Bücherverbrennung

Es ging nicht nur darum, Papier zu vernichten

Bücherverbrennung in Hamburg, 1933

Bücherverbrennung in Hamburg, 1933

Foto: Joseph Schorer / Sammlung Weinke, Hamburg

Ein exzellenter Band erinnert an die Bücherverbrennung der Nazis. Er stützt sich auf eine Ausstellung der Hamburger Uni-Bibliothek.

Hamburg.  Das wichtigste Foto befindet sich nicht nur auf der Titelseite, sondern erstreckt sich auch über die erste Doppelseite des mächtigen Bandes: Es zeigt Männer in Uniform, die um ein hohes Feuer stehen. Einer von ihnen schleudert Bücher in die Flammen. Ein historisches Dokument, aufgenommen am Hamburger Kaiser-Friedrich-Ufer im Mai 1933. Geschrieben und anspruchsvoll gestaltet wurde das Buch „Wo man Bücher verbrennt“ von dem Historiker Wilfried Weinke und dem Grafiker Uwe Franzen. Weinke hatte nach gut vier Jahren Vorbereitungszeit in der Universitäts-Bibliothek eine Ausstellung realisiert, auf der das Buch fußt.

Abwechslungsreicher Seitenaufbau

Es waren Literaturwissenschaftler, Lyriker, Journalisten, Rabbiner, Verleger, Anwälte oder Illustratoren, deren Bücher im Mai 1933 in Hamburg verbrannt wurden. Es ging damals nicht nur darum, Papier zu verbrennen, sondern Geist zu vernichten, reale Existenzen. Grete Berges zum Beispiel veröffentlichte 1932 ihr in Eppendorf spielendes Jugendbuch „Lieselott diktiert den Frieden“. Als verfolgte Jüdin floh sie nach Dänemark, dann half ihr die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf, nach Schweden zu kommen, wo Grete Berges unter anderem als Übersetzerin arbeitete und wo sie 1957 starb. In welcher Weise sie sich noch kurz zuvor mit dem deutschen Amt für Wiedergutmachung herumschlagen musste, kann man in „Wo man Bücher verbrennt“ nachlesen.

Dem „Verniemandungsprozess“ haben Weinke und Franzen damit ein Ende gesetzt. Durch abwechslungsreichen Seitenaufbau, zahlreiche private Fotos, Briefe, Dokumente, Buchumschläge und Zitate liest sich das Werk trotz des schweren Themas nie schwergängig.

Unverhohlene Kritik

Die Autorin Alice Eckert-Rotholz, die nach dem Krieg mit dem Bestseller „Reis aus Silberschalen“ Erfolg hatte, schrieb 1931 politische Gedichte, in denen sie unverhohlen Kritik übte. Weinke hat ein Foto aus dem Arbeitszimmer der Schriftstellerin beschafft, die sich auf wohl einzigartige Weise ihren Figuren näherte: Wie „Der Spiegel“ berichtete, fertigte sie, bevor sie mit dem Schreiben anfing, Porträts ihrer Hauptfiguren, die sie auf dem Fußboden ihrer Londoner Wohnung ausbreitete. Sie setzte sich zwischen all diese Gesichter, trank Kaffee, schob die Bilder hin und her und dachte nach ... Alice Ekert-Rotholz wurde 95 Jahre alt, sie starb 1995 in London.

Schöne Doppelseite

Auch an den einst sehr erfolg­reichen Fotografen Max Halberstadt wird in dem Band erinnert, Grafiker Uwe Franzen hat hier eine besonders schöne Doppelseite aus Atelierfotos und seinen Schriftzügen geschaffen. 1920 widmete die angesehene Fachzeitschrift „Photofreund“ Max Halberstadt ein Sonderheft. Da er der Schwiegersohn des Psychoanalytikers Sigmund Freud war, fotografierte er ihn häufiger. Viele von Halberstadts Freud-Porträts von damals werden noch heute ver­wendet, „allzu oft ohne Nennung des Foto­grafen“, so Wilfried Weinke. Sich seiner und all der anderen kreativen und oft mutigen Menschen zu erinnern – dieses Ziel hat der Band in jedem Fall erfüllt.

„Wo man Bücher verbrennt“ von Wilfried Weinke und Uwe Franzen ist im Selbstverlag erschienen und kostet 29,80 Euro.
Bestellen lässt es sich über die Website www.buecherverbrennung-hamburg.de,
ISBN 978-3-00-056388-1