Ausstellung

Wohnen in Altona: Nicht alles ist heute noch gut und schön

1909: ein Wohnhaus des Altonaer Spar- und Bauvereins am heutigen Woyrschweg.

1909: ein Wohnhaus des Altonaer Spar- und Bauvereins am heutigen Woyrschweg.

Foto: Altonaer Spar- und Bauverein

Eine Sonderausstellung im Altonaer Museum zeigt den Wandel des Stadtteils in den vergangenen 130 Jahren. Die Direktorin im Interview.

Hamburg.  Aus dem architektonischen Mammutprojekt Mitte Altona mit 1600 Wohnungen ist Wirklichkeit geworden. „Schöner Wohnen in Altona?“ lautet die Ausstellung, die im Rahmen des Architektursommers 2019 und des 100. Bauhaus-Jubiläums im Altonaer Museum gezeigt wird. Sie setzt sich mit dem Wandel des Stadtteils im 20. Jahrhundert auseinander, thematisiert aber auch jüngste Entwicklungen.

Dabei geht es etwa um die Vision einer autogerechten Stadt, in den 1950er-Jahren ein wichtiges Thema, aber auch um den Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen, der in den 70er- und 80er-Jahren in den Fokus geriet. Und dann stellt sich auch die Frage, ob die Entwicklung in Altona Vorbildcharakter haben kann. Ein Gespräch zum Thema mit Direktorin Anja Dauschek.

Ihre aktuelle Ausstellung deutet darauf hin: Wohnen ist inzwischen auch ein Fall fürs Museum ...

Anja Dauschek: Die Mitte Altona ist ein städtebauliches Projekt mit überregionaler Strahlkraft. In der Altonaer Geschichte gab es bereits früher wegweisende bauliche Ideen wie zum Beispiel das „Neue Altona“ von Gustav Oelsner, der das Stadtbild wesentlich prägte, oder Ernst May mit seinem Aufbauplan für Neu-Altona in der Nachkriegszeit oder der 1967 fertiggestellten Trabantenstadt Osdorfer Born.

Beengte Wohnsiedlungen oder den Osdorfer Born kann man kaum als schön bezeichnen. Trägt die Ausstellung deshalb das Fragezeichen im Titel?

Dauschek: Dieses Fragezeichen begleitet die Stadtplaner immerzu. Nicht alles, was damals gebaut wurde, empfinden wir heute noch als gut und schön. Jede Architektur ist Stoff für Auseinandersetzung. Man hätte auch sagen können ,Besser Wohnen‘. Denn darum geht es letztendlich: Wie kann man besseren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten schaffen?

In der Ausstellung beleuchten Sie auch 130 Jahre stadtgeschichtliche Entwicklung des Viertels. Und siehe da: Schon in den 1920er-Jahren gab es ähnliche Wohnraum-Knappheit wie heute.

Dauschek: Richtig. Doch vor knapp 100 Jahren war die Herausforderung, mehr Licht, Luft und Sonne in dunkle und feuchte Wohnungen zu bringen. Heute haben wir dieses Problem nicht mehr, sondern stellen uns die Frage, wie man jungen Familien Wohnraum in der Stadt bieten und sich auf die alternde Gesellschaft einstellen kann.

Neue Mitte Altona

Bezahlbarer Wohnraum für junge Familien wäre auch schön gewesen ...

Dauschek: Wir wussten, dass wir mit der Ausstellung aktuell sein würden. Dass wir damit ins tagesaktuelle Umfeld von Bundestagsdebatten und Wohngipfel stoßen, hätten wir nicht gedacht. Das Thema Mietpreise wird zwar nicht direkt thematisiert, aber wir gehen der Frage nach, wie wir künftig mit dem zur Verfügung stehenden Boden umgehen werden, wie sich Verdichtung von Lebensraum auswirkt und welche alternativen Wohnformen es gibt.

Welche Innovationen wurden bei dem neuen Projekt umgesetzt?

Dauschek: Die Mitte Altona ist auf jeden Fall ein Beispiel dafür, wie man Bürger einbeziehen kann. So wurde das Thema Inklusion zum Leitmotiv der Planungen: In unserer Ausstellung präsentieren wir etwa das Wohnprojekt Bliss, das in Altona blinde, sehbehinderte und sehende Menschen zusammenbringt. Außerdem wurde ein Gehwegesystem entwickelt für Menschen mit verschiedenen Handicaps, zum Beispiel Menschen, die auf Rollstühle oder Rollatoren angewiesen sind. Es ist das erste Mal, dass man sich mit unterschiedlichen Gruppen so experimentell auseinandergesetzt hat.

Natürlich auch in der Hoffnung, dass das Projekt auf breite Zustimmung trifft. Sie wollen Plattform für Diskurs sein. Wie ist denn aus Ihrer Sicht die Stimmung in der Bevölkerung?

Dauschek: Auf der einen Seite haben wir Menschen, die die Wohnungen in der Mitte Altona vom Fleck weg gekauft haben. Und auf der anderen Seite Menschen, die auf keinen Fall so beengt leben möchten. Wohnen ist extrem persönlich. Deswegen hat jeder eine Meinung dazu. Das wollten wir in der Schau abbilden. Ich denke, dass man dem Viertel eine Chance geben sollte, sich zu entwickeln. Auch Ottensen war früher nicht so schön wie heute.

„Schöner Wohnen in Altona? Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert“ Altonaer Museum (S Altona), Museumstraße 23, Mo, Mi–Fr 10.00–17.00, Sa und So 10.00–18.00, Eintritt 8,50 Euro (erm. 5,-), weitere Infos: www.altonaermuseum.de