Kunst in Hamburg

Die Galerie, die Springers Schwimmbad war

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Annette Stiekele
Die Arbeiten der Künstlerin Birgit Dunkel sind von Sonnabend an im ehemaligen Schwimmbad zu sehen

Die Arbeiten der Künstlerin Birgit Dunkel sind von Sonnabend an im ehemaligen Schwimmbad zu sehen

Foto: Andreas Laible / HA

Das Poolhaus Blankenese ist ein einzigartiger Ausstellungsraum für Gegenwartskunst. Legendärer Verleger schwamm einst in dem Pool.

Hamburg.  Der Zugang liegt versteckt. Viel Grün gibt es hinter Blankenese im schönen Falkenstein. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Sven-Simon-Park, öffnet sich ein Tor zu einer anderen Welt. Ein flacher, von Moos und allerlei Gras bewachsener Bau weckt mit seinen großzügigen Glasfronten die Neugier des Besuchers. Man könnte ihn für ein Schwimmbad halten, was er tatsächlich einmal war. Aber heute entdeckt, wer hineinblickt, experimentelle Installationen, Gemälde, Fotografien. Seit einiger Zeit befindet sich hier ein einzigartiger Ort für zeitgenössische Kunst: das Poolhaus Blankenese.

Oberhalb ruht ein herrschaftliches Haus, heute von mehreren Familien bewohnt, früher war es die Residenz eines berühmten Hamburgers, des Verlegers Axel Cäsar Springer. Man kann sich über das Gelände streifend gut vorstellen, welch anregender Ort für geheime Treffen und bedeutende Begegnungen das einmal gewesen sein muss. „Die Geschichte guckt hier aus allen Poren“, sagt Bernd Kahnert, der hier mit seiner Frau die Ausstellungsräume betreibt – im ehemaligen Verleger-Pool.

1955 erwarb der Verleger das Haus

Die Kunstfreunde haben von vornherein im Blick gehabt, eines Tages vielleicht das Poolhaus mit dem benachbarten Puppenmuseum und dem Sven-Simon-Park zu vereinigen. Sonst hätte man das Ensemble, zu dem noch ein etwas kitschiges, kleines, weißes, achteckiges ehemaliges Teehaus in Nordrichtung zählt, auch gleich abreißen können. Das taten sie aber nicht. Lange Lebensjahre in der Schweiz haben bei dem bescheidenen Paar zu der Erkenntnis geführt, dass man sich dort besser um den künstlerischen Nachwuchs kümmert als in Hamburg. „Man muss mehr für die Förderung junger bildender Künstler tun. Wir versuchen zu helfen, wenn sich Gelegenheiten bieten“, erzählt Stiftungsgründer Bernd Kahnert.

Der Verleger

Axel Cäsar Springer schwamm einst in dem Pool. 1955 erwarb der legendäre Verleger das Haus, das er zuvor bereits zur Miete bewohnte und das der Kaufmann Franz Westermann angelegt hatte. Das Grundstück vertraute Springer dem bekannten Garten- und Landschaftsarchitekten Gustav Lüttge an. Das Freibad wurde mit einer stabilen Dachkonstruktion aus Holz versehen, die von den jetzigen Betreibern lediglich gereinigt werden musste. Bis Mitte der 1970er-Jahre bewohnte Springer das Haus, doch sein Leben verlagerte sich zunehmend in Richtung des neuen Verlagssitzes Berlin. Nachdem sein Sohn Sven Simon 1980 Suizid verübt hatte, schenkte Springer große Teile des Parks der Stadt Hamburg. Schließlich zog er weg.

Alpenländische Verschalung

Die heutigen Besitzer übertrugen 2014 der Blankeneser Architektin Birga Frank die Renovierung des Schwimmbads. Unter anderem brachte sie die alpenländische Verschalung an, die dem Poolhaus einen unbehandelten Charakter verleiht. Drinnen wird das frühere Schwimmbecken zum variablen Ort für gewagte Videoprojektionen. Seit 2014 verleiht die Poolhaus-Blankenese-Stiftung einmal im Jahr den „Swing by Poolhaus-Preis für junge Kunst“. Er ist mit 5000 Euro dotiert. Zusätzlich gibt es 2000 Euro für den Ausstellungsaufbau. Künstler haben ja Kosten, sagt Kahnert.

Sechs Künstler stellen hier jedes Jahr in drei Doppelausstellungen aus und gestalten ihren eigenen Katalog. Bewerben kann man sich nicht. Die Künstler des Vorjahres haben ein Vorschlagsrecht, die Künstler des Vorvorjahres wiederum werden Teil der Jury, deren zweite Hälfte aus Kunstbetrachtern besteht, überwiegend Nachbarn und Freunden des Stifterpaares, die sich mit Gegenwartskunst auseinandersetzen müssen. Die Künstler haben also ein einzigartiges Mitspracherecht. Sie stellen aus, wählen aus und bilden dann einen Teil der Jury. Insgesamt sind sie drei Jahre lang in die Prozesse eingebunden. Außerdem haben Kahnerts für ihre Sorgen ein offenes Ohr. Zum Ausstellungsraum gehören eine Schlafgelegenheit mit Küche, wenn es beim künstlerischen Prozess einmal spät wird. In den vergangenen Jahren kamen unter anderen Peter Sempel, Philip Loersch und Hanne Darboven nach Blankenese.

Seltene Freiräume

Die furchtlosen Stifter versuchen, mit dem Angebot des Poolhauses das Vertrauen der Künstler zu gewinnen, indem sie diese wertschätzen und ihnen seltene Freiräume gewähren. Auch mal für ein spätes Vernissagen-Konzert mit der eigenen Band. Zusätzlich gibt es zwei Einzelausstellungen im Jahr. Derzeit baut die Hamburger Künstlerin Birgit Dunkel ihre Schau „blanche – obscure“ für die Vernissage am 28. Juli auf. Den 250 Qua­dratmeter großen Ausstellungsraum zu bespielen erfordert genaue Überlegungen. Auch Birgit Dunkel fühlt sich ideal betreut von dem Stifterpaar und genießt die Unterstützung. Der ehemalige Pool bietet mit flexiblen Wänden tolle Möglichkeiten für Installationen, sie wird ihn auch für Videoprojektionen und Performances verwenden.

Dunkel, Absolventin der Kunsthochschule Kassel, nutzt sich selbst in ihren Fotoarbeiten als Modell, um Hell-dunkel-Kontraste zu erkunden. Mehrere Fotoserien zeigen die Künstlerin in Kontexten von Mode und Zeitgeschichte. Es geht einerseits um die helle Seite, um Unschuld, aber eben auch die dunkle Seite, zu sehen etwa in der Fotoserie „Madonnen“. Im Rahmen ihres Projekts „Cruising Tours“ anlässlich des Architektursommers hatte sie bereits das Poolhaus entdeckt. Hier in Elbnähe ist ein ganz ungewöhnlicher Ort entstanden, der bildenden Künstlern „Raum für Kreativität, Sichtbarkeit und Vernetzung“ bietet. Und alle Neugierigen dazu einlädt, ihre Hemmungen gegenüber zeitgenössischer Kunst abzustreifen.

„Birgit Dunkel: blanche – obscure“ 28.7. bis 21.10., Poolhaus Blankenese (Bus 286), Grotiusweg 55. Eröffnung 28.7., 19 Uhr, danach während der Laufzeit Besichtigung nach Vereinbarung unter blanche-im-poolhaus@web.de