Hamburger Autorin

Carmen Korn: Wenn das Leben zum Bestseller wird

Die Autorin Carmen Korn in ihrer Wohnung auf der Uhlenhorst

Die Autorin Carmen Korn in ihrer Wohnung auf der Uhlenhorst

Foto: Roland Magunia / HA

Ihre Jahrhundert-Trilogie über vier Freundinnen von der Uhlenhorst hat der Schriftstellerin späten, aber großen Erfolg beschert.

Hamburg. Ein Gespräch mit Carmen Korn ist so wohltuend wie eines ihrer Bücher zu lesen: Man möchte, dass es nicht aufhört. Das Reden über Kinder und Enkel, Lebenswege, Freundschaften, Urlaube in Italien – hach, könnte man doch ewig auf dem brombeerfarbenen Sofa in der Uhlenhorster Altbauwohnung sitzen und der Autorin einfach beim Arbeiten zusehen.

Wie sie zurückgelehnt am Schreibtisch sitzt, hinter sich das große Regal mit den wahnsinnig vielen Büchern (ganz vorne die aktuellen Werke ihrer Freundin Petra Oelker). Genau hier mit Blick auf den mit Heide bepflanzten Balkon ist ihre Jahrhundert-Trilogie entstanden. Nach „Töchter einer neuen Zeit“ (2016) und „Zeiten des Aufbruchs“ (2017) ist im September nun „Zeitenwende“ im Kindler-Verlag erschienen.

Darin treffen sich die vier sehr unterschiedlichen Freundinnen Henny, Lina, Ida und Käthe, geboren zwischen 1899 und 1901, mit ihren Familien im Hamburg der 1970er-Jahre wieder, teilen die kleinen und großen Momente des Glücks, aber auch so manchen Schicksalsschlag: Babys kommen auf die Welt, geliebte Partner werden krank und sterben. Die Einzelhandelskrise, die Linas Buchhandlung Landmann am Gänsemarkt trifft, wird dabei als aktuelles Geschehen ebenso eingewoben wie die Versuchungen durch die Rote Armee Fraktion: Käthes Tochter Ruth sympathisiert mit der terroristischen Bewegung.

Henny, Käthe, Lina und Ida sind wie Familie

Die homosexuelle Beziehung von Hennys Sohn Klaus zum Jazzpianisten Alex oder die Zweifel von Idas Tochter Florentine, die anstelle des Mutterseins lieber als Topmodel um die Welt reisen möchte – all diese Geschichten erzählt Carmen Korn so präzise und einfühlsam, dass man meint, die Figuren wären gar keine Figuren, sondern Menschen, die man nebenan am Papenhuder Weg treffen könnte.

Und genau so hat es auch die Autorin in ihrem Nachwort beschrieben: Es sei „ein Glück, diese Charaktere ins Leben gerufen zu haben, denn so scheint es mir: Sie sind wirklich da. Ab und zu glaube ich, ihnen hier in meinem Stadtteil, auf der Uhlenhorst, zu begegnen, als wären sie alle Nachbarn und viel mehr noch – Henny, Käthe, Lina und Ida und ihre Wegbegleiter fühlen sich für mich wie Familie an.“

Mit der Trilogie hat die Autorin ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet und die Bewohner ihres Viertels porträtiert. Tatsächlich sind Käthe und Alex, die Charaktere, die Carmen Korn an echten Menschen entlang erzählt hat. „Ich war schon als Kind eine gute Geschichteneinsammlerin.“ Gebannt habe sie ihren Großeltern zugehört, wenn die von ihren Kriegserfahrungen berichteten. Und auch später, als sie 22-jährig nach Hamburg kam, waren es die um die Jahrhundertwende Geborenen, die sie beim Spazierengehen an der Alster traf und die sie mit ihren Anekdoten beeindruckten.

In Hamburg lernte sie ihren Mann kennen

„Aber damals hätte ich nie geglaubt, dass ich einen Roman über dieses Viertel schreiben würde.“ Jeden Februar in den vergangenen drei Jahren stand eine Manuskript-Abgabe an – der Kalender der demnächst 66-Jährigen ist eng getaktet. Und doch nimmt sie sich Zeit, jeden einzelnen Brief aus ihrer reichhaltigen Fanpost zu beantworten, und zwar handschriftlich. „Es sind so rührende Geschichten darunter, zum Beispiel hat sich eine Frau durch meine Bücher an ihre einstige Wohnung an der Körnerstraße erinnert.“ Wäre die Trilogie nicht ausdrücklich abgeschlossen – Carmen Korn hätte allein durch die Zuschriften schon wieder genügend Stoff für einen weiteren Uhlenhorst-Roman.

Auch für ihre Gesprächspartnerin, die sich mit dem Interviewtermin mitten in ihre Lesetour und den 90. Geburtstag ihrer Mutter gequetscht hat, nimmt sie sich Zeit und ist nicht nur bereitwillige Auskunftsgeberin, sondern auch aufmerksame Zuhörerin, die sehr wohl registriert hat, dass sich der Nachname der Redakteurin durch Heirat geändert haben muss. Recherche ist das Stichwort. Bevor Carmen Korn Schriftstellerin wurde, arbeitete sie als freie Journalistin für den „Stern“. Das Handwerk dafür erwarb sie auf der Henry-Nannen-Schule.

In Hamburg lernte sie auch ihren Mann kennen: Peter Christian Hubschmid, ebenfalls Journalist und Übersetzer. Ihren vollständigen Namen Carmen Korn-Hubschmid („diese Doppelnamen sind so typisch 80er; das würde ich heute nicht mehr machen“) findet man nicht auf den Buchdeckeln. Dort steht nur das kurze und prägnante Korn, das sie von ihrem Vater, dem Komponisten Heinz Korn, mitbekommen hat.

