Konzertkritik

U2 in Hamburg: gigantische Hymnen und politische Haltung

Bono am Mittwoch auf der Bühne in der Barclaycard Arena

Bono am Mittwoch auf der Bühne in der Barclaycard Arena

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Das erste von zwei ausverkauften Konzerten in der Barclaycard Arena war ein Spektaktel – im besten Sinn des Wortes.

Hamburg. Als U2 im Januar 1985 im CCH auftrat, übrigens das bis jetzt letzte Hamburg-Konzert der Iren, kostete eine Karte im Hochparkett noch 25 D-Mark. Jetzt hingegen wurden für einen Stehplatz in der Barclaycard Arena mehr als 90 Euro, für den teuersten Sitzplatz sogar mehr als 230 Euro aufgerufen. Für die Phalanx der U2-Kritiker eine Steilvorlage. Alles Kommerz, alles getrieben von Geldgier, ätzen sie. Und das, obwohl Sänger Bono doch immer den guten Menschen und beherzten Politaktivisten gebe.

Um es mal klar zu sagen: Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. Und mit der Qualität eines U2-Konzerts schon mal erst recht nichts. Zwei Tage spielt die Band in der – natürlich – ausverkauften Arena und bietet dabei nicht nur viel Musik, sondern zusätzlich ein Multimedia-Spektakel, das meilenweit von einer konventionellen Rockshow entfernt ist. Auch wenn Bono, The Edge und Co. über weite Strecken ziemlich konventionelle, vom Pathos durchwirkte Rockmusik spielen.

Ob das die hohen Eintrittspreise rechtfertigt, muss jeder Fan selbst entscheiden. Eindrücklich und eindringlich ist es allemal, was hier abgeliefert wird. Gespeist von einer gesellschaftspolitischen Haltung, die selten so wichtig war wie heute, in Zeiten rassistischer Übergriffe, von AfD und Brexit, von weltweiten Angriffen auf die Demokratie und einem US-Präsidenten, der die Lüge zur Wahrheit erklärt hat.

Bei U2 ist alles gewaltig – natürlich auch die Bühne

Da tun schon simple, auf Multimedia-Flächen eingespielte Botschaften wie „Dictators die“ (zu Bildern von Assad, Putin etc.) gut. Ist nämlich alles nicht mehr selbstverständlich – unlängst bedurfte es sogar einen Hashtags (#wirsindmehr) um sich zu erinnern: Ja, es ist so, die Alt- und Neonazis, die Spalter und Schreier sind immer noch in der Minderheit. Bei einem U2-Konzert dürften ihnen nicht einmal der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde gelingen, hier finden Pop und Politik zueinander – auf und vor der Bühne.

Apropos Bühne: Die ist, wie alles bei U2, gewaltig. Ein 360-Grad-Gigant in der Mitte der Halle, der aus zwei mit einem Steg verbundenen Teilen besteht und die Fans sehr direkt an diesem Konzerterlebnis teilhaben lässt. Dazu die zahllosen Videoeinspielungen, bisweilen an der Grenze zur visuellen Überforderung, die musikalischen Zitate, die in den U2-Internetforen heiß diskutiert werden, die variable Setlist, die Hardcore-Fans immer dann aufjubeln lässt, wenn wahlweise eine Tour- oder Europa-Premiere erklingt. Hier wurde in vielerlei Hinsicht gewaltig investiert.

Sattgehört? Ach was! Gigantische Hymnen!

Und dann, nicht zu vergessen, diese Songs, an denen man meinte, sich sattgehört zu haben. „I Will Follow“, „Zoo Station“; „Pride (In The Name Of Love)“. Was für gigantische Hymnen! Da ist schnell verziehen, dass das letzte Studioalbum, „Songs of Experience“, eher wenig mitriss. In den USA und Irland reichte es dennoch für Platz eins der Charts, in Deutschland nur für den zweiten Platz. Aber was zählt das überhaupt noch, wenn CD-Verkäufe kontinuierlich rückläufig sind und Musiker längst anderen Erwerbsquellen für sich entdeckt haben?

Insofern konsequent, dass U2 schon lange auf ein Live-Erlebnis setzt, das so spektakulär ist, dass sich auch die erwähnten Ticketpreise von mehr als 230 Euro für viele Fans relativieren. Diese Band live zu sehen, das zeigt der Abend in der Barclaycard Arena, ist eben viel mehr als die Lieblingssongs zu hören, sondern ein Euphoriekick, von dem sich zehren lässt. Schließlich gilt „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“. Und irgendwie ist dieser „Summer of Love“ auch Nahrung für die Seele: So lange Bono noch Finger in die gesellschaftlichen Wunden legt, ist die Lage vielleicht kritisch, aber nicht aussichtslos.

An Themen mangelt es jedenfalls nicht, und vielleicht kommt demnächst eines wieder dazu, von dem man hoffte, es sei endgültig abgehandelt. Sollte es durch den Brexit zu einer harten Grenze zwischen Irland und Nordirland kommen, ist möglicherweise der Bürgerkriegssong „Sunday Bloody Sunday“ vom 1983er Album „War“ wieder aktuell.