„Die Stadt ohne Juden“

Elbphilharmonie holt Stummfilm nach Hamburg

Filmszene aus
„Die Stadt ohne
Juden“ – der
österreichische
Stummfilm
aus dem Jahr 1924
war nur noch
bruchstückhaft
erhalten.

Filmszene aus „Die Stadt ohne Juden“ – der österreichische Stummfilm aus dem Jahr 1924 war nur noch bruchstückhaft erhalten.

Foto: Filmarchiv Austria

Verschollener Schwarz-Weiß-Klassiker aus dem Jahr 1924 wurde gerettet und neu vertont. Derber satirischer Witz.

Wien/Hamburg.  Rede eines Regierungschefs. Die Zeiten sind schlecht, draußen murrt das Volk, Arbeit und Brot müssen her. „Ich bin ein Freund der Juden und ein Bewunderer ihrer glänzenden Eigenschaften“, hebt der Redner an. Eine rhetorische Pirouette, wie sich zeigen wird, es folgt sogleich das Aber: Die Juden nähmen den ersten Platz in der Welt ein, sie säßen in den größten Banken, beherrschten die Industrie und schrieben Theaterstücke, die im Unterschied zu denen ihrer arischen Kollegen auch aufgeführt würden – kurz, er schlage ihre Ausweisung vor. Es folgen Bilder, wie wir sie aus dem Geschichtsunterricht kennen. Familien nehmen Abschied, während die Polizei an ihnen zerrt, Züge rollen, Menschen wanken in Kolonnen durch den Schneematsch in Richtung Grenze.

Die Szenen stammen aus dem Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Nur: Sie erzählen nicht, was ist oder war. Sie erzählen, was sein wird. Der Film ist 1924 gedreht, der zugrunde liegende Roman von Hugo Bettauer erschien sogar schon 1922. Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten stand noch bevor. Bettauer konnte nicht ahnen, dass Judenhass zu millionenfachem Morden führen würde. Er griff einfach den alltäglichen Antisemitismus auf und drehte die Schraube gedanklich weiter. In Film und Buch geht die Sache allerdings gut aus: Die Zurückgebliebenen merken, was sie verloren haben, und holen die Juden zurück.

Welle von Hassreaktionen

Jahrzehntelang war der Film verschollen, erst im März wurde er in einer restaurierten Fassung wiederaufgeführt. Nun hat die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, in dieser Saison Residenzkomponistin an der Hamburger Elbphilharmonie, ihn vertont. Wenige Wochen nach der Uraufführung im Konzerthaus Wien kommt die Produktion im Rahmen eines Neuwirth-Porträts zum Festival „Greatest Hits“ nach Kamp­nagel. Die Elbphilharmonie, die das Festival alljährlich ausrichtet, gehört zu den Auftraggebern.

Es ist ein hübsches Zusammentreffen, dass die prominente Wiener Uraufführung ausgerechnet in den November 2018 fällt, den Monat, in dem die Repu­blik Österreich ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Das dramatische Schicksal des Films steht emblematisch für die dunkelsten Momente der österreichischen Geschichte. Sein Erscheinen löste eine Welle von Hassreaktionen aus. Filmvorführungen wurden gezielt gestört. Der Romanautor Hugo Bettauer, selbst Jude und ein Freigeist, der sich in die wüsten 20er-Jahre publizistisch vielfach einmischte, hat für sein hellsichtiges Buch mit dem Leben bezahlt: Im März 1925 drang ein junger Fanatiker in Bettauers Redaktionsbüro ein und schoss den Autor nieder. Selbst die auf dem Schreibtisch des Opfers liegenden Papiere zerriss der Attentäter im Gewaltrausch. Bettauer starb zwei Wochen später an den Schussverletzungen.

Tonfilm verdrängte den Stummfilm

Den Film erledigten dann die Zeitläufe, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Der aufkommende Tonfilm verdrängte den Stummfilm. „Stummfilm, was für ein brutaler Ausdruck“, schimpft Nikolaus Wostry. Das heißt, er würde schimpfen, beherrschte er als Wiener nicht die Kunst, noch die schärfste Kritik in einen Tonfall vollendeter Liebenswürdigkeit zu kleiden. Also geißelt er den Ausdruck, der dazu gedacht war, ein ganzes Genre herabzuwürdigen, mit zugewandtem Lächeln und isst ein Stückchen Mohnkuchen zum Weißwein. Wostry leitet die Filmsammlungen beim Filmarchiv Austria, er empfängt im Café des Metro Kinokulturhauses, einem wunderbar plüschigen Ort in einer Seitenstraße des 1. Bezirks.

Ohne Wostrys Institut, vor allem aber ohne seine Besessenheit hätte „Die Stadt ohne Juden“ nicht eine so wundersame Renaissance erlebt. Aber der Reihe nach. Zunächst einmal verschwand der Film. „Er wurde physisch vernichtet. Das ist das übliche Schicksal von Stummfilmen“, sagt Wostry. „Aus dem Zelluloid hat man dann Puppen oder Brillengestelle gemacht.“ Erst 1991 tauchte in Amsterdam eine Kopie von der „Stadt ohne Juden“ auf, und die war ganz offensichtlich fragmentarisch. Nicht ungewöhnlich: In den 20er-Jahren waren Filme Einzelstücke. Die inhaltliche Struktur war offener, da man einzelne Szenen separat drehte und diese leicht umstellen konnte. So beeinflusste die Herstellungsweise das künstlerische Konzept. „Jede Kopie hatte ihr Eigenleben“, erklärt Wostry.

