Hamburg

Die #MeToo-Debatte als Unterhaltungstheater?

Eine eindeutige Situation? Johanna Christine Gehlen und Patrick Heyn spielen zentrale Rollen.

Eine eindeutige Situation? Johanna Christine Gehlen und Patrick Heyn spielen zentrale Rollen.

Foto: Marco Moog / St-Pauli-Theater-Konsens

Das St. Pauli Theater bringt ein gesellschaftspolitisches Stück auf die Bühne. Es geht – auch – um Vergewaltigung.

Hamburg.  „Sie müssen sich nicht mehr wehren, das weißt du. Sie müssen nur noch Nein sagen.“ Was für ein Satz. Klingt er nur nüchtern? Oder schon ­bedauernd? Zwei befreundete Anwälte sprechen über die sexuelle Selbst­bestimmung, zwei Männer, die es ­gewohnt sind, das Recht nicht als ­Moralinstrument zu verstehen, sondern kühl zu nutzen. Die in der Regel bekommen, wonach sie verlangen. Frauen, zum Beispiel. Ob die das überhaupt wollen, auch darum geht es im Stück „Konsens“ der britischen Dramatikerin Nina Raine, das Hausherr Ulrich Waller gerade am St. Pauli Theater probt. Am Sonntag ist Premiere.

Der Stoff ist durchaus ein Wagnis. Eine Komödie, in der es um Geschlechterkampf geht? Gibt es reihenweise. Aber Machtmissbrauch, Übergriffe, Vergewaltigung? Taugen diese Inhalte für Pointen? Die Verbindung aus existenziellen Themen und eskalierender Dinnerplauderei kennt der Theater­zuschauer vor allem aus dem gehobenen Boulevard der Franzosen Yasmina Reza („Gott des Gemetzels“) oder Florian Zeller. Böse ist die Komik dort ebenfalls, diesmal allerdings dürfte dem Publikum das Lachen schon sehr früh im Halse stecken bleiben bei Dialogen wie diesen: „Mein Vergewaltiger hat sich halt besser geschlagen als dein Opfer!“ – „Er hatte sicher jede Menge Erfahrung! Sie wurde nur dieses eine Mal vergewaltigt.“

Scharfes Konversationstheater

„Es ist dramaturgisch kompliziert“, gibt Bettina Engelhardt zu. Die Schauspielerin, die lange zum Hamburger Schauspielhaus-Ensemble unter Frank Baumbauer gehörte und mittlerweile in Essen lebt, gastiert das erste Mal am St. Pauli Theater. Ihre Rolle: eine Frau, die eine Vergewaltigung vor Gericht bringt. Ein Opfer also? „Ja. Und nein“, sagt Engelhardt. Das Stück von Nina Raine, die zur Premiere in Hamburg erwartet wird, stellt auch die Frage nach Begrifflichkeiten, nach Grenzen, nach Definitionen. Eine eindeutige Komödie ist „Konsens“ nicht, auch Tragikomödie trifft es nicht ganz. Am ehesten ist das Stück wohl scharfes Konversationstheater, ein theatraler Beitrag zur #MeToo-Debatte – ohne sich dabei eindeutig zu verorten.

„Ich finde das Thema #MeToo interessant und ich hoffe schon auch, dass unsere Produktion das Gespräch in Gang hält“, sagt Bettina Engelhardt, die im Stück Parallelen zu Ferdinand von Schirachs Erfolgsproduktion „Terror“ sieht. Bei Schirach entschied das Publikum wie eine Jury nach der Vorstellung über Schuld oder Unschuld, eine vergleichbare Abstimmung würde Engelhardt auch bei „Konsens“ interessant finden. „Das ist aber nicht geplant. Toll wäre es, wenn die Zuschauer auch nach der Aufführung immer wieder ins Nachdenken kämen und ins Gespräch mit­einander.“

„Machtstrukturen überdenken“

Über Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel, in Deutschland erst seit 1997 strafbar. Das ist noch nicht so lange her, der Großteil der Theaterbesucher dürfte das Davor erinnern. In Kraft trat das Gesetz erst nach jahrelangem Streit und gegen erbitterten Widerstand zum Beispiel aus den Reihen der CSU (Edmund Stoiber: „Mit uns nie!“ – ­womit er damals nicht die Vergewaltigungen meinte, sondern den Paragrafen, der sie unter Strafe stellen sollte). In „Konsens“ diskutieren nun zwei Ehepaare, alle Juristen, einen entsprechenden Vorfall. Zwei von ihnen nicht wie sonst als Außenstehende, sondern als Beteiligte. „Wenn das so ist, kann man technisch gesehen wahrscheinlich ­sagen, dass ich sie vergewaltigt hab“, sagt Edward im Text und sein Anwaltsfreund antwortet trocken: „Ich fürchte – das Technische zählt, Ed.“

Bettina Engelhardt, Jahrgang 1971, verfolgt die #MeToo-Debatte, die längst auch das Theater als hierarchische, eher männergeprägte Institution erreicht hat, auch mit einer „gewissen Verblüffung“, gibt sie zu: „Ich dachte immer, ich komme aus einer Generation von emanzipierten Frauen. Gerade als Schauspieler brauchen wir doch im Wortsinn ein Selbst-Bewusstsein. Mir ist nie etwas passiert und ich habe mich schon auch gefragt: Warum traut sich nicht jede oder jeder ein ,Nein‘ zu sagen? Und was machen eigentlich die Männer und Frauen, die so etwas mitbekommen?“ Solidarität, Empathie, auch das sind Themen im Stück.

Sie sei ein „Fan davon, Machtstrukturen zu überdenken“, sagt Engelhardt. Ob die Auseinandersetzung am Theater grundsätzlich richtig geführt wird, ­bezweifelt sie trotzdem. „Zum einen ist das Theater ja keine Therapieanstalt.“ Zum anderen sei das Gespräch „oft mehr Klatsch als Debatte“.

„Die Moral ist uns nicht angeboren“

Nina Raine bedient beides. „Die Moral ist uns nicht angeboren. Scham empfinden wir nur, wenn wir beobachtet werden“, heißt es an einer Stelle im Skript. „Der Text hat ganz viel mit uns allen zu tun“, glaubt Engelhardt, die sich „in vielen Bereichen mehr Achtsamkeit im Umgang miteinander“ ­erhofft. Ihren eigenen drei Kindern wolle sie das mit auf den Weg geben: „Die Gesellschaft kann ich nicht verändern – aber ich kann die Kinder fit machen für die Gesellschaft. Und vielleicht verändert das dann die Gesellschaft.“

„Konsens“, St. Pauli Theater (U St. Pauli, S Reeperbahn), Premiere So 4.11., 18 Uhr, Spiel­budenplatz 29/30, Karten über die Abendblatt-Hotline T. 30 30 98 98

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