Hamburg

Klaviersonaten in der Elbphilharmonie sprühen vor Witz

David Greisammers Recital in der Elbphilharmonie war extravagant.

David Greisammers Recital in der Elbphilharmonie war extravagant.

Foto: picture alliance / HAFEN-FOTOS.D

David Greilsammers Recital mit Scarlatti und Cage sind extravagant und im Konzert viel zu selten gespielt. In Hamburg schon.

Hamburg.  Manche Leute sitzen zwischen zwei Stühlen und wissen nicht recht, was sie wollen. David Greilsammer sitzt zwischen zwei Flügeln und weiß punktgenau, was er will. Der eine Flügel im Kleinen Saal der Elbphilharmonie war mit Schrauben, Gummi, Nägeln präpariert, der andere nicht. In der Mitte der in Jerusalem geborene Pianist auf einem Drehstuhl im Schein von ein paar kleinen LED-Schwanenhalsleuchten, das Licht im Saal extrem gedimmt.

Domenico Scarlatti, Jahrgang 1685. John Cage, Jahrgang 1912. Greilsammers Auftritt mit den Sonaten kam einer durchgestylten Performance gleich: Konzentration auf die Musik im fast dunklen Saal, das getimte Herumdrehen von einem Flügel zum anderen im Rhythmus des ausklingenden Stücks beim Wechsel zum nächsten, nicht ohne vorher mit einer bogenartigen Geste die Notenblätter elegant vom Notenpult zu ziehen und luftschlangenartig auf den Boden gleiten zu lassen. Das hatte was!

Sie sprühen vor Fantasie und Witz

Kein Pianist kommt an Scarlattis mehr als 500 kurzen, schweren Klaviersonaten im Studium vorbei. Aber im Konzert hört man sie nicht allzu oft. Dabei sprühen sie vor Fantasie und Witz, ungewöhnlichen Rhythmen, Farben und Formen. Dass ein Superstar wie Vladimir Horowitz sie in seinem Repertoire hatte, spricht für ihre Qualität.

David Greilsammer kümmerte sich nicht darum, dass sie Anfang des 18. Jahrhunderts komponiert wurden. Einige packte er so ruppig an, dass man eher an Beethoven als an den subtilen Scarlatti dachte. Er spielte extrem leise und würzte mit unorthodoxen Akzenten (Sonate d-Moll K213). Dann überraschte er mit dynamischen Kontrasten (h-Moll K27) oder hartem Anschlag (d-Moll K141), verwirrte mit extravaganten Pausen (a-Moll K175) oder manierierten Trillern (E-Dur K380). Es ist ein ewiger Streit, wie Cembalomusik auf einem modernen Klavier gespielt werden sollte.

Spannender noch wurden die Wechsel von Scarlatti zu Cage und umgekehrt. Gummi oder Nägel zwischen, auf oder unter den Klaviersaiten bewirkten einen ungewohnten Klang: dumpf, klirrend, scheppernd, glöckchenartig oder trommelnd. Das Spiel mit den Resonanzen wurde zum Zauber.

Greilsammer verband die entfernten Welten wie selbstverständlich und kristallisierte gleichzeitig ihren jeweiligen Reiz heraus. Wie nah sich beide Komponisten in ihrer Extravaganz sind, zeigte sich bei der Scarlatti-Sonate als Zugabe auf dem präparierten Cage-Klavier.