Zur Fußball-WM

Wladimir Kaminer: „Die Russen vertrauen nur ihren Müttern“

Der Schriftsteller
Wladimir Kaminer lebt seit
1990 in Berlin. Im Dezember
liest er wieder in Hamburg

Foto: Carsten Koall

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer lebt seit 1990 in Berlin. Im Dezember liest er wieder in Hamburg Foto: Carsten Koall

Schriftsteller Wladimir Kaminer über das WM-Gastgeberland und warum das Turnier dort eine Chance für die Demokratie ist.

Berlin.  Wladimir Kaminer kommt zu Fuß. Das Café, in dem wir uns treffen, liegt in seiner Nachbarschaft in Prenzlauer Berg. Es ist sein Stammlokal. Kaminer ist 50 Jahre alt und, wie man sagt, Deutschlands beliebtester Russe, hat wache Augen, wie jemand, den grundsätzlich alles interessiert. Aus dem Schriftsteller, der 1990 mit Anfang 20 aus Moskau nach Berlin übersiedelte und mit unzähligen Romanen (unter anderem „Russendisko“) erfolgreich ist, wurde über die Jahre ein Mensch mit zwei Heimaten. Den Russen muss er Deutschland erklären, den Deutschen Russland, besonders jetzt, da am Donnerstag die Fußball-WM beginnt. In einem seiner letzten Bücher („Goodbye Moskau“, 2017) beschreibt er die Seele seiner Landsleute. Es beginnt ein Gespräch über ein Land voller Misstrauen, Sport als Spielfeld der Politik und die Ängste des Wladimir Putin.

Kann man sagen, dass Sie ohne den Fußball heute gar nicht in Deutschland leben würden?

Wladimir Kaminer: Man könnte das so sagen, ja. Mein Kumpel und ich kamen 1990 an genau dem Tag in Berlin an, an dem Deutschland in Italien Weltmeister gegen Argentinien wurde. Die Stadt hat uns sehr stark mit der Freundlichkeit und Begeisterung der Menschen beeindruckt. Wir wussten nichts von dem gewonnenen WM-Finale. Wir dachten, die freuen sich alle so über die Wiedervereinigung. Mein Kumpel sagte: Schau, die Deutschen sind so unglaublich gut drauf, wir bleiben hier! Eigentlich wollten wir nämlich weiter nach Dänemark.

Wladimir Kaminer

Nun steht wieder eine WM an – diesmal in Ihrem Heimatland Russland ...

Kaminer:... und die ist unglaublich wichtig.

Wieso?

Kaminer: Wenn es die Politiker auf beiden Seiten nicht hinbekommen, dass man mit­einander redet, dann müssen die Menschen selbst ins Gespräch kommen, damit man sich versteht. Die Politik versagt auf ganzer Linie. In Russland in erster Linie durch das autokratische Regime von Wladimir Putin, das im Westen kein Verständnis findet. Und in Deutschland, weil es nicht darum geht, nach vorn zu schauen und Lösungen zu finden, sondern weil man sich hier nur die Frage stellt: Vor wem sollen wir mehr Angst haben: Putin oder Trump? Deshalb ist die WM sehr wichtig, weil da echte Menschen aufeinandertreffen und merken: Wir sind uns ziemlich ähnlich. Nehmen Sie einen Deutschen, geben Sie ihm zwei Bier und einen Klaren. Dann kitzeln Sie ihn ein bisschen, damit er nicht mehr so grimmig guckt. Und schon haben Sie einen Russen.(lacht)

Zwischen Patriotismus, Propaganda und Politik

Wo steht Russland im Moment? Wie geht es den Menschen dort?

