Theater Festival

Große Leistung: Erschütterndes Figurentheater als Mahnung

Nikolaus Habjahn mit seiner Friedrich-Zawrel-Puppe

Nikolaus Habjahn mit seiner Friedrich-Zawrel-Puppe

Foto: Barbara Palffy / fotopalffy.at

„F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ – Die wahre Geschichte des NS-Opfers Friedrich Zawrel

Hamburg. Dass dieser Abend des Hamburger Theater Festivals kein leichter werden würde, stand vorher fest. Schließlich hat der Wiener Theatermacher und Puppenspieler Nikolaus Habjan gemeinsam mit dem Regisseur Simon Meuseburger den Figurentheaterabend „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ nach der wahren Geschichte des NS-Opfers Friedrich Zawrel kreiert.

Als Klappmaulpuppe sitzt Zawrel auf der Bühne des St. Pauli Theaters am Tisch im Zwiegespräch mit Habjan, der alle Rollen übernimmt. Als Sohn eines Alkoholikers galt Zawrel in den 1930er-Jahren als „erbbiologisch und sozial minderwertig“, als „nicht erziehungsfähig“. Eine Odyssee durch Heime und Pflegefamilien endet in der Krankenanstalt „Am Spiegelgrund“, einem schaurigen Ort, an dem „unwertes Leben“ mit medizinischen Versuchen und Folter langsam ausgelöscht wurde. Habjan erspart dem Publikum keine Details. Wenn er als Arzt Heinrich Gross die Zawrel-Kinderpuppe quält, ist das bei aller Stilisierung jederzeit wahrhaftig. Das geht gewaltig unter die Haut, weil der Abend eben nicht fiktional ist, sondern erlebte Grausamkeit verhandelt. Und es ist eine ungeheure Leistung von Nikolaus Habjan, die Balance zwischen Realität und theatraler Form zu halten, die ein Minimum an Distanz ermöglicht.

Das geht gewaltig unter die Haut

Schier unerträglich sind die Aussagen des nach Kriegesende mit dem Bundesverdienstkreuz dekorierten Gerichtsgutachters und SPÖ-Mitgliedes Gross, der Zawrel nach Kriegsende noch einmal schadet, bevor dieser ihn öffentlich mit Hilfe eines Journalisten entlarven kann. „Ich war immer gegen Euthanasie“, behauptet die Gross-Puppe. Gefragt nach der Verantwortung für die 800 Kinder-Morde in der Anstalt, zieht er sich auf seine Demenz zurück. Der Abend erzählt eine Menge Erschütterndes über das Davonkommen der Täter und das Leiden und den Kampf um Würde der Opfer.

Das Vermächtnis des Friedrich Zawrel ist es, beglaubigt durch die eigene Biografie, aufzuklären, auf dass sich so etwas nie wiederholt. Dieser eindrucksvolle, im St. Pauli Theater mit stehenden Ovationen gefeierte Abend trägt einen Teil dazu bei.

Hamburger Theater Festival noch bis 28.11.; Programminfos und Karten unter
www.hamburger-theaterfestival.de