Theater

Hamburger Punklegende inszeniert im Malersaal

Jens Rachut (re.) mit Jonas Landerschier
(li.), Josef Ostendorf und Gala
Othero Winter.

Jens Rachut (re.) mit Jonas Landerschier (li.), Josef Ostendorf und Gala Othero Winter.

Foto: Meika Dresenkamp

Eine Begegnung mit dem Autor und Regisseur Jens Rachut. Am Wochenende feiert sein „Rainer Gratzke oder Das rote Auto“ Premiere.

Hamburg.  Rainer Gratzke wird sterben. Er ist vollgestopft mit Tabletten, Metastasen fressen seinen Körper auf. Auch das Hospiz, in das er sich begeben hat, ist dem Untergang geweiht: Die Abrissbirne droht, Gratzke wird der letzte Patient sein. Eine Stunde hat er noch, dann wirkt der tödliche Cocktail, der ihm verabreicht worden ist. „Der letzte Erlöste. Gratuliere, Herr Gratzke! Also, der Letzte macht das Licht aus und auch die ganzen Dimmer“, hört der Sterbende von seiner Pflegerin. „Rainer Gratzke oder Das rote Auto“ heißt das Stück von Jens Rachut, das am 15. Dezember im Malersaal unter Rachuts Regie uraufgeführt wird. Der Text liest sich wie ein Stück absurden Theaters, der Protagonist erinnert an die verlorenen und einsamen Figuren von Samuel Beckett.

„Ich habe Beckett nie gelesen“, sagt Rachut. Der Autor arbeitet zwar schon seit Ende der 90er-Jahre auch auf dem Theater, aber vor allem ist er als Punkmusiker aktiv. Jens Rachut, Jahrgang 1955, ist eine Hamburger Legende. Er hat in Bands mit so kuriosen Namen wie Dackelblut, Oma Hans, Alte Sau und Nuclear Rape Fuck Bomb gespielt. Seine aktuelle Combo heißt Maulgruppe. Musik, vor allem Punk, hat Rachut stets mehr interessiert als Literatur. Er gehört nicht zu den Künstlern, die in geschwollenen Sätzen ihre Weltsicht erklären, er antwortet spontan und auf den Punkt und hat für jede allgemeine Betrachtung ein Beispiel parat.

Wenige Darsteller

Das aktuelle Stück kommt mit wenigen Darstellern aus. „In den Hörspielen, die ich geschrieben habe, waren mir irgendwann zu viele Leute. Da hatte ich keinen Bock mehr drauf. Ein Essen mit zehn Leuten ist auch nicht so gut wie eins zu viert“, sagt er. „Rainer Gratzke oder Das rote Auto“ war ursprünglich ein Monolog, den Rachut jetzt um einige Pflegerinnen und Pfleger ergänzt hat. Er selbst spielt auch mit – als taubstummer „Neandertaler“, wie er sagt.

Dass Rachuts Stück im Malersaal gelandet ist, verdankt er dem Dramaturgen Bastian Lomsché, mit dem er schon bei der Produktion von „Der Goldene Handschuh“ zusammengearbeitet hat. „Ich kannte Jens’ Arbeiten und habe dieses Stück Karin Beier und den Kollegen aus der Dramaturgie vorgestellt. Es klang nach einem wilden Ritt für den Malersaal“, so Lomsché.

Komische Elemente

Mit Josef Ostendorf und Gala Othero Winter sind zwei der Top-Schauspieler aus dem Schauspielhaus-Ensemble bei dieser Produktion dabei. „Mit Ostendorf habe ich schon 2002 zusammen in Zürich gespielt, Gala Othero Winter kenne ich aus dem ,Goldenen Handschuh‘. Ich durfte beide auswählen“, so Rachut. Der Künstler, den man nur selten ohne Kopfbedeckung erlebt, hat das Stück mit Schauspielern und dem Regieteam gemeinsam erarbeitet. „Bei uns darf jeder mitreden. Ich kenne das nicht anders, ich bin gewohnt, in einer Gruppe zu arbeiten. Das ist in meinen Bands nicht anders.“

Rachut ist ein Meister in der Schöpfung neuer Wortkonstruktionen. „Ich will nicht immer dieselben Wörter benutzen. Deshalb denke ich mir neue aus“, sagt er. Manchmal leiht er sich auch welche, die ihm besonders gut gefallen. Wie den Begriff „Arschkartendauerkartenbesitzer“, mit dem Gratzke beschrieben wird. Die Wortwahl sorgt für komische Elemente in einem Stück, von dem Regisseur und Dramaturg ein paar Tage vor der Premiere glauben, dass es doch ziemlich still werden könnte. Bei einem Thema wie dem Sterben nicht überraschend. Aber Rachut findet auch: „Für jeden tiefen und poetischen Satz darf man auch einen Gag machen.“

„Herr Gratzke oder Das rote Auto“ Uraufführung Sa 15.12., 20.00, weitere Aufführungen 17., 19.12., Malersaal (U/S Hauptbahnhof), Kirchenallee 39, Karten 25,- unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de