Kaminer: Russland ist jetzt schon total abgeschottet. Es gab neulich eine Studie, wonach nur acht Prozent der Russen einen Reisepass besitzen. Nur vier Prozent waren bisher schon einmal im europäischen Ausland. Das heißt: Europa und Russland kennen sich gar nicht. Im TV wird den Russen jeden Tag erzählt, die ganze Welt sei gegen sie. Die ganze Welt drehe sich falsch, nur die Russen drehen sich richtig. Dabei gibt es in Russland überhaupt kein Wissen darüber, wie die Welt sich dreht. Russland ist wie ein einsamer Satellit. Und deshalb setze ich große Hoffnungen auf diese WM: Da kommen viele Menschen nach Russland – man lernt sich kennen. Auf der sportlichen Seite wird das russische Team verlieren, weil es keinen Fußball spielen kann. Die Russen werden also sehen, dass sie doch nicht in allem die Größten sind, wie man ihnen vorgaukelt.

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Das wäre ein positives Szenario. Ein negatives könnte sein ...

Kaminer:... dass die Russen gewinnen? (lacht) Das passiert nur, wenn plötzlich auf Eis gespielt wird. Auf Eis sind die Russen nämlich super.

Nein, dass Putin die WM dazu nutzt, seine Macht noch mehr zu inszenieren. Dass es eine große Putin-Show wird wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014.

Kaminer: Ich glaube, dass diese WM sogar der Demokratisierung des Landes helfen wird. Putin will zurück an den großen Tisch mit den anderen, respektierten Mächtigen der Welt. Er will mit Merkel Bier trinken und mit Trump Cola. Diese WM ist in seinen Augen eine Rückfahrkarte an diesen Tisch, nachdem er zuletzt weltpolitisch immer stärker isoliert wurde. Für die liberale Opposition in Russland werden die viereinhalb Wochen der WM eine Erholungspause. Weil es für Putin ja schlecht möglich ist, während der WM die Opposition zu verfolgen wie sonst. Die ganze Welt schaut schließlich zu. Deshalb kann sich die Opposition im Sommer neu formieren. Aber auch für den Westen ist die WM eine Chance.

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Das müssen Sie erklären.

Kaminer: Der Westen hat die Chance zu zeigen, dass man Russland eigentlich mag. Dass die Kritik, die geäußert wird, nicht an das russische Volk gerichtet ist, sondern an die verfehlte Politik Putins. Diese WM ist dafür gut, dass man die Begriffe trennt: Wenn Trump in einem Tweet von Russen schreibt, meint er sicher nicht meine Schwiegermutter, die auf dem Dorf im Nordkaukasus lebt. Er meint irgendwelche russischen Söldner, die in Syrien Assads Regime stützen. Um von dieser Verallgemeinerung wegzukommen, dafür ist diese WM gut.

Warum sind die Russen so fasziniert von Putin?

Kaminer: Ich bin nicht einverstanden mit der These, dass die Russen von Putin fasziniert sind. So blöd sind sie nicht. Das Dorf meiner Schwiegermutter zum Beispiel hat die Kommunisten gewählt, weil sie verarmen. Ihre Renten reichen nicht mehr, um ihre Stromrechnungen bezahlen zu können. Es kann sein, dass viele Russen in der Krim-Frage anders denken als die restliche Welt. Aber dass in ihrem Land unter Putin alles den Bach runtergeht, das sehen sie deutlich. Die Bürger haben einfach gar keine Möglichkeiten, die politische Lage zu beeinflussen. Putin kann man nicht abwählen. Man kann keine andere politische Gesinnung öffentlich machen. Dann begibt man sich in Gefahr. Jeder, der nur einen Mucks von sich gibt und gefährlich sein könnte für das Regime, wird sofort weggeholt. Putin hängt mit aller Kraft an seiner Macht. Aber das macht ihn auch so anfällig.

Trotzdem hat man das Gefühl, dass viele Russen Putin verehren – als starken Mann gegen den Westen.

