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The Jeremy Days kehren zurück

Die Band Jeremy Days wieder vereint im Hafenklang-Studio.

Die Band Jeremy Days wieder vereint im Hafenklang-Studio.

Foto: MARCELO HERNANDEZ

Hamburgs Pop-Helden der späten 80er geben nach langer Pause am 18. Januar ein Reunion-Konzert im Docks. Eine Wiederbegegnung

Hamburg.  Rund um den Fischmarkt in Altona ist viel gebaut worden in den vergangenen Jahrzehnten. Altes, Renoviertes wie die markante Fischauktionshalle dient heutzutage meist der bloßen Event-Kultur. An der Großen Elbstraße bildet der Live-Club Hafenklang bedingt eine Ausnahme: Hier spielen noch nicht so bekannte Bands der Metal-, Rock-, Punk- und Electro-Szene. Über dem Club, erreichbar nur von der Carsten-Rehder-Straße um die Ecke, liegt das Hafenklang-Studio.

Ein Studio mit Geschichte(n). Hier oben haben sich an diesem Vormittag drei Männer in den besten Jahren versammelt. Dirk Darmstaedter, Stefan ­Rager und Jörn Heilbut sind aus Rosengarten, Billstedt und Fuhlsbüttel hergefahren. Jetzt sitzen sie auf drei Holzstühlen, an der Wand steht ein altes Sofa, die seltene Dezember-Sonne, die auf den ebenfalls nicht mehr ganz neuen Teppich scheint, lässt die Musiker umso mehr strahlen. Und das Gespräch über ein unverhofftes Comeback: Darmstaedter, Rager und Heilbut, einst Mitglieder des Quintetts The Jeremy Days, spielen wieder zusammen. Nach 23 Jahren Pause steht am 18. Januar ein Reunion-Konzert im Docks an. Als viertes Urmitglied werde Keyboarder Louis C. Oberlander aus Los Angeles rechtzeitig an die Elbe reisen, versichern die drei Hamburger.

Ein Stück deutscher Pop-Geschichte

Im Hafenklang-Studio wollen sie Anfang Januar eine Woche lang proben. Von hier aus haben The Jeremy Days Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre ein Stück deutsche Pop-Geschichte geprägt, wurden dank ihrer englischsprachigen Lieder sogar mit der Independent- und Kult-Band The Smiths verglichen, die sich nach nur fünf Jahren 1987 wieder aufgelöst hatte. Da hatten sich The Jeremy Days gerade formiert. 1988 erschien bei Polydor das Debütalbum „The Jeremy Days“. Die Platte rangierte fast ein halbes Jahr lang in den deutschen Album-Charts, und die Hit-Single „Brand New Toy“ kratzte hartnäckig an den Top Ten; sie ist bis heute radiotauglich. Doch hier, über dem Fischmarkt, steht jetzt eine Zeitreise an. Sänger und Gitarrist Dirk Darmstaedter ist zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder da. „Hier haben wir mehr oder weniger gelebt, die Band hat hier geprobt“, erzählt der Frontmann. „Es war hier damals noch verranzter“, sagt Gitarrist Jörn Heilbut. Für ihn ist das Hafenklang-Studio bis heute „ein Kunst-Biotop“.

Das war der Initiator

„Dass wir überhaupt noch mal ein Konzert spielen, hätte ich nie gedacht, es grenzt für mich an ein Wunder. Für mich war es immer die They-will-never-come-back-Band“, sagt Dirk Darm­staedter. Nach seiner Zeit bei den „JDays“ war er Gründer und zwölf Jahre lang Chef des Independent-Labels Tapete Records, ist als Solist nun Hamburgs Pop-Troubadour. Ihr letzter Konzert-Agent Frank Richter, mit Anfang 50 so alt wie die Musiker, sei der Initiator des Reunion-Konzerts gewesen, erzählt Darmstaedter. Er erinnert sich genau: „Das letzte wirkliche JDays-Konzert war 1995 in der Hamburger Markthalle.“

Bei den ersten Kontaktaufnahmen per Mail und Skype spürte Stefan Rager nun: „Das fühlt sich an, als wären wir Brüder. Wir hatten eine wichtige Zeit zusammen, acht Jahre.“ Der Schlagzeuger arbeitete anschließend zwei Jahrzehnte erfolgreich als Theatermusiker mit Lou Reed und Regisseur Robert Wilson am Thalia für „Time Rocker“ oder „POEtry“ (2000), später am Berliner Ensemble auch mit Herbert Grönemeyer in „Leonce & Lena“ sowie in „Faust I & II“ und tourte mit den Theaterprojekten weltweit „Ich muss da auch wieder raus“, sagte er sich. „In der Phase kam die Mail von Frank Richter.“

Mit viel Studioarbeit

Gitarrist Jörn Heilbut führte all die Jahre das Hafenklang-Studio, „unsere Brutstätte“, als Mieter, auch mit Produktionen von Ina Müller, Annett Louisan oder Truck Stop. „Eher so im Indie-Rock-Bereich“, flachst Darmstaedter. Das Produzieren und das Schreiben für andere Künstler wurde Heilbuts zweites Standbein, dazu kam viel Studioarbeit „für die ganzen kommerziellen Künstler“, von Santiano bis zur Kelly Family. Ohne Schmerzgrenzen.