In Paris tauchten Filmrollen auf

Die Amsterdamer Kopie dämmerte im Archiv ihrem Zerfall entgegen, dringend restaurierungsbedürftig wie der Großteil des übrigen Stummfilmbestands. Bis im Jahre 2015 etwas geschah, das jeder Filmproduzent seinem Autor aus dem Drehbuch streichen würde, weil es so klischeehaft klingt: Auf einem Flohmarkt in Paris stöberte ein Sammler ein paar Rollen Nitrofilm auf. Bot sie dem Filmarchiv Austria an. Und wie es Zufall oder Fügung wollten, passten die aufgefundenen Stellen genau zu den Lücken der vorhandenen Kopie. „Wir wissen immer noch nicht, wie ,Die Stadt ohne Juden‘ ursprünglich ausgesehen hat“, sagt Wostry, „aber der Fund hat uns wenigstens in die Lage versetzt, eine in sich schlüssige Fassung zu rekonstru­ieren.“ Nur fehlten für die praktische Umsetzung die Finanzen. Erst als es Wostry und seinen Mitstreitern gelang, über eine Crowdfunding-Kampagne Gelder einzuwerben, flossen auch öffentliche Mittel.

Erst mit den wiedergefundenen Szenen gewinnt der Film seine politische Aussage zurück: Sie zeigen das jüdische Leben in einer Atmosphäre hetzerischen Antisemitismus, wie er im Wien der Zwischenkriegszeit üblich war. Und wie er in den Augen Wostrys gerade wieder auflebt. „Wir haben heute eine durchaus vergleichbare Situation wie bei der Premiere des Films 1924“, sagt er. „Damals wurden Xenophobie und Antisemitismus genauso politisch instrumentalisiert wie heute wieder.“

Ausgerechnet in diesen Zeiten erlebt Neuwirths Vertonung ihre Uraufführung im Wiener Konzerthaus. Ein prominenterer Ort wäre kaum denkbar. Das Konzert ist ausverkauft, das Jugendstilgebäude summt vor festlicher Erwartung. Was an diesem Abend im Konzerthaus zu erleben ist und was am 28. November also auch auf Kampnagel zu sehen sein wird, ist kein Stummfilm. Auch kein Stummfilm mit Musik. Vom ersten Moment an verschmelzen Ton und Bilder zum atmenden Organismus.

Schon die Geräusche ziehen den Betrachter umstandslos hinein in diese bald 100 Jahre alte Welt voller Gehröcke, Hüte und dramatisch geschminkter Augenpartien. Zu Beginn bringt die Elektronik den ganzen Raum mit tiefem Brummen zum Vibrieren, beim Gottesdienst in der Synagoge erzeugen kreisende Sphärenklänge den Eindruck ferner, klagender Stimmen, als wiesen sie in die grauenhafte Zukunft voraus. Virtuos zitiert Neuwirth verschiedene Stile: Im Saxofon klingt Debussy an und in der Klarinette Schtetl-Wehmut, natürlich ist auch die alpenländische Volksmusik nicht weit. Neuwirths eigenwillige Handschrift und ihre hohe klangliche Sensibilität bleiben unverkennbar.

Derber satirischer Witz

Selbst auf den mitunter derben satirischen Witz des Films lässt sich die Komponistin ein, wo doch heutigen Betrachtern bei dem Thema leicht das Lachen im Halse steckenbleibt. Manches wirkt auf uns Nachgeborene wie Slapstick auf der Rasierklinge: Da versucht der stramm antisemitische Rat Bernart, gespielt vom unvergessenen Hans Moser, im volltrunkenen Zustand die Gartenpforte mit einer Zigarre zu öffnen.

„Der Wiener trinkt, um zu vergessen“, sagt Neuwirth am Tag nach der Uraufführung. „Beim Vergessen wird eben auch vieles verdrängt. Besonders was die NS-Vergangenheit angeht.“

Die 50-Jährige ist ein entschieden politischer Mensch. Die schwarzen Locken um ihr schmales Gesicht führen ein wildes Eigenleben, die Augen blitzen türkisblau, wenn sie sich über die Haltung ihrer Landsleute zum Nationalsozialismus erregt. „Österreich hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg als das erste Opfer Hitlers stilisiert“, erzählt sie. „Die Waldheim-Affäre hat das in den 80er-Jahren aufgebrochen, aber dann hat man doch gleich wieder antisemitische Ressentiments bedient, um die Wahlen zu gewinnen.“

Erst als Erwachsene erfuhr Neuwirth, dass ihre Familie selbst jüdisch ist. Angst vor Antisemitismus habe sie für ihre eigene Person nicht, sagt sie: „Aber das Thema ist mir nah. Es ist ja immer nur unterdrückt worden, aber nie wirklich aufgearbeitet.“ Otto Rothstock, der Mörder Hugo Bettauers, wurde nie verurteilt. Noch 1977 brüstete er sich im ORF: Er habe immer ein gutes Gewissen gehabt, würde aber heute „wohl einen so kleinen Schriftsteller nicht mehr aufs Korn nehmen“. Überhaupt wäre statt Revolver eher „eine Tonne Dynamit nötig“.

Zur Zeit seines Fernsehauftritts lebte Rothstock übrigens in Niedersachsen. Gar nicht so weit weg. Gar nicht so lange her.

Die Recherchereise nach Wien wurde von der HamburgMusik gGmbH unterstützt