Interview

360 Euro Rente – Goldenen Zitronen droht Altersarmut

Die Goldenen  Zitronen Julius Block, Ted Gaier, Stephan Rath,  Mense Reents und Schorsch Kamerun (v. l.).

Die Goldenen Zitronen Julius Block, Ted Gaier, Stephan Rath, Mense Reents und Schorsch Kamerun (v. l.).

Foto: Frank Egel

Die Hamburger Musiker sprechen über ihr neues Album „More Than A Feeling“, die G-20-Proteste und ihr mulmiges Gefühl in Sachen Rente.

Hamburg.  Seit 35 Jahren sind Die Goldenen Zitronen als Band und als Kollektiv von Künstlern, Theaterregisseuren, Clubbetreibern und Produzenten Teil des Hamburger Kulturgewissens. Auf dem neuen Album „More Than A Feeling“ widmet sich das über die Zeit von der Punk- zur Experimental-Pop-Band gewandelte Ensemble einem breiten Themenkanon vom ­G-20-Gipfel in Hamburg über Gentrifizierung und politischem Populismus bis zur kritischen Selbstreflexion, wie die Ur-Zitronen Schorsch Kamerun und Ted Gaier beim Gespräch im Büro ihrer Plattenfirma Buback Tonträger in der Neustadt erzählen.

Auf Ihrem neuen Album heißt es im Song „Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“: „Welche Demo passt zu mir, zu dieser Band“. Und Sie beantworten das mit „Welcome To Hell“. Warum gerade diese G-20-Demonstration?

Schorsch Kamerun: Weil wir diesen Slogan als gelungen doppeldeutig empfinden. Das ist alles klischeehaft eskaliert, wie gescriptet. Auch wir sind über bestimme Stöckchen gesprungen bei diesem absurd-autoritären Akt G 20. Ted Gaier: Der Wohlstand der Wenigen ist die Hölle der anderen.

Die meisten Menschen, die sich bei G 20 engagierten, waren Menschen „mit fantasievollen Maskeraden und klugen Sprüchen“, heißt es in dem Song. Das lässt sich auch als Abwertung verstehen ...

Gaier: Nein, wir waren ja selber dabei. Mit dem Schwabinggrad Ballett waren wir auf einer friedlichen Demo mit über 80.000 Menschen, die ganze zehn Sekunden in der „Tagesschau“ zu sehen war. So viel zur Bigotterie der Presse, die sofort einen Steifen bekommt, wenn irgendwo etwas anfängt zu brennen.

Das es bei G 20 knallen würde, dürfte allen Seiten vorher bewusst gewesen sein ...

Gaier: Ich hing tagelang im Arrivati-Park herum und habe gesehen, wer in die Schanze gelaufen ist. Sehr dominant waren da zum Beispiel Leute aus Südeuropa, die ganz andere Erfahrungen mit der Austeritätspolitik der EU haben und eine ganz andere Praxis des Kampfes. Und die sich nicht mit Spitzfindigkeiten abgeben wie der Frage, ob die Schanze als linksliberaler Stadtteil vielleicht das falsche Angriffsziel ist. Es gibt auch kein Plenum, auf dem man mit griechischen Anarchisten klären kann, ob und wenn ja welche Ziele okay wären, um sie kaputtzuhauen.

Wünschen Sie sich auch deshalb „Unsere alte BRD“ zurück?

Kamerun: Am schönsten ist es eigentlich, die alte BRD nur zu beschreiben. Mit ihren Gerüchen, Farben ...

Grau, hellgrau, dunkelgrau?

Kamerun: Erbsensuppengrün.

Gaier: Braun.

Kamerun: Das Lied fühlt sich ganz anders an, als die anderen Stücke auf dem Album. Da merkt man, dass wir sonst immer versuchen, sehr heutig zu sein.

Ihr erstes Album im Jahr 1987 hieß „Porsche, Genscher, Hallo HSV“. Welche drei Begriffe würden Sie heute nehmen?

Kamerun: Ich hatte mal vorgeschlagen, die neue Platte „Porsche, Schöneberger, Hallo AfD“ zu nennen. Kam aber nicht gut an ...

