Ensemble Resonanz

Elbphilharmonie: Wirklich singen kann Charly Hübner nicht

Der Schauspieler Charly Hübner

Der Schauspieler Charly Hübner

Foto: Roland Magunia / HA

Liedzyklus „Die Winterreise“ nach Gedichten von Wilhelm Müller im Kleinen Saal. Mit dabei: Schauspielhaus-Star Charly Hübner.

Hamburg.  U- oder E-Musik – diese Unterscheidung hat das Ensemble Resonanz noch nie interessiert. Erlaubt ist, was gut ist. Aber auch ein bisschen, was gut ankommt. Das auch mit E-Bass und Vintage-Keyboards 2014 aufgepeppte „Weihnachtsoratorium“ von Bach verkauft sich blendend, ist auf CD und Vi­nyl erschienen. Aber nicht nur bei den Kult-Konzerten der Reihe „Urban String“ im Resonanzraum überschreitet man Genre-­Grenzen. Jetzt gab es in der Resonanzen-Reihe im Kleinen Saal der ­Elbphilharmonie Schuberts Liedzyklus „Die Winterreise“ nach den Gedichten von Wilhelm Müller. Mit dabei: Fernseh- und Schauspielhaus-Star Charly Hübner („Polizeiruf 110“).

Der bot unter dem Motto „A Mercy Seat – Winterreise“ 15 der 24 Lieder aus Schuberts Zyklus im Wechsel mit drei Songs des australischen Singer-Songwriters und Autors Nick Cave. Wohl weil dessen Musik immer eine Todes-Obsession durchzieht – Caves Vater starb bei einem Autounfall, sein Sohn bei einem LSD-Trip –, entdeckte man die Nähe zur mit Selbstmordgedanken nur so gespickten „Winterreise“. Und klar, Schubert lebte im metternichschen Polizeistaat, er und Wilhelm Müller hatten mehrfach Probleme mit Behörden.

Depressive Texte

Man kann Müllers depressive Texte auch auf die herrschenden Verhältnisse beziehen und als subversive Kritik daran auffassen. Deshalb, verrät Hübner im Programmheft, ist für ihn Schuberts verlassener Liebender auch Täter. Einer, der sich aber seine Schuld und sein „Versagen“ (Übertitel des zweiten Konzerts der Resonanzen-Reihe) nicht eingesteht. So wie der Verbrecher, der im Cave-Song „Mercy Seat“ auf seine Hinrichtung wartet.

Für den musikalischen Zusammenhalt von Schubert und Cave sorgen die auf Stimmungseffekte setzenden Arrangements von Tobias Schwencke. Das lässt den pausenlosen, 90-minütigen Abend wie aus einem Guss wirken. Schabende Streicher, aber auch ins Kitschige tendierende Geigen-Soli, dazu manchmal brutal-laut aufdrehende E-Gitarren, Schlagzeug, Geräusche aller Art, Chor-summen der Musiker und mehr. Das Ensemble Resonanz spielt mit gewohnter Klasse und Empathie.

Wirklich singen kann Charly Hübner nicht, er versucht es auch gar nicht, er spricht meist mehr oder deutet an. Manchmal vermittelt sich Eindringlichkeit und Verzweiflung, nicht immer. Die Sache hat ihren Effekt, weil Schuberts Musik so genial und so stabil ist, dass ihr auch die ungewöhnlichsten Arrangements nichts anhaben können.