Nachruf

Hans-Peter Jürgens führte ein Leben wie ein Abenteuerroman

Hans-Peter Jürgens war auch
ein bekannter Marinemaler –
hier ist rechts sein Schiff die
„Priwall“ zu sehen.

Hans-Peter Jürgens war auch ein bekannter Marinemaler – hier ist rechts sein Schiff die „Priwall“ zu sehen.

Foto: Ankerherz Verlag

Er war der letzte Überlebende der legendären Bruderschaft der Kap Hoorniers. Nun ist der Kapitän und Marinemaler gestorben.

Hamburg. Der Himmel über dem Hafen war weit und nordisch klar, als der Schiffsjunge in Richtung der Landungsbrücken schlenderte. In einem Geschäft für Seemannszubehör am Rödingsmarkt hatte er sich mit dem Nötigsten eingedeckt, mit Seestiefeln, Ölzeug, Unterwäsche aus Wolle. Der Schiffsjunge trug seinen Seesack über der Schulter, und als er der Wasserkante näher kam, sah er die vier Masten der „Priwall“, die gegenüber von Sankt Pauli mit Kali beladen wurde. Der Junge hörte, wie sein Herz raste.

Das große Abenteuer begann.

Hans-Peter Jürgens war Schiffsjunge auf der „Priwall“, die im Mai 1939 nach Valparaiso in Chile segelte. Eine Reise durch die Stürme der „Roaring Forties“ und um das gefürchtete Kap Hoorn. Eine Reise, die sieben Jahre dauern sollte und sich wie ein Abenteuerroman liest. Mit einem Untergang, Stationen im afrikanischen Dschungel, in den schottischen Highlands und an Kanadas großen Seen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der für seinen Traum, Kapitän zu werden, bereit war, an Grenzen zu gehen.

Nun ist der letzte Kap Hoornier gestorben, im Alter von 94 Jahren. Jürgens war Kapitän, später Lotse und einer der wichtigsten Marinemaler Deutschlands. Wenn ich an ihn denke, dann denke ich an ungezählte Nachmittage und Abende in seinem Haus im Kieler Stadtteil Holtenau, in denen wir kannenweise Kaffee tranken und er mir sein Leben erzählte. Es war ein Privileg, diesen Mann zu kennen und dieses Abenteuer aufschreiben zu dürfen.

Harte Arbeit

Aus heutiger Sicht ist kaum vorstellbar, was Hans-Peter Jürgens mitmachte. Aus Anfängern mussten innerhalb weniger Wochen Seemänner gemacht werden, die in den Stürmen vor Kap Hoorn hoch oben in den Rahen den „Flying P-Liner“ der Reederei F. Laeisz auf Kurs hielten.

Der Orkan, der nicht zu enden schien. Die Kälte in den Unterkünften, die harte Arbeit, die Schikanen eines sadistischen Bootsmannes und die miserable Verpflegung setzten der Crew zu. Besonders die Äquatortaufe, ein oft brutales und erniedrigendes Initiationsritual, geriet zu einer Schinderei, die heutzutage strafrechtliche Konsequenzen hätte. Für Jürgens war die erlittene Demütigung prägend, wie er sagte. Er achtete später als Kapitän darauf, dass es an Bord seiner Schiffe niemals zu Unrecht kam.

Sicherheitsleinen gab es in der Takelage nicht. Jeder Fehler würde tödlich sein, das war jedem an Bord klar. Weil Wellen das Deck überspülten, spannte man Netze, die im Bordjargon „Leichennetze“ hießen. Die Fingerbeugen der Jungen waren vor Anstrengung aufgeplatzt, und das Ölzeug hatte ihre Nacken blutig gescheuert. Jürgens beschrieb in seiner Biografie sehr eindrücklich, dass die Strapazen die Schiffsjungen tief in den Abgrund schauen ließen: „Es wäre so einfach. Einfach die Hände von den Rahen nehmen und nach hinten fallen lassen. Soll ich die Qual beenden?“

Er gab seinen Traum nie auf

Knapp vier Wochen kreuzte das Schiff gegen die Stürme von Kap Hoorn, mit den Schiffsjungen hoch oben in den Rahen. Wer ein leises Gefühl entwickeln will, was das bedeutet, der möge die „Rickmer Rickmers“ an den Landungsbücken besuchen und den Kopf in den Nacken legen. Wenige Stunden, nachdem der Großsegler aus Hamburg in Valparaiso festmachte, eröffnete das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg. Damit war klar: Für das Segelschiff, das jedem Angriff eines Motorschiffs hilflos ausgeliefert wäre, war nun Endstation.

