Hamburg

Ein Klassiker – mit neuem Text und neuer Musik

Clemens Sienknecht, eine Hälfte des Regie-Teams, bei der Bühnenarbeit

Clemens Sienknecht, eine Hälfte des Regie-Teams, bei der Bühnenarbeit

Foto: Matthias Horn

„Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“: Im Malersaal hatte die Roman-Verkalauerung von „Anna Karenina“ Premiere. Live on air.

Hamburg.  Es ist einer der berühmtesten Romananfänge, die jemals ­geschrieben wurden. „Alle Familien ­ähneln einander. Jede unglückliche aber ist glücklich.“ Moment, fast. „Alle glücklichen aber sind unglücklich.“ Äh. Noch nicht ganz. „Alle Familien sind unglücklich.“ Oder so …? Na, Weltliteratur jedenfalls, ihr wisst schon. Jahrtausendwerk! Tolstoi! Anna Karenina!

Allerdings, und das ist in diesem Fall schon ziemlich entscheidend und darum erneut titelgebend, mit anderem Text und auch anderer Melodie. Nach ihrem sensationellen Erfolg mit „Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“, einer Schauspielhaus-Produktion, die 2016 hochverdient zum Theatertreffen eingeladen wurde, haben Barbara Bürk und Clemens Sienknecht den nächsten Teil ihrer Reihe „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“ auf die Bühne des Malersaals gebracht.

Lässige Retro-Radioshow

Als ebenso hinreißende, exaltierte, hochironische, musikalisch präzise und zugleich enorm lässige Retro-„Radioshow“ wie die eigene Ideenvorlage. Gesendet wird erneut aus einem altmodisch-gemütlichen Studio-Wohnzimmer mit Gummibaum, Stehlampen und Plauderecke. Gleiches Setting, gleiches Ensemble, gleicher Grundkonflikt, gleiches Konzept. Anderer Roman. Same, same, but different. Und tatsächlich: Leidenschaft, Beziehungsqual, Ehebruch, Verzweiflung und gesellschaftliche Ächtung dermaßen drollig aufzubereiten wie hier, das geht an dieser Stelle auch ein zweites Mal voll auf.

Der Farbton des Abends: Aubergine

Ausstatterin Anke Grot hat den Fundus geplündert und nimmt Tolstoi mit auf eine Bad-Taste-Party. Das Ensemble schmeißt sich mit größter Wonne in diese optische Lächerlichkeit, lässt sich Segelohren ankleben, Minipli aufsetzen und schlimm gemusterte Polyacrylhemden überwerfen, dass es eine wahre Freude ist. Farbton des Abends: Aubergine. Dazu getönte Brillen, dieterwedelhafte Lockenköpfe, Kunstlederschlipse. Und ein fantastischer Yorck Dippe, der als Graf Wronski, Anna Kareninas ­Unglück bringender Liebhaber, im weißen, engen Schimmeranzug mit gold glitzernden Puffärmeln und blondierter VoKuHiLa-Matte „Fresh“ von Kool & The Gang ins Mikro achtzigern darf.

Die Textfassung von Barbara Bürk und Sybille Meier ist dabei klug eingedampft. Immerhin gilt es, mehr als 1000 Seiten russische Gesellschaftstragödie musikalisch in „den besten Mix und die hottesten Hits“ einzubetten. Wortspiele und Kalauer werden von der Regie in reichhaltigen Portionen ausgeteilt: „Liebe Grüße aus Moskau! Knöchelverzeichnis! Tolstois ‘R’ us!“

Live on air: Pink Floyd, Michael Jackson, The Bangles

Dieser Abend bereitet nicht nur dem dauerkichernden Publikum gute Laune, sondern ganz offensichtlich auch den Schauspielern. Ute Hannig gibt eine schrillstdenkbare Joan-Collins-Karenina, die wie die Kollegen bei aller scheinbaren Ungelenkheit die eigentliche Tragik ihrer Figur nicht verrät. Dieses zum Teil wirklich anrührende Ernstnehmen der Sehnsüchte aller ist die Folie, auf der Bürk und Sien­knecht die Albernheiten um so hemmungsloser abfahren lassen.

Markus John ist als Kareninas Bruder Stiwa ein selbst ernannter „Space Cowboy“, der seine ihm ranzig gewordene Gattin nach dem Seitensprung mit „The Joker“ ­antanzt und damit durchkommt. ­Michael Wittenborn spielt sich mal im Kleid, mal auf Knieschonern ­gewohnt köstlich durch eine ganze ­Palette schräger Charaktere; Clemens Sienknecht als Kitty bewältigt, nur mit einem Keyboard auf dem entengrützenfarbenem Rockschoß, ein geradezu spektakuläres Herzschmerz-Medley aus ungefähr 58 (!) Lovesongs. Auch Jan-Peter Kampwirth und Friedrich Paravincini kosten ihre Momente voll aus. Zum Soundtrack ­gehören liebevolle ­Geräuscheffekte, Pop und Schlager von Phoenix, Pink Floyd, Michael Jackson, The Bangles und vielen anderen, handgemacht und live on air.

Es werden zum Sendeschluss doch etwas mehr als die versprochenen „höchstens 119 Minuten“, als „Radio ­Karenina“ das Ende der kleinen Seitensprünge-Reihe verkündet. Im Tausch ­allerdings gegen die Aussicht auf die ­„Nibelungen“: „Kriemhilds Rache“. ­Voraussichtlich mit anderem Text. Und auch anderer Melodie. Das wird groß.

„Anna Karenina – allerdings mit anderem Text ...“ wieder Mo 13.11., Do 16.11., jew. 20.00, Malersaal/Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 13,