Kampnagel

Tattoos und Trump – bunte Diashow eines Punkrockers

Henry Rollins: "Selbst Amerika verändert sich."

Henry Rollins: "Selbst Amerika verändert sich."

Foto: Ross Halfin

Musiker Henry Rollins war mit Schnappschüssen aus allen Kontinenten auf Kampnagel zu Gast.

Hamburg.  Freund Georg erinnert sich an das Publikum bei Henry-Rollins-Konzerten vor 25 Jahren: „Eine schöne Mischung aus Tattoo-Freaks, Poetry-Slam-Publikum, Punks, Pumpern, und Amerikanistik-Studis mit einem hohen Anteil von Frauen, die von ihm was über Männlichkeit erfahren wollten.“ Sympathisches Publikum. Das Donnerstagabend anscheinend geschlossen auf Kampnagel auflief, auch wenn die Tattoos inzwischen ausgebleicht waren, die Muskelberge der Pumper ein bisschen gewollt wirkten und die Punks mittlerweile Bürstenschnitte trugen. Ein Publikum, das mit Henry Rollins gealtert ist, und der geht mittlerweile hart auf die 60 zu.

Schnappschüsse aus der Antarktis

Rollins ist Musiker, Schriftsteller, Filmschauspieler, Spoken-Word-Künstler, immer politisch bewusst, nie im stumpfen Punk-Eins-Zwei-Drei gefangen. Auf Kampnagel lud er zum Diaabend: „The Henry Rollins Travel Slideshow“ zeigte Schnappschüsse von Reisen des Wahlkaliforniers auf alle Kontinente, inklusive der Antarktis. Vor allem redete er, viel und schnell: Er gab Erläuterungen zu den Bildern, und in Windeseile kam er von diesen Erläuterungen zu seiner Einschätzung Donald Trumps. Oder zu den zahlreichen Verwerfungen der Weltpolitik. Oder zu ­ästhetischen Überlegungen. Oder gleich zu allem auf einmal. Zweieinhalb Stunden lang.

Klingt anstrengend, war aber überaus unterhaltsam. Denn Rollins erwies sich als hübsch selbstironischer Erzähler, der seine muskelbepackte Bühnenpräsenz bricht, indem er sich als so ­unbedarfter wie egozentrischer Reisender outet, der vor Freude ausrastet, weil er im indonesischen Yogyakarta eine Straßenhändlerin im T-Shirt seiner ­alten Band Black Flag entdeckt. Und der entsprechend enttäuscht reagiert, als er ein paar Straßen weiter sieht, wie diese T-Shirts in einem Ramschladen zu Dutzenden verkauft werden, hässlich ­bedruckt, ohne Gespür für die Musik, die hinter dem Shirt steht. Und der so schließlich zu einer Analyse des globalen Kapitalismus kommt: „Alles, was verkauft werden kann, wird verkauft. Ideologien, Religionen, Musik.“ Interessante Urlaubsfotos, Späße über die ­musikalische Vergangenheit eines Punkmusikers, Gesellschaftsanalyse. Und von vorn. Man war ja nicht (nur) zum Vergnügen hier.

Die Dias entpuppten sich dabei ­weniger als schnöde Reisefotos, sondern als klug komponierte Bruchstücke des Alltags in Vietnam, im Irak, in Russland. Rollins bewies Sinn für die Kleidungsdetails einer Familie im Slum von Dhaka oder die Tuareg-Kamele beim Festival au Désert in Timbuktu – ein Weltenbummler, der sich aus dem Punk vor allem ein tiefes Interesse für sein Gegenüber bewahrt hat.

Und ein Optimist, der die Kontinente bereist und feststellt: Es ist schlimm. Aber es wird besser. „Selbst Amerika verändert sich“, zeigte sich Rollins überzeugt. Trotz Trump.