Deichtorhallen

Alice Neel in Hamburg: Was für eine Schau

Alice Neel malte „Nancy und die Zwillinge“ 1971 in Öl. Weil sie sich mit Kindern auskannte, machte sie Späßchen für die Kleinen

Alice Neel malte „Nancy und die Zwillinge“ 1971 in Öl. Weil sie sich mit Kindern auskannte, machte sie Späßchen für die Kleinen

Foto: Malcolm Varon © Estate of Alice Neel

In den Deichtorhallen gibt es mit der berühmten Amerikanerin eine epochale Künstlerin des 20. Jahrhunderts zu entdecken.

Hamburg.  In Amerika hängen ihre Werke in großen Sammlungen, in Europa muss Alice Neel, deren Leben von 1900 bis 1984 fast ein ganzes Jahrhundert und 60 Jahre schöpferischen Arbeitens umfasst, erst noch in ihrer Größe und Bedeutung für die Kunstgeschichte erkannt werden. Jetzt ist die Retrospektive der amerikanischen Malerin in den Deichtorhallen zu sehen. Eine epochale Entdeckung – und eine der bislang besten Ausstellungen der Deichtorhallen überhaupt.

Die Ausstellung

110 Werke hat der ehemalige Sammlungsleiter der Londoner Tate Gallery, Jeremy Lewison, als Kurator für die Ausstellung in Hamburg versammelt und chronologisch gehängt. „Hierhin, in den Kontext der fantastischen Sammlung, die Sie in der Hamburger Kunsthalle haben, gehört Alice Neel. Neben Lovis Corinth, Edouard Manet und Rembrandt“, sagte Lewison auf der Pressekonferenz am Donnerstag, „ich glaube, dass Alice Neel ihren Platz in diesem Pantheon der Kunst bekommen wird.“ Zu sehen ist eine Fülle von Por-träts, in denen sich die künstlerische Entwicklung der Malerin und der jeweilige Zeitgeist spiegeln.

Einige der frühen Bilder erinnern auf exzellente Weise an den deutschen Expressionismus, andere an die Neue Sachlichkeit, doch malt Alice Neel Menschen mit mehr Wärme und Empathie. Sie kann aber auch Satire, kann kraft ihrer Sensibilität und Menschenkenntnis sehr entlarvend sein. Der scheinbar flüchtig hingemalte Hintergrund wirkt meist als Steigerung dessen, was sie über die jeweilige Person erzählen will.

Die Künstlerin

Neel, die ein sehr bewegtes Leben hatte, musste Schicksalsschläge verdauen und unternahm mehrere Selbstmordversuche. Auch mit den Männern hatte sie nicht viel Glück, aber sie gebar fünf Kinder. Zwei verlor sie, eine Tochter nahm man ihr fort. Die beiden Söhne zog sie alleine groß. Ihr Pech mit Männern hing wohl auch damit zusammen, dass sie eine Schwäche für Melancholiker und Misanthropen hatte. Männer wie den Nachtclubsänger José, den sie porträtierte. Nach jeder Krise stand Alice Neel wieder auf, um weiterzumalen. Mit einer kraftvollen künstlerischen Vision und einer schier unersättlichen Sehnsucht, den ihr vertrauten Menschen, Freunden, Nachbarinnen, Kindern, mit dem Pinsel nahezukommen; deren Wesen, wie sie es wahrnahm, in Farbe zu verwandeln. Die meisten ihrer Menschenbilder strahlen Intimität und Wahrhaftigkeit aus, sind frei von Posen und eingebettet in einen halb abstrakten Hintergrund aus Farbe, Schatten und angedeuteter Räumlichkeit.

Herausragend sind ihre Frauenbildnisse. Sie malte auch gern Nackte und Schwangere, aber ohne sie zu erotisieren oder zu idealisieren. Die Frauen der Alice Neel sehen aus, wie sie eben in Wirklichkeit aussehen: Wie die Männer auch altern sie, haben Speckringe am Bauch oder ungleiche Brüste, sind müde vom Stillen und einem entbehrungsreichen Leben. Am wichtigsten waren der Künstlerin der Ausdruck der intensiv betrachteten, teils plastisch, teils flächig herausgearbeiteten Gesichter, die ungleichen Augen, die Haltung, die sehr aussagekräftigen Hände, aber auch Kleidung, Accessoires und Schuhe.

Die längste Zeit ihres Lebens war Alice Neel arm. Wenn sie keine Bilder verkaufen konnte, ging sie arbeiten. Politisch engagierte sie sich gegen Rassismus und Ungleichheit. Nach 1968 stieg sie zur Vorkämpferin des Feminismus auf. Bis kurz vor ihrem Tod malte sie, eines ihrer letzten Bilder gehört auch zu den eindringlichsten.

Die Höhepunkte

Dieses unvergessliche Bild aus Neels Sterbejahr 1984 zeigt die trauernde Ginny, Frau ihres Sohnes, vor eisig weißem Hintergrund, gehüllt in ein blasslila Kleid. Lange, grau durchsträhnte Haare umrahmen ihr schönes, regloses Gesicht. Für dessen Schatten und Erhebungen mischte Alice Neel viele Farbnuancen an, malte mit sattem, entschiedenem, dann wieder vorsichtigem Strich. Alice Neel wusste wohl, dass sie bald sterben würde. Die Vorahnung ihres Todes ist in diesem vergeistigten Bild enthalten.

Ansonsten ist es nahezu unmöglich, aus der Fülle fantastischer Bilder die besten herauszupicken. Wie schwer es gewesen sein muss, die mächtigen Museumskuratoren oder Galeristen von der eigenen Kunst zu überzeugen, lässt sich daran ablesen, wie Alice Neel sie dargestellt hat. Frank O’Hara etwa drückt dekadenten Überdruss, aber auch Unsicherheit aus, Henry Geldzahler vom Metropolitan Museum blickt gequält hinter seiner Brille hervor und krallt sich an seiner Sessellehne fest, und von der garstig abweisenden Galeristin Ellie Poindexter malte Neel eine groteske Karikatur.

Das Bild ihrer kranken Mutter, „Last Sickness“, im geometrischen Bademantel ist ein Meisterwerk, das des Journalisten Art Shields auf erbsengrünem Grund in weinrotem Hemd ebenso. Heraus sticht das von literarischen Gestalten bevölkerte Porträt des Dichters Kenneth Fearing (1935) vor nächtlicher Großstadt. Aus dem starken Spätwerk ist das Porträt von Andy Warhol zu nennen, das Neel 1970 nach dem Attentat auf ihn malte, außerdem das Doppelporträt der Nachtvögel Ritta Redd und Jackie Curtis in Frauenkleidern.

„Alice Neel – Painter of Modern Life“ Deichtorhallen Deichtorstr. 1–2, Di–So 11.00–18.00, Eintritt 10,-/6,- Ausstellung 13.10.–4.1.2018