Warum aber spielt er nun wieder englischsprachigen Pop? Heilbut reflektiert. „Die Endzeit der Jeremy Days war schwierig, es war nicht alles toll und super. Wir waren auch Brüder, haben uns aber auch öfter die Köpfe eingeschlagen.“ Schrammen – zumindest äußerliche – sind bei den drei Anwesenden indes keine zu erkennen.

Der Gitarrist sagt: „Für eine gewisse Generation von Musikern waren wir Vorreiter an innovativer Popmusik.“ Diesen Druck habe die Band damals durchaus verspürt. „Eine neue Leichtigkeit“ der Gruppe habe ihn nun bewogen, wieder einzusteigen. „Ich kann mich einfach der Musik hingeben, dem Teil des Spaßes, der da immer mit dabei war. Jeder von uns ist halt erwachsen geworden.“ Heilbut lacht, die anderen schmunzeln. „Keiner muss sich mehr über diese Band definieren“, meint er.

Alltäglicher Kampf eines Musikers

Dirk Darmstaedter weiß um den alltäglichen Kampf eines Musikers: Am Vortag hat er seine Streaming-Abrechnung bekommen: „In den letzten drei Monaten haben Sie 6,38 Euro verdient“, stand darauf. „Yeah!“, ruft er selbstironisch. „Jetzt, wenn ich hier sitze, entrückt das aller Probleme, denn darum geht es gar nicht. Hier geht es um gewisse Freundschaft, wir sind auch eine Familie. Das zu beleuchten mit diesen Songs, die auch der Soundtrack unserer Jugend waren, das ist pure Freude“, sagt der Frontmann.

Beim Konzert im Docks wollen The Jeremy Days Auszüge aus allen fünf Alben spielen. Jeder hat vorab eine Setlist gemacht, in diesem Fall eine Wunschliste. Etwa 20 Titel sollen es werden. Welche garantiert? „Rome Wasn’t Built In A Day“, sagt Heilbut. „Julie Thru The Blinds“, sagt Darmstaedter. „Brand New Toy“, sagt Rager. Drei 30 Jahre alte Pop- Perlen, die noch heute frisch und unverbraucht klingen. Indes: „Meine Kinder kennen die Jeremy Days bisher nur aus Erzählungen. Total cool, dass die jetzt auch mal sehen, was Papa früher gemacht hat“, so Schlagzeuger Rager.

Was kommt danach? Eine Tournee? Ein neues Album?

Die Konzertbesucher kommen aus ganz Europa. Oder sogar aus Amerika. Er habe eine Mail von einem Typen aus Austin bekommen, der die Gruppe 1992 als Austauschstudent live in Hannover sah. Er schrieb Darmstaedter: „Es gab zwei Bands in meinem Leben: The Smiths und The Jeremy Days.“ Der habe sich ein Hotelzimmer auf St. Pauli und ein Ticket besorgt und reist nun aus Texas an. „Echt krass, was sich damit für einige Leute verbindet“, sagt Darmstaedter. „Das wird ein gigantisches Freundes-, Klassen- und Familientreffen“, meint Heilbut. Die Vorfreude ist den dreien anzumerken.

Aber was kommt nach dem Konzert? Eine Tournee? Ein neues Album?

„Das ist ja das Tolle daran, wir müssen erst mal sehen, wie das funktioniert“, sagt Stefan Rager. „Dann entscheiden wir.“ Und Jörn Heilbut ergänzt: „Das ist eine neue Frage.“ Die Antwort habe auch mit der Leichtigkeit zu tun, die sich die Musiker bewusst bewahren wollen, meint der Gitarrist. „Wir spielen dieses Konzert ohne jeden Zwang.“ Auch das ist ja mal ein Ereignis – in diesem Fall auf St. Pauli.

Konzert The Jeremy Days Fr 18.1. 2019, 19.00, Docks (U St. Pauli), Spielbudenplatz 19, Karten zu 42,85 im Vorverkauf