Bücher

Neu übersetzt: Der Mann, der Maigret erfand

Portrait of Belgian writer Georges Simenon. 1960s (Photo by Sergio del Grande/Mondadori Portfolio via Getty Images)

Portrait of Belgian writer Georges Simenon. 1960s (Photo by Sergio del Grande/Mondadori Portfolio via Getty Images)

Foto: Getty Images

Der Schriftsteller Georges Simenon war der Literatursuperstar des 20. Jahrhunderts. Jetzt wird sein Gesamtwerk neu aufgelegt.

Hamburg. Jeder sollte wenigstens einen Roman von diesem Giganten gelesen haben. Nicht nur jeder, der gerne liest, sondern grundsätzlich jeder. Weil jeder, der Simenon liest, unter Umständen überhaupt erst zum Leser wird.

Simenon lesen, das ist zum einen eine Erinnerung an die frühen Lesesüchte. Als Bücher noch eine Droge ­waren. Und Simenon lesen ist, als sähe man dem Leben direkt ins Auge. Es gibt nicht viele Autoren, die so viel über den Menschen zu wissen glaubten und tatsächlich auch wussten wie Georges ­Simenon (1903–1989), der Erfinder des Pfeife rauchenden Pariser Kommissars Maigret.

Maigret ermittelte in 75 ­Romanen und 28 Erzählungen, er ist einer der berühmtesten Ermittler der Literatur- und Fernsehgeschichte. ­Simenons „Maigrets“, wie die Bücher in den Kreisen der Eingeweihten heißen, erschienen ursprünglich zwischen 1931 und 1972. Und jetzt erscheinen sie, die teilweise jahrzehntelang nicht lieferbar waren, wieder – und zwar in neuen oder überarbeiteten Übersetzungen. Gleiches gilt für die „Non-Maigrets“, die „roman durs“ („harte Romane“), wie der Meister sie selbst nannte. Es gibt 118 Non-Maigret-Romane und 139 Non-Maigret-Erzählungen. Alle Simenon-Werke werden nun neu aufgelegt. Wirklich ausnahmslos alle. Und manche ­Erzählungen erscheinen gar erstmals überhaupt auf Deutsch.

Simenon wurde für seinen Minimalismus gepriesen

Das ist deshalb ein großes Glück, weil Simenon, der Literatursuperstar des 20. Jahrhunderts, zuletzt ein wenig an Popularität einbüßte. Das ist leicht ­erklärbar: Er ist mittlerweile seit drei Jahrzehnten tot. Wer glaubt, dass Literatur, obwohl sie natürlich kanonisierbar ist, anders als Popmusik nicht so sehr im Hier und Jetzt spielt, der irrt.

In diesen drei Jahrzehnten haben gewaltige, monströse, abartige, perverse Serienkiller und Triebtäter die Bestsellerlisten regiert. Übersteigerte, grelle, auf Effekte zielende Geburten überreizter Autorenhirne: Laute Bücher, so elend laute! Sehr oft zumindest. Wenn die Verlage Hoffmann und Campe aus Hamburg und Kampa aus Zürich nun den gesamten Simenon neu auflegen, setzen sie dem ganzen Radau nicht nur irgendetwas entgegen, sondern den Besten überhaupt.

93 Werke unter eigenem Namen

Den großen belgischen Erzähler, der so schnell schrieb wie wahrscheinlich keiner vor und keiner nach ihm. 193 Werke unter eigenem Namen, 200 unter Pseudonym: Writer’s Block ist halt nur etwas für Weichlinge.

Simenon war als Erzähler ein Psychologe, der sich in die Menschen reinschreibt, der sie kennt und erkennt, in ihren Schwächen, Sehnsüchten, Zweifeln, ihrem Mitgefühl, ihrem Hass und ihrer Orientierungslosigkeit. Er schrieb so, dass sich seine Leserinnen und Leser unmittelbar wiedererkannten – oder ­zumindest den Menschen an sich. „Ich wäre gerne nicht nur ich selbst gewesen, sondern auch alle Menschen“, hat Simenon einmal gesagt. Was für ein Satz.

Durch Psychologie den Täter zur Strecke bringen

Sein Kommissar Maigret ermittelt, indem er ebenso wie auf den Kopf auf sein Bauchgefühl hört. Er ist kein Meisterdenker, sondern ein Instinktmensch, der sich Menschenkenntnis zunutze macht. In „Maigret und die junge Tote“, das jetzt von Literaturhaus-Chef Rainer Moritz neu übersetzt wurde, geht es um den heute in der gläsernen Facebook-Welt unwahrscheinlichen Fall, dass eine junge Frau tot auf den Straßen von Paris aufgefunden wird. Niemand vermisst sie zunächst, niemand sucht nach ihr, niemand kannte sie. Maigret und seine Leute müssen wenigen dünnen Hinweisen nachspüren, und nach und nach setzt sich das Schicksal einer haltlosen Frau zusammen, die in der großen Stadt nie Fuß fasste. Sich nie, wie andere, einem Mann an den Hals warf, aber auch niemanden hatte, der sich wirklich ihrer annahm. Am Ende ist sie tot, gerade weil sich ihr ein Weg aus dem Elend öffnete. Und Maigret ist es mal wieder, der durch bloße Psychologie die Täter zur Strecke bringt.

Simenons Prosa ist oft und immer zu Recht für ihren Minimalismus ­gepriesen worden. Die Sprache Simenons ist entschlackt, ausgedünnt, reduziert auf das Notwendige: Überliefert ist die Aussage Simenons, er schüttele nach der Beendigung eines Manuskripts ebendieses aus, um die letzte Adjektive loszuwerden.

