Eimsbüttel

Streit um Karussell mit angeblichem Nazi-Code eskaliert

Das historische Kinderkarussell auf dem Fanny-Mendelssohn-Platz

Das historische Kinderkarussell auf dem Fanny-Mendelssohn-Platz

Foto: IG Osterstraße e.V

Betreiber des Karussells will rechtliche Schritte wegen Rufmordes gegen Linken-Politiker einleiten – dieser wiederum erhält Hassmails.

Hamburg.  Der Streit um ein inzwischen entferntes Nummernschild mit mutmaßlicher Nazi-Codierung auf einem Eimbütteler Weihnachtsmarkt-Karussell nimmt groteske Züge an. Hans-Heinrich Dieckmann, Betreiber des Karussells an der Osterstraße, will nun rechtliche Schritte wegen Rufmordes und Verleumdung gegen den Linken-Politiker Peter Gutzeit einleiten. Gutzeit wiederum, Mitglied der Linken-Fraktion in der Bezirksversammlung, fordert Konsequenzen bei der Verwaltung ein und findet sich dafür im Auge eines Shitstorms wieder, wird in Mails aus offenkundig rechten Kreisen übel beschimpft.

Worum ging es noch gleich? Wie das Abendblatt berichtete, entzündete sich der Streit an einem kleinen Detail: Ein Eimsbütteler Bürger hatte an einem Fahrzeug des Kinderkarussells auf dem Weihnachtsmarkt an der Osterstraße das Nummernschild mit der Buchstabenkombination „HH 88“ entdeckt, als Nazi-Code identifiziert und gemeldet.

In China gilt die 8 als Glückszahl

In der rechten Szene steht das „HH“ für den Hitlergruß. Ebenso die doppelte Acht, der achte Buchstabe des Alphabets – das H. Besonders unverschämt sei, kritisierte die Linke, dass das Karussell auf dem Weihnachtsmarkt am Fanny-Mendelssohn-Platz stehe, deren Namensgeberin eine jüdische Musikerin war.

Nach den Hinweisen auf die zweideutige Aussage der Nummernschilder habe Betreiber Hans-Heinrich Dieckmann eigenem Bekunden nach einen „Riesenschreck“ bekommen. Er habe die Kennzeichen umgehend entfernt, ihm sei eine solche Verbindung nicht bekannt gewesen. Vorsorglich überklebte er auch eine 88, mit der ein aus China geliefertes, nachträglich aufs Nostalgie-Karussell montiertes Motorrad gekennzeichnet war. In China gilt die 8 als Glückszahl.

Verwaltung soll Kündigung des Karussellbetreibers prüfen

Der Linksfraktion in Eimsbüttel geht das Entfernen des vermeintlichen Nazi-Codes aber nicht weit genug. Die Verwaltung des Bezirks wurde aufgefordert, die Kündigung des Karussellbetreibers zu prüfen. Zudem will Lokalpolitiker Gutzeit heraus gefunden haben, dass Dieckmann im selben niedersächsischen Dorf wie ein Mitglied des Bundesvorstandes der NPD wohne. Daraus schlussfolgert Gutzeit, dass Karussellbetreiber Dieckmann eine direkte Nähe zu Rechtsradikalen besitze.

„Für mich ist das kein Zufall“, so Gutzeit. Im Übrigen bezichtige er den Karussell-Betreiber auch nicht, ein Nazi zu sein oder mit der Szene zu sympathisieren. „Aber zu behaupten, er wisse von all dem nichts, das glaube ich ihm nicht.“ Wer im selben Ort mit bekannten Rechtsradikalen wohne, kenne auch deren Umtriebe.

Bisher habe niemand Anstoß an dem Nummernschild genommen

Für Karussellbetreiber Dieckmann ist mit dieser Behauptung eine Grenze überschritten. „Das reicht jetzt. Das lasse ich mir nicht länger gefallen“, sagt er. „Ich werde die Sache jetzt meinem Anwalt übergeben und eine Klage prüfen.“ Dieckmann wohne seit mehr als 35 Jahren in dem Dorf nahe Lüneburg, beschäftige viele ausländische Mitarbeiter und wähle seit Jahren SPD. Mit Rechtsradikalen hatte und habe er nichts zu tun. Seit zehn Jahren sei er mit dem Nostalgie-Karussell unterwegs, nie habe jemand an dem Nummernschild HH 88 Anstoß genommen.

Linken-Politiker Gutzeit begründet die Anfrage nach Konsequenzen für den Betreiber bei der Verwaltung dagegen mit einer vorbeugenden Wirkung: „Uns geht es darum, solche Nazi-Symbolik auch in Zukunft auszuschließen.“ Nach Vorstellung der Linken sollte eine entsprechende Klausel in die Konzessionsverträge.

Linken-Politiker erhält Hassmails

Das Ansinnen der Links-Fraktion brachte indes nicht nur dem Karussell-Betreiber Ärger ein. Auch Politiker Gutzeit landete nach Bekanntwerden seines Engagements in einem Shitstorm. Neben Hohn erreichten ihn Hassmails, die dem Abendblatt vorliegen. Gedroht wird darin unter anderem offen verfassungsfeindlich, rechtsradikal gesinnt und menschenverachtend, in jedem Fall nicht zitierfähig.

Andere Diskutanten werfen nicht zu unrecht die Fragen auf, ob der Linken-Politiker angesichts seiner Wohnort-Vorwürfe gegen den Karussellbetreiber eigentlich selbst wisse, wer im Umkreis von 500 Metern um seinen Wohnsitz lebe und welcher Gesinnung jeder Einzelne sei. Im Umkehrschluss: Ob jeder für seine Nachbarschaft in Sippenhaft genommen werden könne? Davon abgesehen müsse immer der Kontext, in dem eine 88 steht, geprüft werden. Schließlich könne nicht jede Hausnummer 88 aus dem Stadtbild verschwinden. Vom Hamburger Nummernschild HH mal ganz abgesehen.

Veranstalter spricht von "absurden Unterstellungen"

Unterdessen hat sich der Weihnachtsmarkt-Veranstalter Manfred Pakusius selbst auf Spurensuche begeben. Er halte sowohl den Nazi-Bezug beim Nummernschild als auch den beim gleichen Wohnort für „absurde Unterstellungen“. Für ihn klinge die Aktion der Linken-Fraktion nach einer Kampagne gegen Hans-Heinrich Dieckmann.

Bei dem Karussell handele es sich um ein Traditionsgeschäft der Firma Hans Hennecke. Die Uelzener Karussellfabrik wurde 1974 geschlossen. Das Kürzel HH könne also für Hans Henneke stehen. Auch sind Fahrzeuge und Karussells damals oft mit der Auslieferungsnummer versehen worden. Also könnte die 88 für das in Serie gefertigte Fahrzeug Nr. 88 von Hans Hennecke stehen.