Ernst-Deutsch-Theater

Mit 82 Jahren: Wie Charles Brauer auf der Bühne glänzt

Anna Stieblich als Georgie (r.) und Charles Brauer als Alex

Anna Stieblich als Georgie (r.) und Charles Brauer als Alex

Foto: HAUKE HASS / imago/Hauke Hass

Der ehemalige "Tatort"-Kommissar findet in "Heisenberg" seine ideale Rolle. Damit bügelt er sogar einige Längen der Handlung aus.

Hamburg.  „Leben spielen!“ lautet das Motto der laufenden Spielzeit im Ernst Deutsch Theater. Eigentlich ganz einfach – und manchmal doch kompliziert. Insbesondere dann, wenn es um die Liebe geht.

An der Mundsburg beginnt „Heisenberg“ – Titel des Stücks von Simon Stephens – in einer Londoner Bahnhofshalle. Ein älterer Herr sitzt auf einer Bank, als ihn eine Frau von hinten auf den Hals küsst – offensichtlich eine Verwechslung. Es ist der Auftakt einer ungewöhnlichen, zu großen Teilen raffinierten Liebesgeschichte zweier Protaganonisten, zwischen denen 33 Jahre Altersunterschied liegen.

Alex Priest als ideale Rolle für Brauer

Die Figur des 75-jährigen Alex Priest entpuppt sich für Charles Brauer bei seiner Rückkehr ans Ernst Deutsch Theater als überaus dankbare, nahezu ideale Rolle. Für seine schauspielerische Leistung wurde der Charakterdarsteller, als Hamburger „Tatort“-Kommissar Brockmöller an der Seite Manfred Krugs populär geworden, vom Premierenpu­blikum noch etwas mehr gefeiert als seine Bühnenpartnerin Anna Stieblich als Georgie, sowie sein alter Freund Gerd Heinz (Regie) und seine Ehefrau Lilot Hegi (Ausstattung).

Allen Beteiligten kommt zupass, dass der britische Erfolgsdramatiker Stephens, dessen Stücke „Carmen Disruption“ und „Rage“ bereits im Deutschen Schauspielhauns und Thalia Theater uraufgeführt wurden, keine klischeebehaftete „Alter Mann trifft jüngere Frau“-Story geschrieben hat. Er spinnt die Idee einer unmöglichen, aus einer Zufallsbegegnung erwachsenen Liebe weiter, ohne das gesellschaftliche Umfeld auszublenden. Bereits im vorigen Herbst war „Heisenberg“ beim Hamburger Theater Festival als Gastspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses vom Kampnagel-Publikum begeistert aufgenommen worden; damals spielten die Film- und TV-Stars Burghart Klaußner ­und Caroline Peters. An der Mundsburg nehmen Brauer und Anna Stieblich die Zuschauer mit ins London von heute und nach Amerika, einem romantischen Roadmovie gleich

Georgie als schamloser Gegenpart

Der 82-jährige Brauer gibt seinen Alex als zunächst verdrucksten, verschrobenen und verhärteten Einsiedler. Sein Leben verläuft stets in denselben Bahnen, er sitzt im Bahnhof, geht pro Tag eineinhalb Stunden spazieren oder steht pro forma in seiner Metzgerei, in die sich in Zeiten von „Fusion Food“ kaum noch ein Kunde verirrt. Außer der äußerst redseligen, ja schamlosen Georgie, die erst sagt, sie sei „Killerin“, dann „Kellnerin“ – und Alex („Ich mag Kellnerinnen“) zumindest mit der zweiten Behauptung etwas auftaut. Vor derber Sprache („Sie verlogener Sack“) bewahrt das die unverfrorene Georgie nicht; in Wahrheit fristet sie ein tristes Dasein als Sekretärin an einer Schule.

Aber ist ihr Mann, wie sie behauptet, wirklich tragisch gestorben? Hat sie tatsächlich einen 19-jährigen Sohn in New Jersey/USA, den sie wiedersehen möchte? Erst später enthüllt sie, dass sie Alex aus bloßer Geldnot ausgewählt hat und 15.000 Pfund braucht, um den Sohn in Amerika zu suchen. Da haben beide bereits eine Nacht zusammen verbracht, liegen matt auf dem Bett, und Georgie verrät, dass sie Unbeholfenheit mag: „Es hat dann viel weniger was von einem Reit- und Springturnier.“

Brauers Spiel hilft über Längen hinweg

Es sind solche frechen komödiantischen Dialogpassagen, die über gewisse Längen im ersten Teil der Inszenierung hinweghelfen – und Brauers lustvolles Spiel. Wie er anfangs die allgemeine „Besessenheit von Gefühlen“ beklagt, als Tango- und Musikliebhaber dann selbst seine Gefühle für Georgie entdeckt, ist eine der feinen Volten des Stücks. Anna Stieblich hat es im Vergleich mit dem Hauptdarsteller und dessen wandlungsfähigem Alex nicht leicht, da mitzuhalten. Das gelingt ihr im ersten Teil besser als später als suchender Mutter mit einer ins Infantile abdriftenden Tonlage.

An allen sechs Schauplätzen des Stücks liegt übrigens ein großer Stein, ein Findling, im Mittelpunkt der Bühne. Er hat etwas Rätselhaftes, aber auch Poetisches. Wie das gesamt Stück, das in Zeiten der abnehmenden Gesprächs- und Streitkultur eine Chance für die Liebe aufzeigt.

Doch Simon Stephens’ Titel „Heisenberg“ erschließt sich allein auf der Bühne nicht. Er hat nichts mit dem berühmten deutschen Physiker Werner Heisenberg zu tun, mit dem Titel spielt der Autor auf Heisenbergs Unschärferelation an, wonach der beobachtete Gegenstand sich durch die Betrachtung unweigerlich verändert. In diesem Fall eben auch der Mensch.

„Heisenberg“ bis 26.5., EDT (U Mundsburg), Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten zu 22,- bis 42,- unter
T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de