Wie die meisten wahrhaft großen Autoren ist der Erzähler Simenon ­Humanist, und wie die meisten wahrhaft großen Erzähler reibt er dennoch niemandem seine Moralvorstellungen unter die Nase. Das Leben wird bei ­Simenon abgebildet, wie es ist, und nicht, wie es sein sollte. Anderenfalls wäre ihm schnell der Stoff ausgegangen. Und wer sich wie Simenon auf die ­Abgründe im Menschen einlässt, der weiß auch, was Fatalismus ist. Wer will, kann in den mal weit gereisten, mal durch Paris treibenden Figuren existenzialistische Züge erkennen. Wobei die so entschieden im Diesseits lebenden Figuren genau deswegen heute noch modern wirken, auch wenn sie in den Dreißigerjahren erfunden wurden.

Düsterer Seefahrerroman mit überraschender Leiche

Die „roman durs“, die Romane ohne Maigret, gelten manchen als die noch besseren. Probe aufs Exempel: „Die ­Pitards“, ein düsterer Seefahrerroman mit überraschender Leiche (und, das nebenbei: Schauplatz Hamburg) bzw.: außer Kraft gesetzter Ordnung, weil die Ehefrau des Kapitäns mit an Bord ist – eine wahnsinnig fesselnde Handlung auch für Nicht-Nautiker. Und ein schlagender Beweis dafür, dass das Thema „Frauen-Figuren im Werk Georges Simenons“ auf viel einschlägiges Material zurückgreifen kann. Hier erscheint die Frau als störendes Element. Dabei sind die Männer gefangen in archaischen Strukturen und hängen dem Aberglauben mindestens ebenso an. Simenon macht in „Die Pitards“ aus einem Ehekrieg ein Kammerspiel mit Schlagseite.

Opferfiguren wie die der „Jungen Toten“ und der sturen Kapitänsgattin steht die Femme fatale im Ehebruchsroman „Das blaue Zimmer“ gegenüber. In der Mörderballade von Andrée und Tony spiegeln die beiden leidenschaftlich Liebenden das menschliche Verlangen nach Außeralltäglichkeit.

Aber obwohl die Abgründe der blind ihrer Liebe ergebenen Frau gewaltiger sind als jedes geheime Schäferstündchen, ist der wie paralysierte Mann noch faszinierender: Seine zeitlos anmutende Getriebenheit ist es, die ihn schuldhaft in das Verhängnis treibt. Am Ende geht er ins Gefängnis, obwohl es nicht er war, der mordete.

Es war Daniel Kampa, der ehemalige Verleger von Hoffmann und Campe und langjährige Diogenes-Mann, dem im vergangenen Jahr der Coup gelang, Diogenes die Werk-Rechte abzuluchsen. Dort war Simenon jahrzehntelang erschienen, und dass Kampa, der in Zürich nach dem Ende seines Hamburg-Engagements einen eigenen Verlag gründete, nun wieder auf Simenon kam, erscheint logisch. Bei Diogenes hatte er die Werkreihe betreut. Zu Simenons zweitältestem Sohn, dem Rechteverwalter, dürfte Kampa leicht Zugang gehabt haben.

Daniel Kampa luchste Diogenes die Werkrechte ab

Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber Hoffmann und Campe teilt sich Kampa nun das Simenon-Projekt. Alleine wäre es finanziell kaum stemmbar. Ab sofort erscheinen pro Halbjahr 15 bis 20 Titel. Und zu den bereits erschienenen gehören Simenons „Intime Memoiren“, jene mehr als 1000 Seiten umfassende Autobiografie, die so maßlos und ausufernd ist wie Simenons Werk, aber mit keinem seiner Bücher etwas gemein hat.

Diese 1981 erschienene Schrift, einer von etlichen autobiografischen Texten, war eine Antwort auf einen kaum übersehbar von ihm handelnden, bösen Roman seiner zweiten, von ihm getrennt lebenden Frau Denise, mit der er seit Jahren wegen Unterhaltsfragen im Clinch lag. Die „Intimen Memoiren“ stellen außerdem eine Verarbeitung des Selbstmordes der einzigen Tochter dar. Ein unfassbares Buch. Wild, assoziativ, mäandernd, im Rausch geschrieben. Die egozentrische Seelenmassage eines Mannes, der mit 500 Millionen verkauften Büchern der wohl erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war, stinkreich und von sich selbst besessen. Ein Mann, der in seinem Leben unzählige Male den Wohnort wechselte und unstet war auch in seinen Liebesbeziehungen.

Seinem Freund, dem Filmemacher Federico Fellini, erzählte Simenon einst: „Ich habe 10.000 Frauen gehabt, seit ich dreizehneinhalb war.“ Ehefrau Denise („Es waren 1200 Frauen“) mühte sich um Relativierung, aber egal: Welcher Schriftsteller konnte schon von sich behaupten, eine Affäre mit Jose­phine Baker gehabt zu haben? Die Memoiren sind an seine 1981 noch lebenden drei Söhne gerichtet und an die tote Tochter. Deswegen ist dieses Zeugnis eines Lebens, das ganz anders war als das der Normalo-Helden, der einfachen Leute in Simenon-Romanen, deswegen sind die „Intimen Memoiren“ ein stellenweise auch zärtliches Buch.

Federico Fellini sagte: „Seine ­Romane sind wie ein Stück warmer Menschlichkeit, ein langer, fließender, wohltuender Traum, der dem Leben gleicht und hilft, das wirkliche Leben zu deuten und zu lieben.“ Und von Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez ist der Satz überliefert, Simenon sei der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Und selbst wenn nicht: Wohl dem, der noch viele Simenon-Romane ein allererstes Mal lesen kann.