Ihr erster Roman war schon ein Erfolg

Dass das Ehepaar ein gutes Gespann ist, merkt man schon an der arbeitsteiligen Buchproduktion: Wann immer eine technische Frage auftaucht, ist Christian Hubschmid zur Stelle und recherchiert. „Zum Beispiel frage ich: ,Alex hat sich einen italienischen Sportwagen gekauft. Welches Modell könnte das wohl sein?‘ Das macht ihm großen Spaß“, so Carmen Korn. Auch während des Interviews sitzt der Gatte nebenan im Esszimmer, liest Zeitung und hört wahrscheinlich ganz genau zu, was da so erzählt wird. Zum Beispiel das hier: „Wir leben seit 42 Jahren in dieser Wohnung. Zunächst zogen Christian und ich zusammen mit zwei Freunden ein. Und dann haben wir nach und nach die Flügeltüren geöffnet und unsere beiden Kinder hier großgezogen.“

Mit drei Hunden und zwei Kindern kam man immer schnell ins Gespräch mit den Nachbarn. Mit vielen von ihnen ist die Familie bis heute eng befreundet. Auch das ist spürbar in den Büchern: Diese enge Verbundenheit, die die Familien über Generationen hinweg pflegen, sie auf diese Weise so harmonisch und stabil werden lassen, kommen einem fast unrealistisch vor. Gibt es denn so etwas überhaupt noch, fragt man sich bei der Lektüre. „Aber ja“, meint Carmen Korn. „Für mich ist das kein Traum, sondern Wirklichkeit geworden. Dadurch, dass wir schon so lange an ein und demselben Ort leben, konnten wir lebenslange Beziehungen aufbauen und an unsere Kinder weitergeben.“

Tochter ist Redakteurin bei einer Zeitung

Der 26-jährige Sohn ist gerade dabei auszuziehen. Die 30-jährige Tochter ist Redakteurin bei einer großen Zeitung in Berlin, verheiratet mit einem Kollegen, Mutter einer dreijährigen Tochter. „Sie ist schon mit 27 Jahren Mutter geworden“, sagt die stolze Großmutter, die sich zumindest im Dezember ein paar Tage für ihre Enkelin freischaufeln wird. „Anders als ich. Ich war schon 35 und hatte das Gefühl, die Zeit mit den Kindern sehr intensiv erleben zu wollen.“

Was nicht so einfach war mit beiden Elternteilen in selbstständigen Jobs. „Da haben wir uns schon manchmal am Ende des Monats gegenseitig gefragt: ,Kommt von dir noch ein Honorar?‘“ Vielleicht wäre die Familienzeit „noch etwas entspannter gewesen“, wenn einer in fester Anstellung gewesen wäre. Aber, und so einen schönen Satz kennt man eigentlich nur aus ihren Büchern, „das hat sich eben so gelebt im Leben.“ Die Zeit, das Leben, die Familie. Carmen Korn hat ihr zentrales Thema gefunden. Ebenso wie die Vorgänger rangiert auch „Zeitenwende“ oben auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, momentan auf Platz 4. Demnächst soll die Trilogie verfilmt werden.

„Das freut mich so sehr“, sagt die Autorin über ihren großen, aber späten Erfolg. Davon verwöhnt ist die gebürtige Düsseldorferin nämlich nicht gerade. Zwar wurde gleich ihr erster Roman „Thea und Nat“ von 1989 auf Anhieb gut verkauft und sogar mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle für das ZDF verfilmt, doch konnten Nachfolger wie „Das singende Kind“ nicht daran anknüpfen. So blieb Carmen Korn weiterhin Journalistin, wechselte aber vom „Stern“ zu „Viva“ und später zu „Brigitte“, um den Alltag mit kleinen Kindern zu meistern.

Familiärer Hintergrund der Figuren im Fokus

Irgendwann tauchte ein Abendblatt-Redakteur mit den berühmten „schwarzen Heften“ auf und fragte bei ihr für eine Geschichte an – „plötzlich war ich eine preisgekrönte Krimiautorin. Aber auch in den folgenden Büchern, wie etwa der Reihe um die Hamburger Ermittlerin Vera Lichte, ging es meistens mehr um den familiären Hintergrund der Figuren als um das Mordmotiv.“ Ihre Kollegin und Freundin Ingrid Noll, der sie von ihrem neuen Sujet, nämlich des Familienromans, erzählte, sagte dazu nur trocken: „Darüber hast du doch schon immer geschrieben.“

Um sich auf ihr neues Buchprojekt konzentrieren zu können, musste sich die Autorin zunächst von ihren lieb gewonnenen Uhlenhorster Charakteren lösen. In der nächsten Geschichte geht es um Paare und Familien und ihre Leben in Hamburg, Köln und Sanremo. In dem italienischen Küstenort hatte die Familie ihres Mannes ein Grundstück mit einem kleinen Häuschen drauf. Es werden also unweigerlich persönliche Urlaubserinnerungen ins Buch fließen.

Und auch dieses Mal wird Christian Hubschmid sicherlich gerne behilflich sein, wenn es um das Beisteuern geografischer oder technischer Details geht. Dass seine Frau nicht einmal im Urlaub abschalten kann, nimmt er gelassen. „Dann sagt er höchstens ,Du fotografierst doch schon wieder im Geiste.‘“ So ist das eben, wenn man sein großes Glück gefunden hat. Im Leben. Und zwischen zwei Buchdeckeln.

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