Premiere

Schauspielhaus: Splattertheater mit den "Präsidentinnen"

Bettina Stucky, Ute Hannig und Lina Beckmann (v.l.) sind "Die Präsidentinnen"

Bettina Stucky, Ute Hannig und Lina Beckmann (v.l.) sind "Die Präsidentinnen"

Foto: Thomas Aurin

Im Malersaal ist bei der Premiere von "Die Präsidentinnen" neben den Schauspielerinnen die Bühne der große Star.

Hamburg. Über spakige Küchenkacheln flitzen Kakerlaken, hinter Milchglasfenstern gurren Tauben, Plastiktüten und benutzte Teebeutel hängen an Wäscheleinen. Und wenn im Eifer des Gefechts der einzige Sessel umkippt, dann klebt darunter eine versteckte „Quick“ und ein Vibrator. „Theater ist ein herrlicher Schrottplatz“, hat der „Brachialdramatiker" Werner Schwab einmal gesagt. Einen solchen herrlichen Schrottplatz hat Bühnenbildner Ildi Tihanyi nun Schwabs offenbar nicht aus der Spielplan-Mode kommenden „Die Präsidentinnen“ auf die Malersaal-Bühne des Schauspielhauses gezimmert.

Eine detailverliebte Ein-Zimmer-Geisterbahn, in der es andauernd irgendwo raucht und rumpelt und aus den Rostrohren pieselt. Und der ungarische Regisseur Viktor Bodo, der am Schauspielhaus schon den Kafka-Abend „Ich, das Ungeziefer“ ziemlich spektakulär auf die Bühne brachte, und sein Drei-Frauen-Ensemble haben sichtlich Spaß daran, diese schrottige Herrlichkeit zu bespielen.

Eine spielwütige Idealbesetzung der "Präsidentinnen"

Ute Hannig als verkrampft-gottesfürchtige Erna mit falschen Zähnen, Bettina Stucky als bebend offenherzige, grelle Grete und Lina Beckmann als weitgehend geschlechtsloses Mariedl, das es „auch ohne“ macht (hingebungsvoll den verstopften Abort reinigen nämlich), sind eine spielwütige Idealbesetzung, für die dieses saftige Volksfäkalstück ein einziges Geschenk ist. Wie Erna es ganz richtig zusammenfasst: „Das muss man auch können, das lustige Leben.“

Denn natürlich ist es eigentlich das reine Elend, was hier urkomisch verhandelt wird: „Einmal macht es einen dicken Stuhl und einmal einen dünnen.“ Große Scheiße bleibt es für dieses Trio im wahrsten Wortsinn immer - mit einer imaginierten Festszene als traurig-schaurigem Höhepunkt, dessen Gulasch-Monolog ein ebenso ekliger wie eben auch rührender Theaterklassiker geworden ist.

Splattertheater vom Feinsten

Da braucht es zum Gruseln kein Prekariats-Fernsehen mehr, viel besser als hier, wo das Mariedl der Herrgottsmutter verschwörerisch zuzwinkert und wo „das Geschlechtliche das Menschliche hinaustreibt aus der Welt“, wird es kaum. Alles dabei: Blut, Schweiß und Lachtränen. Und auch wenn das musikalische Schlussbild wie ein hinterhergestolperter Halloween-Gruß wirkt - diese „Präsidentinnen“ geben Splattertheater vom Feinsten.

„Die Präsidentinnen“, Malersaal (Schauspielhaus), Kirchenallee 39 (U/S Hbf.), wieder am 5.11. (Restkarten), 6.11. (ausverkauft) und 12.11. (Restkarten), T. 248713

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