Elbphilharmonie

Haydn singt vom Leben, Mozart vom Sterben

Thomas Hengelbrock

Foto: Marcelo Hernandez

Thomas Hengelbrock Foto: Marcelo Hernandez

Gleich zwei Oratorienkonzerte in der Elbphilharmonie mit Kent Nagano und Thomas Hengelbrock. Nach der Trauer folgte Welttheater.

Hamburg.  Aber das Oktoberfest ist doch längst vorbei? „Trinket, Brüder“, singen Dutzende Frauen im Dirndl im Chor, angekündigt als „Lustgeschrei“.

Es ist allerdings nicht von Bier die Rede, sondern von Wein, und Ort des Geschehens ist keine Wiese, sondern die Bühne eines Hamburger Konzerthauses. Aber ein bisschen Lokalkolorit darf die Chorgemeinschaft Neubeuern ja wohl mitbringen, bevor sie das Publikum mit Haydns „Jahreszeiten“ hinreißt.

Gleich zwei Oratorienkonzerte hat die Elbphilharmonie am vergangenen Wochenende erlebt. Bereits am Freitagabend dirigierte Thomas Hengelbrock Trauermusiken, darunter Mozarts „Requiem“. Beim 1. Philharmonischen Konzert am Sonntag baute Kent Nagano mit der bayerischen Laien-Elitetruppe, dem Philharmonischen Staats­orchester und einem Traum-Solistenterzett ein hochsuggestives, bildstarkes Welttheater, das nichts ausließ.

Nicht den schwarzen Humor der Hasenjagd, nicht das Gotteslob in Fugenform, vom Chor wunderbar fokussiert und textverständlich gesungen, und nicht das menschlich Berührende an den Rezitativen und Arien: Der Bass Georg Zeppenfeld sang mühelos beweglich und persönlich. Der Tenor Julian Prégardien gestaltete hochexpressiv, leistete sich allerdings hin und wieder einen kleinen Knödel. Und die So­pranistin Marie-Sophie Pollak bezau- berte als Einspringerin für die erkrankte Christina Gansch mit Innigkeit und glockenreinen Tönen, wenn auch manchmal etwas schnellem Vibrato.

Die Musik klingt, als entstünde sie aus dem Moment heraus

Nagano ging am Pult voll ins Risiko, und das Orchester ging mit. Da kam es schon mal vor, dass er das Ganze mit einer unklaren Geste ins Schwanken brachte. Öfter aber kam es vor, dass die Musik mitten ins Herz traf, weil sie aus dem Moment heraus zu entstehen schien. Obendrein klangen diese „Jahreszeiten“ unaufgeregt stilsicher, samt Naturhörnern und Naturtrompeten. Nur der erste Flötist spielte höher, als das die reine Lehre erlaubt.

Zwei Tage zuvor hatte Thomas Hengelbrock das Ende des Haydn’schen Lebensbogens gleichsam vorweggenommen. Zwei Trauermusiken vereinte das Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Freitagabend. Kristallin strukturiert und beredt spielten die Streicher die „Trauermusik“ von Witold Lutoslawski aus den 50er-Jahren. Von den letzten, ersterbenden Tönen des Solocellos (jeder von einem Huster garniert) leitete Hengelbrock ohne Unterbrechung über in den pulsierenden Anfang von Mozarts „Requiem“ (garniert vom Dauerfiepen eines Hörgeräts).

Übertrieben unsentimental

Der Balthasar Neumann Chor, sozusagen Hengelbrocks Hauschor, gestaltete mitreißend plastisch, und das Orchester sekundierte mit einem dunkel gefärbten, aufregend rauen Mozart-Klang. Hengelbrock dirigierte straff, manchmal fast übertrieben unsentimental. Aber welchen Schmelz die Sopranistin Anna Lucia Richter, die Altistin Wiebke Lehmkuhl, der Tenor Lothar Odinius und der Bass Tareq Nazmi ihren durchaus überschaubaren Partien abgewannen, das ließ niemanden im Saal kalt. Ein so von innen heraus leuchtendes Mozart-Requiem hört man nicht alle Tage.

Ewig schien der Schluss im Raum zu stehen. Und als Zugabe erklang der Bach-Choral mit den berühmten Textzeilen „Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder“, endend in mildem Dur beim „schönsten Jesulein“. Welch ein Trost. Da hustete niemand.

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