Schauspielhaus

David-Bowie-Musical „Lazarus“ feiert Premiere in Hamburg

Foto: Arno Declair

Regisseur Falk Richter kann wenig eigene Akzente setzen. Beeindruckend ist der Abend im Schauspielhaus dennoch.

Hamburg.  Alexander Scheer ist David Bowie. Nein, natürlich ist Scheer nicht Bowie, Scheer spielt im Musical „Lazarus“ am Schauspielhaus den Außerirdischen Newton, die Figur, die Bowie 1976 in Nicolas Roegs Film „The Man who fell to Earth“ verkörperte. Und legt diese Rolle als nahezu erschreckend genaue Kopie an, dünn, blass, mit der charakteristischen rot gefärbten Haarsträhne aus Bowies „Ziggy Stardust“-Phase aus den frühen Siebzigern.

Eine Inszenierung, wie sie sich Bowie gewünscht hätte

Vor allem aber stimmlich: „Lazarus“ besteht aus vier extra für das Musical geschriebenen sowie 13 alten Bowie-Songs, und Scheer trifft in seiner Interpretation beängstigend sicher den Ton von Bowies Stimmlage, diesen geisterhaft hohlen, in den hohen Lagen kippenden Bariton, irgendwo zwischen Pathos und Ironie. Und die achtköpfige Band um Alain Croubalian und Bernadette La Hengst an den Gitarren spielt einen satten Rock dazu.

Mit anderen Worten: Der Hamburger „Lazarus“ ist eine Inszenierung, wie sie sich der vor knapp drei Jahren verstorbene Bowie gewünscht hätte. Die Geschichte des Alien, der zur Erde kommt, um seinen von einer Katastrophe bedrohten Heimatplaneten zu retten, hier Karriere macht und am Ende erkennt, dass er sein Ziel aus den Augen verloren hat, wird ehrfürchtig nah an der Vorlage erzählt, getragen vom Respekt vor der Lebensleistung eines Künstlers, der seine gesamte Karriere mehr war als nur Popmusiker, der Performer war, Bühnenmensch, Analytiker und Autor.

Enge Anlehnung an das Stück unterfordert Regisseur

Diese enge Anlehnung an das Stück hat natürlich auch zu tun mit Verträgen, bei denen die Rechteinhaber an „Lazarus“ dem Schauspielhaus wenig Spielraum lassen, sich weit vom Stoff zu entfernen, unterfordert aber Regisseur Falk Richter massiv. Immerhin inszenierte Richter am Schauspielhaus vorige Saison mit der Jelinek-Uraufführung „Am Königsweg“ einen Hit, der die Vorlage durch den Fleischwolf drehte, mit Fremdtexten anreicherte und so das politische Theater aus dem Geist des Pop praktisch neu definierte – so jemand kann nicht damit zufrieden sein, ein Musical einfach zu reproduzieren.

Aber Richter ist nicht nur ein talentierter Autor-Regisseur, er ist auch ein begabter Handwerker, der strenge Rechtevorgaben schulterzuckend hinnimmt und unter solch beschränkenden Bedingungen trotzdem beeindruckende Bühnenkonvention zu machen weiß. „Lazarus“ dürfte wohl kaum in die Theatergeschichte eingehen (zum Vergleich: „Am Königsweg“ wurde zum Theatertreffen eingeladen, war „Stück des Jahres“, „Inszenierung des Jahres“, und Darsteller Benny Claessens war unter Richters Regie auch noch „Schauspieler des Jahres“), ist allerdings trotzdem Rocktheater auf der Höhe der Zeit, bei dem sich Bühne (Katrin Hoffmann), Video (Chris Kondek) und Musik zu einem stimmigen Ganzen fügen. Richter ist da mehr Spielleiter als eigenständiger Regiekünstler, aber auch als Spielleiter beweist er sein Händchen für funktionierendes Theater.

Konzept lässt dem Ensemble wenig Entfaltungsmöglichkeiten

Die wenigen Momente, an denen die Regie tatsächlich eigene Akzente setzt, sind die einzigen echten Schwachstellen des Abends: die politischen Videoeinspielungen etwa, die die G20-Proteste zeigen oder Reden diverser konservativer US-Präsidenten. Oder das klischeehafte Mähnenschütteln zum harten Rocksong „Love is lost“, bei dem sich jemand, der die Abgründe der Rockästhetik so gut kennt wie Bowie, im Grab umdrehen müsste. Aber das sind Kleinigkeiten.

Schwerer wiegt, dass das strenge Konzept dem Ensemble wenig Entfaltungsmöglichkeiten lässt. Betroffen ist davon weniger Scheer, der sich in seiner Bowie-Mimikry gut eingerichtet hat, betroffen ist beispielsweise Yorck Dippe, der zwar Ansätze spießbürgerlicher Verschrobenheit zeigt, dann aber schnell aus dem Stück rausgekegelt wird und fortan gezwungen ist, mit der Band am Saxofon zu posieren. Betroffen ist auch Gala Othero Winter, wahrscheinlich die aktuell eigensinnigste Schauspielerin der deutschsprachigen Theaterwelt, die ihre Brillanz nur in der Solonummer „Life on Mars?“ andeuten kann.

Zum Finale gibt es eine seltsam verzögerte Version von Bowies ikonographischstem Hit, „Heroes“, der düstere Höhepunkt einer assoziativen Reise in eine verstörte Seele. Dann schwebt der „Blackstar“ aus Bowies letztem Album aus dem Himmel herab, und so könnte man dann in den Abend entlassen werden. Aber der Applaus will nicht enden, und die Band setzt zu einer Zugabe an: noch einmal „Heroes“, diesmal aber in der bekannten, dröhnenden, pathossatten Fassung. Give the People what they want. Das ist nicht verwerflich.

Wieder am 19. 11., 1., 2., 28. und 29. 12., Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Karten unter 248713, Infos: www.schauspielhaus.de

Alle aktuellen Kritiken des Abendblatts

Publikumsstimmen

  • „Das war ganz große Unterhaltung. Die Songs, das Bühnenbild, die Videos – alles perfekt!“ Saskia Fendel, Othmarschen

  • „Ich weiß nicht, wie es im Parkett klang, aber im Rang fand ich den Sound ziemlich schwach.“ Sven Gaarde, Horn

  • „Ich habe das Stück vor einem Jahr schon am Theater Bremen gesehen. Das war beeindruckend, aber das, was hier in Hamburg gemacht wird, bläst einen richtig weg. Toll.“ Andrea Scharm, Bremen

  • „Die Geschichte war kaum zu verstehen, vieles wurde nur angerissen. Aber die Musik hat mich begeistert, sowohl die Sänger als auch die Band – beim Hauptdarsteller hatte man das Gefühl, den echten Bowie zu hören. Und die Bühne war großartig.“ Jonas Wagner, Eimsbüttel