Für den Schiffsjungen Jürgens begann eine Irrfahrt durch eine Welt im Krieg. Er schuftete als Straßenbauer in Chile, wurde einem Frachter zugeteilt, den ein englisches Kriegsschiff im Atlantik versenkte. Als Kriegsgefangener überlebte er ein Lager im Dschungel von Sierra Leone: Skorpione, Schlangen, Hunger, Hitze. Er wurde ins kalte schottische Hochland verlegt und fütterte schließlich Bären an Kanadas Großen Seen. Vor den Transatlantik-Passagen hatten alle an Bord Angst, wegen der Gefahr durch deutsche U-Boote.

Nach sieben Jahren kehrte Jürgen zurück in das zerstörte Deutschland. Seinen Traum, Kapitän zu werden, gab er nie auf. Dafür schuftete er auf Fischkuttern in der Nordsee, brannte Schnaps in London und ging nach einer Grenzflucht sogar in den Knast. Die Aussicht, als Bergmann im Ruhrgebiet zwangsverpflichtet zu werden, behagte dem Seemann gar nicht. Doch der Versuch, sich in Antwerpen als Blinder Passagier an Bord eines Frachters mit Kurs Südamerika zu schleichen, scheiterte.

„Helmut Schmidt der ­Segelschifffahrt“

Sein Leben, vor allem in jungen Jahren, erinnert an einen Abenteuerroman. Doch wenn Jürgens davon erzählte, wog er jedes Wort ab, und bei der Arbeit im Manuskript war seine größte Sorge, dass es aufschneiderisch klingen könnte. Nie übertrieb er, nicht mit einem Wort, egal wie dramatisch die Episode auch ausfiel. Angeber konnte Jürgens nicht ausstehen.

Wenn ich mich an Hans-Peter Jürgens erinnere, denke ich an einen Filou. Selbst im hohen Alter umgab ihn ­etwas Jungenhaftes. Etwas Schelmisches. Auf manche Fragen oder auf ­Dinge, die ihm an der heutigen Zeit nicht passten, antwortete er nur mit einem Blick. Dann zog er seine buschigen, ­weißen Brauen zusammen, dass man glaubte, sie knistern zu hören. Der NDR nannte ihn den „Helmut Schmidt der ­Segelschifffahrt“. Das trifft es ziemlich gut.

Durch die Gespräche mit Kapitän Jürgens lernte ich, die Generation meines Großvaters zu verstehen, von der es heißt, dass es eine verlorene Generation ist. Zu Kriegsbeginn waren es Jugendliche, die nach dem Krieg vor dessen Trümmern standen. Kapitän Jürgens war 1924 geboren, mein Opa ein Jahr zuvor. Mein Großvater war kein Kapitän, der vor Kap Hoorn kreuzte und Schiffe durch den Sturm brachte. Er trug einen Blaumann als Arbeiter in einer Chemiefabrik. Als er aus dem Krieg zurückkam, brach er ein Studium ab, um die Familie durchzubringen. Ihre Trauer, ihre Wut, ihre Verzweiflung, das trugen diese Männer wie Kapseln in sich. Auch Kapitän Jürgens mochte nicht gern über Gefühlswelten sprechen.

„Stefan, ist das jetzt wichtig?“, fragte er. Meistens machten wir dann eine Pause.

Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, wie er und mein Großvater einen Platz in einer Welt fanden, in der es so oft um den eigenen Vorteil geht. Um den einfachsten Weg, den maximalen Unterhaltungswert, um „Work-Life-Balance“ und Probleme, die nach ihrer Lebenserfahrung keine echten Probleme sein konnten. Ich habe nie ein Wort der Bitterkeit von Kapitän Jürgens oder meinem Großvater gehört.

Am Revers seines Sakkos trug Kapitän Jürgens ein Abzeichen, das einen Albatros zeigt. Das Symbol der Kap Hoorniers-Vereinigung, deren letzter Vorsitzender er war. Mit Kapitän Jürgens starb nicht nur ein Seemann, ein Kapitän, Familienvater und Künstler. Mit seinem Tod endet ein Kapitel der Seefahrtsgeschichte. Der letzte Kap Hoornier geht von Bord.

Auf der Isla Hornos vor Kap Hoorn, auf 55˚ 59’ Süd und 67˚ 14’ West hat man ein Denkmal errichtet, das einen Alba­tros zeigt. Auf dem Steinsockel steht ein Gedicht der Chilenin Sara Vial:

„Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt auf dich wartet.

Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,

die Kap Hoorn ansteuerten von allen Meeren der Erde.

Aber sie sind nicht gestorben im Toben der Wellen.

Denn heute fliegen sie auf meinen Flügeln in die Ewigkeit.“