Hamburg

Brandt, Wehner, Schmidt und Genscher an der Mundsburg

Die Intendantin des Ernst Deutsch Theaters Isabella Vertes-Schütter steht  in Hamburg vor dem Theater

Foto: Sina Schuldt / dpa

Die Intendantin des Ernst Deutsch Theaters Isabella Vertes-Schütter steht in Hamburg vor dem Theater

Das Ernst Deutsch Theater plant für die Spielzeit 2018/19 Inszenierungen, die eine Haltung fordern, darunter Michael Frayns "Demokratie".

Hamburg.  Das Theater sei der Ort, "an dem sich unser Leben spielerisch verdichtet", findet Isabella Vértes-Schütter. Was für die Intendantin des Ernst Deutsch Theaters eine eindeutige gesellschaftliche Verpflichtung bedeutet: Sie möchte mit ihrem Spielplan nicht nur ein Publikum unterhalten und einen Theatersaal füllen, sie möchte auch eine Haltung vermitteln. Eine Herausforderung, die ihr "in einer Zeit, in der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch ist", besonders am Herzen liege. "Wir treten dafür ein, dass Menschen ohne Angst verschieden sein können."

Und während das Wort "Gutmensch" in der Regel abfällig oder beleidigend verwendet wird, eröffnet Vértes-Schütter die kommende Saison ganz bewusst mit einer parabelhaften Erzählung von Bertolt Brecht: "Der gute Mensch von Sezuan" feiert am 23. August, 75 Jahre nach der Uraufführung, in der Regie von Wolf-Dietrich Sprenger Premiere.

Großes gesellschaftliches Thema anhand von Familie

In der zweiten Produktion der am Freitag vorgestellten EDT-Spielzeit 2018/2019 wird anhand einer der kleinsten gesellschaftlichen Einheiten – der Familie – eines der größten gesellschaftlichen Themen aufgemacht: die Emanzipation. Henrik Ibsen schrieb "Nora" als ein universelles Drama über eine Frau auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Die Titelrolle wird die junge Schauspielerin Stella Roberts übernehmen, die einst in der Jugendsparte des Ernst Deutsch Theaters ihre Liebe zum Theater entdeckt hatte. Regie und Ausstattung verantworten (wie zuletzt auch bei "Scherben" und "Anne") Yves Jansen und Peter Schmidt.

Der Designer Peter Schmidt, dem Theater und seiner Intendantin seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden, hat nun auch sein Logo der Bühne überarbeitet und verraten, dass zwischenzeitlich nicht nur die Signalfarbe Rot, sondern sogar der Theatername zur Disposition gestanden hätten. Beides soll jedoch bleiben, nur das EDT-Logo erneuert sich zu einer Art Theater-Emoticon – großes Lächeln, kleines Weinen.

"Adel verpflichtet" zum Jahresende

Über die Jahresend-Feiertage soll die schwarze Komödie "Adel verpflichtet" nach dem gleichnamigen Film von 1949 vor allem dem Lächeln Rechnung tragen. Die Hauptrolle, die damals Sir Alec Guinness spielte, ist noch nicht besetzt, mit mehreren namhaften Schauspielern sei man jedoch im Gespräch.

Im neuen Jahr folgt mit "Der Fall Furtwängler" (Regie: Harald Weiler) eine weitere Produktion, die schon in ihrem Originaltitel die Herausforderung einer politischen Positionierung trägt: "Taking Sides" heißt das Stück von Ronald Harwood, das aus einem Entnazifizierungsprozess im Nachkriegsdeutschland erzählt, und es komme zu einem Zeitpunkt auf die Bühne, "zu dem es wieder notwendig" sei, sagt Vértes-Schütter.

"Sophie" als deutsche Erstaufführung

Mit "Sophie" der Holländerin Roos Uowehand bringt das Theater im Anschluss eine deutsche Erstaufführung, mit Michael Frayns "Demokratie" ein Königsdrama, das die Komplexität und die Mechanismen von Politik aufzeigt. Zehn Männer stehen darin auf der Bühne, unter anderem Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher. Regie führt Hartmut Uhlemann – wie auch im diesjährigen Weihnachtsmärchen "Rapunzel", in dem Jasmin "Blümchen" Wagner auftreten wird. Nicht als Rapunzel übrigens, sondern als böse Hexe.

Es wird also immer wieder (gesellschafts-)politisch an der Mundsburg. Heraushalten gilt nicht, sich auseinandersetzen schon. Ein Theaterbesuch ist jedoch auch abseits der großen Schauspielproduktionen möglich, wenn das Bundesjugendballett im Juni 2019 auf Shakespeare trifft zum Beispiel oder in der Improvisationsreihe "Das Elbe vom Ei", beim "Kampf der Künste" mit Michel Abdollahi oder im Matinee-Reigen "Theater! Theater!", wenn bekannte Schauspieler und Schauspielerinnen Kulturgeschichten erzählen.

Wirtschaftlich verlaufe die aktuelle Spielzeit "erfreulich", vermeldet das Haus, bislang liege die Auslastung mit 78 Prozent über der des Vorjahres. Besonders gut liefen die Produktionen "1984" und "Maria Stuart", beide Inszenierungen sollen in der kommenden Saison wiederaufgenommen werden.

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