehn Jahre älter ist dein Honka.“ Damit fingen die Zahnräder an, sich zu drehen, denn eine heftige Maske war auf jeden Fall nötig. Wer immer das gespielt hätte, hätte diese physische Umwandlung durchmachen müssen: Honka sah mit seiner gebrochenen Nase, den kaputten Zähnen und diesem markanten Schielen einmalig aus.

Für die Maske waren die Zähne, die schiefe Nase und die kaputte Haut kein Problem. Was wir nicht hatten, war das Schielen. Kurz bevor Drehbeginn hatte ich Besuch aus der Türkei und habe einem befreundeten Filmemacher davon erzählt, was ich vorhabe. Sie haben sich die Fotos vom echten Honka angesehen und mir gesagt: „Bruder, der Schauspieler muss schielen!“ Wir haben in London eine riesengroße Kontaktlinse herstellen lassen. Anstatt der Iris zeigt sie einen angemalten Glaskörper. Man konnte sie aber nur eine halbe Stunde am Stück tragen, danach musste man sie wieder abnehmen. Wir haben zusätzlich noch eine Brille hergestellt, die Honkas Sehfehler korrigieren sollte. Immer, wenn er einen Mord begangen hat, trägt er die aber nicht.

Die Maske muss für Jonas Dassler eine Tortur gewesen sein.

Akin: Der erste Maskentest, also noch bevor wir überhaupt gedreht haben, hat sechs Stunden gedauert. Später haben wir die Zeit auf zweieinhalb Stunden gedrückt, dazu kam noch eine halbe Stunde für das Schielen. Wir haben in einem wahnsinnig heißen Sommer gedreht, und Jonas hat unter den Prothesen geschwitzt, die dann Blubberblasen unter der Haut machten. Seine Rolle war körperlich wahnsinnig anstrengend, er musste mit Akzent sprechen, hatte eine Tonne Maske im Gesicht, musste humpeln ... Er hat das so toll gemacht und dabei diese Figur erschaffen, die in der Tradition von Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ steht. Wir haben in der Vorbereitung auch den Glöckner-Film mit Anthony Quinn geguckt. Tatsächlich hatte Jonas keine Angst vor nichts und hat alles ausprobiert. Aber auch die Frauen waren gut und vor allem auch sehr mutig, gerade auch wenn es um Nacktheit geht. Mit Jonas habe ich genau den Richtigen besetzt. Der Film bietet viele Fallen. Die Hauptrolle falsch zu besetzen hätte man mir nicht verziehen. Dann hätte man den Film wegschmeißen können. Davor hat er mich bewahrt.

„Tschick“, „Aus dem Nichts“ und „Der Goldene Handschuh“ – drei Filme in drei Jahren, eine beachtliche Leistung.

Akin: Im Herbst 2017 war ich etwa einen Monat in Los Angeles auf der Oscar-Tour zu „Aus dem Nichts“. Dort habe ich die erste Fassung zu „Der Goldene Handschuh“ geschrieben, weil es immer abwechselnd zwei Tage etwas zu tun gab, dann hatte ich wieder drei Tage frei. Also habe ich die Gelegenheit genutzt. Im Sommer darauf war schon die Finanzierung durch, das Drehbuch war gut genug, also habe ich gedreht. Und nun kommt kurz nach der Berlinale „Der Goldene Handschuh“ in die Kinos. Ich habe bei „Tschick“ gelernt, schneller zu arbeiten. Für „The Cut“ habe ich fünf Jahre gebraucht. Vielleicht habe ich mich mit „Tschick“ neu erfunden. „Aus dem Nichts“ war ein Thriller, der eigentlich ein Autorenfilm werden sollte.

Er hat eine ähnliche Wut wie „Gegen die Wand“. Aber man hat weniger Wut, je älter man wird, man wird gelassener. „Der Goldene Handschuh“ kommt aus einer ganz anderen Nachbarschaft. Da würde ich mich gern weiter ausprobieren, meine Fühler in neue Bereiche strecken, auch wenn es Filme wie „Aus dem Nichts“ immer geben wird. Und das ist ja auch der Film, der mich jetzt wirklich nach Hollywood gebracht hat, das Angebot der Stephen-King-Verfilmung und die Marlene-Serie gehen darauf zurück. Jetzt, mit Mitte 40, fasziniert mich das Handwerk viel mehr als die Kunst. Wie sagte schon Kafka: „Die Kunst hat das Handwerk nötiger, als das Handwerk die Kunst.“

„Der Goldene Handschuh“ läuft am 21. Februar regulär in den Kinos an. Abendblatt-Autor Volker Behrens, Regisseur Fatih Akin u. a. sind am 25.2., 18.30, zu Gast im Zeise-Kino.