Ausstellung

Kunstverein zeigt die Angst vor dem sozialen Abstieg

„Easycollage 17“ des Berner Künstlers
Thomas Hirschhorn.

„Easycollage 17“ des Berner Künstlers Thomas Hirschhorn.

Foto: Fred Dott

Gleich zwei starke Ausstellungen lohnen den Weg zum Klosterwall. Künstler nahmen für ihre Arbeiten ungewohnte Perspektiven ein.

Hamburg.  Erst einmal muss die Nachtschicht an der Tankstelle überstanden werden. Nur ein paar matte Neonröhren spenden Licht, es sind keine Zapfsäulen zu sehen. Und schon gar kein Auto, auch kein einziger Mensch. Eine unheimliche Szenerie offenbart sich im Eingangsbereich des Kunstvereins mit der Arbeit „Open End“ (2017). Eine mit Graffiti beschmierte Tür führt in absolute Dunkelheit, in der eine Gruppe von Kindern zu wummernden Beats in einem Nachtclub tanzt. Die Videoin­stallation „The Shining“ (2013) erzählt ebenso wie die Tankstelle in der Ausstellung „Night Shift“ des vielfach ausgezeichneten Duos FORT (Jenny Kropp und Alberta Niemann) von der Nacht und ihrer Bedeutungsverschiebung: Die Ruhe- ist zur Arbeitszeit geworden, die Sperrstunde endgültig aufgehoben. Ist das nun gut oder schlecht für den Menschen?

Mit gemischten Gefühlen geht man ein Stockwerk höher in die Gruppenausstellung „Klassenverhältnisse“. Ausgangspunkt ist der gleichnamige Film von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet aus dem Jahr 1984, basierend auf dem Kafka-Roman „Der Verschollene“, in dem der junge Karl Roßmann einen gesellschaftlichen Auf- und Abstieg erlebt.

Armut mit Eleganz versehen

Die teilnehmenden Künstler nahmen für ihre Arbeiten ungewohnte Per­spektiven ein, um den „Phantomen unserer Wahrnehmung“ auf den Grund zu gehen: Machtmechanismen, Ursachen eines erstarkenden Populismus und die scheinbar um sich greifende Angst vor sozialem Abstieg. Jan Peter Hammer etwa hat eine bronzene „Gedenktafel für die Verlierer der Wiedervereinigung“ (2013) geschaffen – „für all die verlorenen Nachbarn, für all die alternden Arbeiter und Rentner, die durch die adretten Familien und schlanken Profis ersetzt wurden, die jetzt Ostberlin bevölkern“. Er steht damit in einer Reihe des 2010 verstorbenen Künstlers Sigmar Polke, der den Westen immer kritisch sah: „Es war nicht wirklich das Paradies.“ Polke ist in der Ausstellung unter anderem mit seinem „New Yorker Bettler“ von 1974 vertreten.

Die aus Venedig stammende, in Berlin lebende Künstlerin Monica Bonvicini ruft über einen gezeichneten Lattenzaun dazu auf, seine Armut mit Eleganz zu versehen („Add Elegance To Your Poverty“ von 2002 konterkariert den Werbeslogan der kalifornischen Immobilienbranche „Add Elegance To Your Property“). In der „Easycollage 17“ (2014) von Thomas Hirschhorn hält ein Fotomodell scheinbar die Hand eines verletzten Kriegsopfers. Zwei Dinge, die nicht zusammengehören, aber zusammengefügt wurden und die Sehgewohnheiten bewusst machen, die durch den täglichen Medienkonsum entstanden sind.

Alternative Lebensweisen

Zuletzt bleibt der Besucher an der mehrteiligen foto- und textbasierten Installation „Anomalien des 21. Jahrhunderts“ (2015–2018) von Sven Johne hängen: 66 Berichte von Menschen, die sich aus der Gesellschaft verabschiedet haben und alternative Lebensweisen suchen, darunter Arbeitslose, Verarmte, Obdachlose, Aktivisten und Attentäter. Darüber sind Porträts von spektakulär erfolgreichen Aussteigern wie U2-Sänger Bono oder Mark Zuckerberg zu sehen. Allesamt Zeugnisse eines Wirtschaftssystems, das sich jedoch von seinem größten Kapital, dem Gemeinwohl, verabschiedet hat.

„Night Shift“ und „Klassenverhältnisse“ bis 27.1.2019, Kunstverein, Klosterwall 23, Di–So 12.00–18.00, Eintritt 5,-/3,-, kunstverein.de