Ernst Deutsch Theater

In dem Stück „Nora“ geht es raus aus dem öden Leben

Stehen auch für hintergründige Komik:  Morena Bartel, Jens Wawrczeck und Stella Roberts  (v. l.) als Nora

Stehen auch für hintergründige Komik: Morena Bartel, Jens Wawrczeck und Stella Roberts (v. l.) als Nora

Foto: Oliver Fantitsch

Die Hauptfiguren könnten ein Paar aus Ottensen sein, das sich in dem Stück selbst aus bürgerlicher Enge befreit.

Hamburg.  Nora hat ein Problem. Um ihrem kranken Mann Torvald eine lebensrettende Reise zu finanzieren, hat sie sich auf unsaubere Geschäfte eingelassen. Jahre später ist Nora dadurch erpressbar – und Torvald entpuppt sich als Pedant, der auf keinen Fall erfahren darf, was ihm einst das Überleben sicherte. Zumal die Kommunikation unter den Eheleuten ohnehin nicht die beste ist. Ein Geständnis wird es unter diesen Bedingungen jedenfalls keines geben, in Yves Jansens Inszenierung von Henrik Ibsens „Nora“ am Ernst Deutsch Theater.

Vor 15 Jahren war Ibsens 1879 uraufgeführtes Drama das Stück der Stunde, mit stilbildenden Inszenierungen von Stephan Kimmig am Hamburger Thalia und Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne. Die Ehe zwischen Nora und Torvald war in beiden Produktionen weniger die Vernunftehe, die sich Ibsen vorgestellt hatte, als vielmehr eine sehr heutige Beziehung in der urbanen Mittelschicht der Nullerjahre unter nicht mehr ganz jungen Menschen in Ottensen oder im Prenzlauer Berg, die in selbstbewusster Entscheidung eine klassische Zweierbeziehung lebten und dabei irgendwann feststellen mussten, dass es mit dem Partnerschaftlichen in ihrer Partnerschaft nicht allzu weit her ist.

Das Stück lässt sich als Wohlstands­satire lesen

Eine Spur, die auch Jansen verfolgt: Gezeigt wird eine Nora im so schlichten wie stilvollen Strickkleid, die in einem zeitgemäß minimalistischen Wohnzimmer den Weihnachtsbaum schmückt und so versucht, Tradition und Gegenwart unter einen Hut zu bekommen. Tradition und Gegenwart respektive klassisches Familienmodell und selbstbestimmtes Leben. Das kann nicht funktionieren. Interessant ist, wie modern dieses Problemfeld schon bei Ibsen angelegt ist: Besonders radikale Regie-Eingriffe benötigt Jansen gar nicht, um „Nora“ ins Jahr 2018 zu verlegen, ein paar Ausstattungsdetails (von Peter Schmidt) sowie eine sachte modernisierte Textfassung durch den Regisseur reichen aus.

Unter der zurückhaltenden Regie entfaltet sich allerdings eine zweite Ebene in Ibsens Vorlage – „Nora“ ist nicht nur das Drama einer bürgerlichen Verwerfung, es ist auch eine stille, hintergründige Komödie. Wenn man will, kann man das Stück als Wohlstands­satire lesen. Jansen lässt das zu, indem er den Fokus von der Titelfigur nimmt und „Nora“ als Ensemblestück inszeniert. Und in diesem Ensemblestück besetzt er Schlüsselrollen mit begnadeten Komödianten, Felix Lohrengel als Torvald, Jens Wawrczeck als Erpresser Krogstad, die freilich den Komödienaspekt nie übertreiben, sondern nur als zweite Bedeutungsschicht mitdenken.

Gratis bekommt die Inszenierung diese Schicht allerdings nicht: Im Grunde sind die Figuren durch die leichte Verschiebung ins Satirische allesamt zu Unsympathen geworden. Torvald – ein feister Spießer, dessen umgängliches Getue vor allem die eigene Eitelkeit kaschiert. Krogstad – ein serviler Intrigant. Die Nebenfiguren Doktor Rank und Christine – bei Henry Arnold und Christina Arndt ein Jammerlappen und eine Karrieristin.

Am Ende steht die Befreiung aus der Ereignislosigkeit

Sogar die Nora ist in Stella Roberts’ überzeugend schonungsloser Interpretation vor allem eine egomane Zicke, die Untergebene herrisch zurechtweist, Freunden nicht zuhört und sich in erster Linie um das eigene materielle Wohl sorgt. „Es ist doch einfach wundervoll, eine sichere Stellung und ein stattliches Einkommen zu haben!“, schwärmt sie Christine vor, obwohl sie weiß, dass diese kürzlich ihren Mann verloren hat. Mit solch einem empathielosen Klotz möchte man jedenfalls nicht befreundet sein.

Diese Figurenzeichnung macht den Abend bei aller Konzentration, bei aller ästhetischer Sicherheit ein wenig spröde. Man mag diese Bagage nicht, man wünscht diesen Leuten, dass sie ihr Leben an die Wand fahren – was sie dann ja auch erwartungsgemäß machen. Fast.

Jansen hat Ibsens Untertitel „Ein Puppenheim“ wie heute üblich gestrichen, und tatsächlich endet das Stück nicht in der bürgerlichen Erstarrung vom Beginn, sondern in einem Ausbruch: Nora zerstört das Puppenheim, in das sie von Torvald und den gesellschaftlichen Zwängen gesperrt wurde, indem sie ihre Familie verlässt. Ein Schluss, so radikal, dass er bei der Uraufführung 1879 noch nicht gezeigt werden durfte, aber immerhin passiert endlich mal etwas. Nora emanzipiert sich, und weil Jansens Inszenierung Ibsen ernst nimmt, emanzipiert sich gleichsam das Stück. Die Hauptfigur befreit sich aus dem bürgerlichen Puppenheim, und der Abend auf den letzten Metern aus der bürgerlichen Ereignislosigkeit. Endlich frei.

„Nora“ wieder Sa 6.10. bis 10.11., jeweils 19.30, Ernst Deutsch Theater (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten zu 22 Euro bis 42 Euro unter Telefon 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de