Interview

Die Spuren des Nationalökonomen Karl Marx in Hamburg

Karl Marx in den Umrissen von
Hamburg: Dessen Urenkel Karl-Jean
Longuet schuf die Büste, die Basis
dieser Montage ist

Foto: picture alliance / dpa

Karl Marx in den Umrissen von Hamburg: Dessen Urenkel Karl-Jean Longuet schuf die Büste, die Basis dieser Montage ist

Der promovierte Soziologe Jürgen Bönig hat der Bedeutung Hamburgs für das Schaffen des berühmten Nationalökonomen nachgespürt.

Der promovierte Soziologe Jürgen Bönig hat der Be­deutung Hamburgs für das Schaffen des be­rühm­ten Nationalökonomen nachgespürt. Pünktlich zur "Kapital"-Ausstellung ist sein Buch "Karl Marx in Hamburg. Der Produktionsprozess des 'Kapital'" erschienen. Außerdem bietet der langjährige Mitarbeiter des Museums der Arbeit Spaziergänge durch Hamburgs Innenstadt auf den Spuren von Karl Marx an. Wir fragten ihn:

Marx lebte und arbeitete in London. Wieso hat er sein Hauptwerk zuerst in Deutschland veröffentlicht?

Jürgen Bönig: Deutschland war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der kapitalistischen Produktionsweise unterworfen. Wenn er die Situation im deutlich weiter entwickelten Großbritannien schilderte, meinte er, dass man in Deutschland quasi vorab etwas daraus lernen könnte. Seine Botschaft war: Schaut nach England, dann werdet ihr sehen, dass die Welt vor einer enormen Veränderung steht.

Und warum entschied er sich ausgerechnet für den Hamburger Verlag Otto Meissner?

Bönig: Das liegt einerseits an der engen Beziehung zwischen London und Hamburg, geht aber auch auf die Vermittlung von Friedrich Engels zurück. Außerdem spielte Otto Meissner als Verleger eine wichtige Rolle für die republikanische Tradition. Man kann ihn durchaus als einen Linken bezeichnen.

Persönlich hat es zwischen Marx und Meissner auch ganz gut geklappt?

Bönig: Eigentlich war der Autor ja 1867 mit schlechtem Gewissen nach Hamburg gekommen, weil er nur den ersten Teil seines Manuskripts abliefern konnte. Ich wüsste gern, was Otto Meissner am 12. April 1867 zu Marx gesagt hat. Das Gespräch kann nicht nur auf der Grundlage geschäftlicher Abmachungen und persönlicher Sympathien gelaufen sein, wichtig war offenbar auch eine große politische Übereinstimmung.

Karl Marx war nicht nur 1867 hier, er hat Hamburg mindestens fünfmal besucht. Wie kam es dazu?

Bönig: Bei seinem ersten Aufenthalt 1845 besuchte er u.a. Sillem's Bazar, die gerade erst eröffnete erste große Einkaufspassage in Deutschland. Heute befindet sich dort der Hamburger Hof. Er war gekommen, um bei dem Verleger Julius Campe Publikationsmöglichkeiten auszuloten. 1849 kam er, um Geld für seine "Neue Rheinische Zeitung" aufzutreiben, zwei Jahre nach dem berühmten Besuch von 1867 reiste er erneut nach Hamburg, um hier seine Schrift "Der achtzehnte Brumaire" zu veröffentlichen, die 1852 nur unter falschem Titel in New York erschienen war. Hier besaß diese historische Arbeit als politische Schrift über das Verhältnis zwischen Preußen und Frankreich eine ganz andere Brisanz. Als er 1874 noch einmal nach Hamburg kam, fand er bereits große Anerkennung.

Sie bieten Spaziergänge auf den Spuren von Karl Marx an. Was gibt es da noch an Orten zu sehen?

Bönig: Natürlich das ehemalige Verlagsgebäude von Otto Meissner an der Bergstraße 26, wo seit Mai endlich eine Gedenktafel hängt. Oder das Alsterhaus, da stand das "Hotel zum Kronprinzen", wo er 1849 logierte. 1845 wohnte er im "Hôtel de Russie", ebenfalls am Jungfernstieg und 1867 in "Zingg's Hotel" gegenüber der Börse. Diese und eine ganze Reihe weiterer Gebäude stehen zwar nicht mehr, aber die Orte kann man besuchen.

Die drei Hotels waren teuer und luxuriös. Wieso konnte sich Marx, der ja meistens knapp bei Kasse war, das überhaupt leisten?

Bönig: Eigentlich konnte er sich das gar nicht leisten. Sehr wahrscheinlich haben vermögende Bekannte die Zimmer bezahlt, er selbst hätte das sicher nicht vermocht. Aber er hat diese Luxushotels nicht aus Statusgründen gewählt, sondern weil er hier auch Gespräche mit Persönlichkeiten aus der Hamburger Oberschicht führen wollte, die er nicht in billigen Absteigen hätte empfangen können.

Mit Vertretern des Proletariats, etwa mit Hafenarbeitern, hat er sich offenbar nicht getroffen?

Bönig: Nein, er war ein bürgerlicher Intellektueller, der sich in allen Kreisen zu bewegen wusste. Vom Typ her unterschied er sich erheblich von einem Proletarier, wie es etwa der Hamburger Hafenarbeiter und spätere KPD-Chef Ernst Thälmann gewesen ist.

Hat er sich sonst über Hamburg als Stadt geäußert?

Bönig: Er sagt jedenfalls nicht, was er von der Stadt hält. Allerdings war er immer enorm unter Druck, hatte viele Termine und konnte sich erst am Abend in irgendwelchen Kneipen entspannen. Über Hannover hat er sich viel ausführliche geäußert als über Hamburg, leider.

Heine hat sich über die Pfeffersack-Mentalität der Hamburger Kaufleute drastisch geäußert. Gibt es so etwas auch von Marx?

Bönig: Er hat immer gesagt: Die Handelsbourgeoisie kauft billig ein, um teuer zu verkaufen, und begreift dabei gar nicht, was Produktion ist. Das hat er in Hamburg beobachten können, aber eben nicht ausschließlich hier. Er hat sich wenig über Hamburger Kaufleute ausgelassen und auch nicht erwähnt, wen er alles persönlich getroffen hat. Da gibt es noch eine Menge zu erforschen.

Wieso ist die wichtige Rolle, die Hamburg für Marx offenbar gespielt hat, bisher so wenig bekannt?

Bönig: Das Hamburger Bürgertum wollte durch Karl Marx später ganz sicher nicht an seine preisgegebenen republikanischen Ideale erinnert werden. Und da Marx nach dem Zweiten Weltkrieg von der DDR ideologisch in Anspruch genommen wurde, blendete man Hamburg und Marx' Verbindung zu den Bürgern bewusst aus, einfach weil es im Westen liegt.

Rundgänge auf den Spuren von Karl Marx mit Jürgen Bönig am 9. und am 23. September, jeweils 12 Uhr, Treffpunkt Heine-Denkmal auf dem Rathausmarkt, Teilnahmebeitrag ­5 Euro, Anmeldung erforderlich unter
anmeldung@rls-hamburg.de

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