Staatsoper

Wagner-Wrestling sorgt für Schnappatmung bei Wagnerianern

„Der Ring des Nibelungen“ von Wagner, hier satirisch gewendet

„Der Ring des Nibelungen“ von Wagner, hier satirisch gewendet

Foto: Jörn Kipping

Nibelungen-Satire in der Opera stabile ist so irre, dass sie schon wieder gut ist. Wer es nicht mag, geht zum Lachen eh in den Keller.

Hamburg.  Erst gibt es Eis am Stiel zum Warmwerden, danach Kopfnüsse satt. Die Zuschauer rund um den Boxring stöhnen oder jubeln anerkennend, wenn Sailor Boy, Green Bastard oder Lumberjack sich auf die Turnmatte ballern, oder wenn Eddie the Iceman es noch mal wissen will, obwohl er eben kaputtging und in die Verliererecke kroch. Body-Slams mit Kindergeburtstags-Aroma also. Ringrichter Nik Neandertal betört mit einem unterbauchlüftenden „4711“-T-Shirt und Pailletten-Bademantel, der aus einem Kleidersack des späten Elvis entlaufen sein könnte.

Der Fafner-Cousin Pinkzilla – aus einem lindwurmgrünen Riesenei schlüpfend, nachdem Roten und seine Gang ihr Ringelreihen zu Bruchstücken aus dem „Rheingold“-Finale aufführten – ist da noch gar nicht mitgerechnet. In einer solchen Show werden aus Leitmotiven auch ganz ohne Theaterblut Leidmotive, weil man auf die kurze Distanz zur Bühne ahnen kann, was beim Sturzflug Richtung Boden mit unschuldigen Bandscheiben passiert. Liebreizendste Heldin in Folge eins der fünfteiligen Opera­novela „Ring & Wrestling“ ist allerdings die resolut brüllende Vermöblungs-Fachkraft Haidi Hitler, stilsicher mit BdM-Bluse und historisch informiertem Damenbart unter der Nase.

Schnappatmung bei Wagnerianern

Spätestens da wird klar: Wagneri­aner, die beim Staatsopern-Besuch auf nibelungentreue Werkwiedergabe bestehen, sollten die Opera stabile weiträumig umfahren; orthodoxe Bayreuth-Stammkundschaft müsste mit Schnappatmung rechnen. Alle anderen aber können sich einen schönen Abend machen. Die Idee, die Subkultur-Institution „Rock & Wrestling“ mit ihren gesellschaftspolitischen Hintergedanken für fünf Abende aus dem Hafenklang ins Opern-Sortiment zu adoptieren, ist so irre, dass sie schon wieder gut ist.

Wer das ernsthaft ernst nimmt, der geht auch zum Lachen in den Keller. Viele der vielen hübschen Stellen aus dem „Ring“ wurden püriert und von Leo Schmidthals, der auch Bassist der Band Selig ist, in ein Mini-Orchester hineinverwurstet. Mehr als einige spielfreudige Götterdarsteller braucht es danach nicht mehr, um die Zeit bis zum ersten Schulterwurf zu füllen. Die Unsterblichen haben nämlich nach dem Weltenbrand ihre Daseinsberechtigung verloren. Neue Helden braucht das Land. Also: Helden-Casting. Einer nach dem anderen aus dem Kiez-Wrestler-Bestand wird in den Ring gerufen, um sich als Walhall’s Next Superheld zu qualifizieren. Und im Staffelfinale, so heißt es, soll ein gewisses Konzerthaus in Elbnähe ins Geschehen blutgrätschen und die Sache als Endgegner klarmachen. (jomi)

„Ring & Wrestling“ Weitere Termine: 7./15./22./29.9, 6.10, je 20.30 Uhr, Opera stabile