Gaier: Damals war das eigentlich nur eine Suffidee. Wir hatten die Angewohnheit, Leute anzumalen, die betrunken in der Ecke lagen, und beim Anmalen haben wir uns die absurdesten Gegensätze ausgedacht. Auf dem Kiez lief damals ein Typ rum, der hatte „Hallo HSV“ auf die Stirn tätowiert. Toller Ansatz! Was passt dazu? Genschern, damals ein Begriff für Kompromisse machen. Und Porsche stand für sich.

In den 35 Jahren Ihres Bestehens ist die ex­treme Rechte erstarkt, neue Mauern sollen „quer über das Meer“ entstehen, wie Sie sagen. Ist die Geschichte der Goldenen Zitronen und ihrer Haltung eine Geschichte des Scheiterns?

Kamerun: Nein, es ist jeweils eine Geschichte von Kontinuität. Die ganzen Parolen von AfD und Pegida haben wir schon vor 40 Jahren an den Stammtischen ertragen. Dieser Stammtisch hat sich professionalisiert und feiert mit seinen Forderungen nach rigiden Lösungen durch den Populismus auch in der Mitte der Gesellschaft Erfolge.

Gaier: Das erinnert mich an 1994, als wir „Das bißchen Totschlag“ schrieben. Der große Unterschied ist, dass heute sehr viel mehr Menschen mobilisiert sind, sowohl im rechten als auch im linken und linksliberalen Milieu, die Gesellschaft ist viel politisierter und diskutiert im Moment etwas aus. Man könnte auch sagen, dass der populistische Wunsch nach einem weißen, separierten Europa ein hilfloses Rückzugsgefecht ist.

Befeuert das nicht auch Ihre Kreativität? So viele schöne Feindbilder.

Kamerun: Es gibt viele Feindbilder, aber auch viele nicht ganz eindeutige. Der Kapitalismus ist auch in uns selbst reingefahren. Als ambivalente Markenhaftigkeit, die man zwar kritisiert, gleichzeitig aber auch mit vertritt.

Sie leben in einem „Szeneviertel“ und haben St. Pauli als Künstler mit zu einem für Investoren interessanten Quartier gemacht.

Kamerun: Ja, wir gestalten und kritisieren und stecken trotzdem genauso mit drin als Kleindarsteller in einem Dauerwerbespot, damit weitere coole Läden öffnen.

Sind Die Goldenen Zitronen eine denkende oder eine fühlende Band?

Kamerun: Natürlich beides. Wobei wir nicht als gefühlige Band berühmt sind, würde ich sagen. Aber das ist skandalös!

Gaier: Alle wichtigen Entscheidungen von uns waren Gefühlsentscheidungen. Viele davon kann ich erst jetzt begründen, wenn überhaupt.

Ein Wort, das auf dem Album auftaucht, ist „Arbeiterklasse“. Ist das nicht ein Begriff, der nur noch außerhalb der Arbeiterklasse benutzt wird?

Kamerun: Massenarbeitende als Solidargemeinschaft gibt es längst so nicht mehr. Dafür haben wir jetzt eine sich selbst abschaffende Service- und Dienstleistungsgesellschaft in Dauerkonkurrenz.

Gaier: Vor allem ist das ja ein Sample aus einem Hanns-Eisler-Stück aus den späten 20er-Jahren, es taucht also als Erinnerung auf, aber drei von uns sind aus der Arbeiterklasse. Doch wie in meinem Fall kann man bürgerliche Privilegien auch verjuxen. Neulich habe ich gesehen, dass ich 360 Euro Rente zu erwarten habe. Früher war mir das scheißegal, aber langsam kann einem da doch mulmig werden.

Termine

Konzert Am 6. Mai spielen Die Goldenen Zitronen im Uebel & Gefährlich (Feldstraße 66,  21 Uhr), Karten kosten 22,70 Euro im Vorverkauf.

Festivals Im Sommer treten Die Goldenen Zitronen bei zwei Festivals im Norden auf : beim „OffTheRadar Festival“ (25. bis 28. Juli, Karten ab 80 Euro ohne Camping) in Negenharrie bei Neumünster und beim „A Summer’s Tale“ (1. bis 4. August, Karten ab 134 Euro ohne Camping) in Luhmühlen bei Lüneburg.