Kaminer: Putin ist ein Mann, der von früh bis spät im russischen Fernsehen auf allen Kanälen Gutes tut. Und diese Propaganda wirkt natürlich auch. Aber ich kenne sehr viele Russen, und Vollidioten sind das nicht. Sie sehen natürlich, was da für eine beschränkte, mickrige Bande im Kreml sitzt. Nur können sie nichts dagegen unternehmen. Und das ist erniedrigend für die Menschen. Die Wahrheit anzuerkennen, dass sie im Jahre 2018 immer noch von einem unqualifizierten ehemaligen KGB-Oberst geführt werden, tut weh. Deswegen tun manche Russen halt so: Ach, es ist doch irgendwie schön mit Putin. Das ist einfacher, die Misere des Landes zu ertragen. Wenn Sie schauen: Alle Autokraten dieser Welt hatten eine riesige Unterstützung in ihren Ländern – bis zum Tag, an dem sie gestürzt wurden. Muammar al-Gaddafi hatte am Tag seines Todes noch 99 Prozent Unterstützung aus dem libyschen Volk. Und dann haben ihn dieselben Leute umgebracht. Angeblich hat Putin das so erschreckt, dass er sich sagte: Wir dürfen keine Schwäche gegen die liberale Opposition zeigen. Denn wer will schon so sterben?

Erlauben Sie sich während der WM eigentlich eine Form von Patriotismus? Fiebern Sie mit der russischen Mannschaft mit?

Kaminer: Die Fifa ist ja nicht blöd. Sie haben die Ziehung schon so gemacht, dass der Gastgeber nicht gleich wieder rausfliegt. Saudi-Arabien, Ägypten, Uruguay. Da geht schon was für die Russen. (lacht) Ob ich mitfiebere, ist eine gute Frage. Sagen wir es so: Ich möchte schon, dass Russland in Würde verliert. Sie sollen kämpfen, und dann dürfen sie gern gegen einen stärkeren Gegner verlieren.

Hinfahren werden Sie aber nicht?

Kaminer: Ich muss die Reise ausfallen lassen. Erstaunlicherweise übersetzen russische Medien öfter mal, was ich über Russland schreibe. Und da ich mich bisweilen kritisch äußere, würde mir das vielleicht nicht gut bekommen.

Es ist nachgewiesen, dass Russland über ein staatliches Dopingsystem verfügt hat zu den Olympischen Winterspielen 2014. Wie sehen das die Russen selbst? Ist das dasselbe Spiel wie außenpolitisch: Die ganze Welt ist wieder einmal gegen uns?

Kaminer: In Russland findet man keinen Lebensbereich, der nicht voller Misstrauen ist. Wenn ich in Russland bin und meine Freunde zum Essen einladen will, sagen sie immer: Nein, die Wurst da kannst du nicht kaufen, das ist gar keine echte Wurst, sondern aus Knochen gemacht. Oder nein, das ist kein echter Wein, sondern irgendwas anderes Ekeliges. Besonders in der Provinz ist das so. Die Russen trauen eigentlich nur den eigenen Müttern – und manchmal sogar denen nicht. Aber die Russen verstecken ihre Gefühle, sie verheimlichen alles. Vertrauen ist die Grundlage einer jeden Gesellschaft. Ohne Vertrauen kann ich keine Geschäfte machen, keine Ehe schließen. Aber Vertrauen gibt es in Russland kaum.

Russisches Kulturlexikon zweiter Teil

Die Leute vertrauen also auch ihren eigenen Sportlern nicht?

Kaminer: Genau. Und die Sportler vertrauen sich selbst auch nicht, sonst würden sie ja nicht dopen. Das ist keine Kritik von mir. Das ist ein Ausdruck des Mitleids.

Wichtigste Frage zum Schluss: Wer wird Weltmeister?

Kaminer: Deutschland.

Würde Ihnen das gefallen? Die USA sind ja nicht dabei, diese Pointe wird es also nicht geben.

Kaminer: Nein, das wäre mir auch nicht recht. (lacht) Die Amerikaner sind auf dem absteigenden Ast. Aber Deutschland ist gerade auf dem Weg, ein Vorbild für ein neues Europa zu schaffen. Deshalb wünsche ich von ganzem Herzen der deutschen Elf den Sieg.

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