Thalia

Spröder Theaterabend mit brillanten Darstellern

Thomas Niehaus als
Moderator Philip Rasmussen
vor den geladenen Rednern

Thomas Niehaus als Moderator Philip Rasmussen vor den geladenen Rednern

Foto: Angerer, Krafft

Freie Sicht auf Vorurteile: Regisseur Matthias Günther inszeniert die Farce „Iran-Konferenz“ im Thalia Gaußstraße.

Hamburg.  Die „Iran-Konferenz“ beginnt für einige Teilnehmer holprig. Den ersten Redner der nach Kopenhagen angereisten Wissenschaftler, Literaten und Journalisten kündigt der Moderator als Muslim an. Fälschlicherweise. Professor Daniel Christensen (Jens Harzer) ist genervt, verzieht aber kaum eine Miene. Er sei durchaus mit Muslimen befreundet und verneige sich vor der Weisheit dieser Religion, aber er selbst sei nun mal keiner. Und schon kreist der Dialog um die Frage, ob und warum es denn womöglich eine Beleidigung sei, ihn als solchen vorzustellen.

Da ist man schon mitten drin im Themenkomplex Ost gegen West oder „Allah gegen Coca-Cola“, wie der von Thomas Niehaus herrlich ungelenk gespielte Moderator Philip Rasmussen scherzt. Die akademische Rhetorik-Hülle aus Rede und Gegenrede wird im Laufe von Iwan Wyrypajews klug und fein gesponnener „Iran-Konferenz“ – von Matthias Günther im Thalia Gaußstraße zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht – immer wieder durchbrochen. Hinter all den schönen, süffigen, leicht konsumierbaren Formulierungen der Teilnehmer liefert sie eine freie Sicht auf Vorurteile, Selbstgerechtigkeit und Realitätsverzerrung.

Wirkungsvolle Versuchsanordnung

Die Versuchsanordnung ist dabei so einfach wie wirkungsvoll: Die von Bettina Kirmair und Annika Stienecke gebaute Bühne zeigt über eine schräge Glasfront die Redner von hinten. Dem Wohlklang der Worte lauschend, ist man geneigt, so manchem Vortrag erst einmal auf den Leim zu gehen, um dann doch zu merken, dass man es hier immer wieder mit Worthülsen zu tun hat. Es treten auf: ein Religionswissenschaftler, ein rechtsgerichteter Publizist, ein Pfarrer, eine ehemalige TV-Journalistin und am Ende immerhin eine iranische Schriftstellerin. Aber um das Thema, das „Iran-Problem“, um Erkenntnisgewinn im Hinblick auf eine fremdartige Kultur und Religion, geht es dabei nur sehr am Rande.

Professor Christensen driftet in seiner Rede ab. Er referiert über die Struktur seines komfortablen Lebens, zu dem gehört, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch steht, der Pool immer wohltemperiert ist und das Jackett im Flugzeug knitterfrei bleibt. Im gleichen Atemzug wünscht er, dass Kriege aufhören und Terroristen sterben.

Wahre Motive der Teilnehmer

Birte Schnöink gibt als Astrid Petersen eine engagierte Journalistin mit viel Leidenschaft, die sich für die Menschenrechte einsetzt. Sie wird jedoch von Konferenzteilnehmer Julian Greis – ihr geschiedener Man – geoutet, für einen Mann, der sie mehrere Monate im Irak in Geiselhaft genommen hatte, die Todesstrafe gefordert zu haben. Alicia Aumüller als ehemalige TV-Moderatorin Emma Schmidt-Poulsen lamentiert kolonialistisch-verklärt über das Glücksgeheimnis ursprünglicher Völker im Dschungel Perus. Und der von Merlin Sandmeyer beklemmend soldatisch gegebene politische Kolumnist entpuppt sich als Neurechter, der am Ende das Loblied auf die „Hygge“, die Behaglichkeit, seiner dänischen Heimat anstimmt.

Häufig sind es die Zwischenrufe, die die wahren Motive der Teilnehmer entlarven. Und in ihnen geht es um die ganz großen Dinge: Wahrheit, Tradition, der Sinn des Lebens, Spiritualität, Gott. Alle Redner beanspruchen „Raum für Gefühle“ – gemeint sind natürlich die eigenen. Stets geht es um die eigene Warte – man muss genau hinhören, um allgegenwärtige Ressentiments in dieser verklausulierten Bedeutungshuberei zu enttarnen. Aufkommende Konflikte werden schnell wieder eingefangen.

Es ist keine Frage, dass man sich diesem auf den ersten Blick etwas spröden Theaterabend mit einer gewissen Lust am Denken hingeben muss. Szenisch geschieht wenig mehr, als dass die Vortragenden aus der ersten Reihe ans Rednerpult treten und wieder abgehen. Doch die Entscheidung des Thalia-Dramaturgen Matthias Günther für die klare, schnörkellose Form zahlt sich aus und fokussiert auf den Inhalt des Gesagten. Wer sich darauf einlässt, wird beschenkt mit einem Text voller feiner Widerhaken. Und nicht zuletzt mit brillanten Auftritten sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler.

Über das Leben im Iran erfährt man hier allerdings so gut wie nichts.

„Iran-Konferenz“ weitere Vorstellungen 30.10., 20.00, 6.11., 11.00, 26.11., 20.00, Thalia Gaußstraße Gaußstraße 190, Karten: unter T. 32 81 44 44