Literatur

Virginie Despentes: Ein Roman wie Punkrock

Virginie Despentes
(48), Autorin und
Rockmusik-Fan

Virginie Despentes (48), Autorin und Rockmusik-Fan

Foto: picture alliance

Knüppelhart: Das Gesellschaftspanorama „Das Leben des Vernon Subutex 2“ der Autorin Virginie Despentes.

Hamburg.  „Das Leben des Vernon Subutex 1“ endete mit einem Gewaltakt. Die Straßen in Paris sind die härtesten, da kann man schon mal in die Faust oder den Fuß eines Rechtsextremen laufen, so wie Xavier, der heruntergekommene Drehbuchschreiber, der nach der Fascho-Abreibe im Koma landet. Der jetzt auf Deutsch erschienene zweite Teil der in Frankreich gefeierten Romantrilogie um den strauchelnden ehemaligen Plattenverkäufer Vernon endet wiederum mit einer Beerdigung. Erneut hat der rechte Mob zugeschlagen. Das Frankreich der Gegenwart ist ein kalter Ort mit xenophoben Wüstlingen.

Man hat Virginie Despentes, der Punkrockerin der französischen Literaturszene, deren Debüt „Baise-moi“ auch im Kino ein Hit war, attestiert, sie habe mit „Das Leben des Vernon Subu­tex“ einen balzacschen Zyklus für die Neuzeit geschaffen. Und da ist etwas dran, auch wenn Despentes’ Gesellschaftspanorama kleiner ausfallen muss als der Klassiker. In „Vernon Subutex“ bespiegelt die 48-Jährige vor allem Kulturbetrieb und Showbranche, sie blickt dabei eher in die Subkultur und auf die Schattenplätze des nur an der Oberfläche glanzvollen Metiers. Es wimmelt in dieser Trilogie von Losern, Abgehängten und Derangierten.

Vielfacher Perspektivwechsel

Dem vielfachen Perspektivwechsel verdankt der zweite Band den Personen-Index vor Romanbeginn. Mag die Lektüre von Band eins auch erst ein halbes Jahr her sein, das Lese-Hirn hat den Figuren-Kosmos nicht mehr so parat. Die Arznei bei zunehmender gesellschaftlicher Verdüsterung mit Le-Penisten auf dem Sprung ist bei Despentes nichts anderes als Freundschaft. Der Musikexperte Vernon, den wir im ersten Band als wohnsitzlosen Vagabunden kennenlernten, schläft nun nicht mehr auf den Sofas seiner Bekannten, sondern unter freiem Himmel.

Er ist obdachlos, und alle, alle suchen ihn, die Freunde, Wegbegleiter, Verflossenen; der Ex-Pornostar Pamela Kant, der Musiker Patrice, der wiedergenesende Xavier, die Rockkritikerin Lydia zum Beispiel. In einem literarisch hocheffizienten Verfahren entpackt die schnörkellos und sprachlich komprimiert schreibende Despentes die riesengroße Zipdatei des modernen Stadt-Molochs und zerteilt sie in die verschiedenen Perspektiven ihrer Figuren und damit auch die je eigenen Miseren, Tristessen und Lebenskonzepte. Die Titelfigur Vernon Subutex ist in diesem zweiten Band wie im ersten eine Person unter vielen, sie steht aber auf ganz andere Weise im Zentrum, nämlich als diesmal vollends passiver Mensch, der im Rückzug begriffen ist und bei dem Rennen und Tun und Machen der Leistungsgesellschaft nicht mehr dabei sein will.

Als derart Erleuchteter wird er zur Projektionsfläche seiner Freunde, die, als sie ihn dann finden, zu ihm in den Park pilgern. Er ist ihr Schamane, Guru und Prophet, er muss nur sphinxhaft und bedröhnt lächeln, und es geht ihnen gut. Manchen, die nicht zum inneren Kreis zählen, ist seine Wirkung ein Rätsel: „Was macht dieser Subutex nur, dass sie ihm alle verfallen?“ Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Despentes selbst an der Attraktionskraft des Helden zweifelt, aber seine Rolle ist klar: Er ist das Zentrum einer Aussteigerbewegung, freilich ohne zu predigen. Beziehungsweise ist seine Sprache die Musik. Mit Playlists bringt er die Menschen zusammen, wenn er Nick Cave auflegt, ist das für alle eine tröstende Erfahrung.

Kurzweilige Underground-Figurenaufstellung

Die Krimihandlung, mit der Despentes ihre ohnehin kurzweilige Underground-Figurenaufstellung andickt, ist eigentlich nicht notwendig, stört aber nicht weiter. Es geht um das ominöse Tape, jenes Gespräch zwischen Vernon und Alexandre Bleach, dem verblichenen Rockstar. Sie reden über den angeblichen Mord an Bleachs Ex, die mit der halben Paris-Hautevolee gevögelt haben soll. Diese Verderbtheit der Oberschicht gehört ins Sittenbild des 21. Jahrhunderts, und so ist der Rachefeldzug, der hier gegen einen Film-Produzenten angetreten wird, auch wieder logisch. Die Action balanciert letztlich die Schlaffheit der Aussteigerclique aus. Der Abschlussband erscheint im September, wir warten darauf.