Anne-Sophie Mutter

Exklusiver Blick in das Allerheiligste einer Stargeigerin

Es sei „ein altmodischer“ Geigenkasten, findet seine Besitzerin Anne-Sophie
Mutter, Darin liegt immer eine von zwei Stradivaris. Auch alt. Und sehr wertvoll

Foto: Anne-Sophie Mutter

Es sei „ein altmodischer“ Geigenkasten, findet seine Besitzerin Anne-Sophie Mutter, Darin liegt immer eine von zwei Stradivaris. Auch alt. Und sehr wertvoll

Pass, Geschenke der Tochter – ein bisschen ist der Instrumentenkoffer der Stargeigerin Anne-Sophie Mutter auch Handtaschenersatz.

Hamburg. Anne-Sophie Mutter ist auch nach vier Bühnenjahrzehnten der Star schlechthin am Geigerhimmel. Doch wer zum Interview den Auftritt einer Diva erwartet, den wird sie enttäuschen. In T-Shirt und Hose schlüpft sie aus dem Fahrstuhl, ganz ohne Pelz und Bling-Bling; das Haar ist nicht kunstvoll geföhnt, sondern schlicht zurückgebunden. Kleiner und weniger streng als auf der Bühne wirkt sie.

In der Lobby des Fünfsternehotels bewegt sie sich so selbstverständlich wie andere im heimischen Wohnzimmer, wie sie da in eins der Sofas sinkt und in ihrem alemannisch-melodiösen Tonfall scherzt: "Schauen wir mal, ob uns jemand einen Champagner bringt." Schon klar, eine Perfektionistin wie sie trinkt vor einem Konzert keinen Tropfen. Sie bestellt ­Karottensaft. Neben ihr liegt ihr Geigenkasten, ein schwarzes, rechteckiges Modell, verziert mit leuchtend blauen, etwas ausgefransten Figuren und Glassteinchen.

So einen Geigenkasten habe ich noch nie gesehen.

Anne-Sophie Mutter: Das ist ein Werk meiner Tochter, sie hat das Notenfach bestickt. Mittlerweile ist es schändlich abgenutzt, der Kasten ist acht Jahre alt, glaube ich. Sie hat mir zum Geburtstag die Dekoration eines neuen Geigenkastens geschenkt. Den habe ich brav ­gekauft, der wartet jetzt darauf, dass sie mal Zeit dafür hat.

Den gleichen nochmal? Was ist denn das für einer? Fiberglas, Carbon?

Mutter: Dieser ist ein ganz altmodischer. Ich würde sagen, Holz (klopft darauf). Keine Ahnung, welches Fabrikat, aber er liegt gut in der Hand.

Es gibt ja Modelle, die sich, wenn man drauffällt, gleich elegant wieder ausbeulen, nur die Geige ist leider Schrott.

Mutter: Ich bin als Studentin mal auf einen ähnlichen Geigenkasten gefallen. Ich glaube, dieser hält ein normales Gewicht aus. Ich möchte nicht einen Lastwagen drüberfahren lassen, das würde ich dann mit meinem Leben verhindern.

Man muss Prioritäten setzen.

Mutter: Genau. Die Geige zuerst. Schließlich soll sie ja noch eine Weile leben.

Sie haben zwei Stradivaris. Welche haben Sie heute dabei?

Mutter: Das ist die von 1710. Die von 1703 befindet sich im Schönheitsschlaf.

Warum?

Mutter: Weil die jüngere mir mehr Möglichkeiten bietet. Nicht nur vom Klangvolumen, auch von den Farben her. Vielleicht finde ich überraschenderweise mal eine Geige, die einen Quantensprung interessanter wäre. Aber diese hier – in 30 Jahren haben wir uns sehr aufeinander eingestimmt, und trotzdem finde ich immer wieder etwas Neues.

Und die andere schläft derweil in München in ihrem Kasten. Ist der Geigenkasten auch Ihr Handtaschenersatz?

Mutter: Wie viele andere Frauen habe ich wahrscheinlich viel zu viele Handtaschen. Aber wenn ich reise, benutze ich keine, nur das Notenfach. Da ist auch der Pass drin, und natürlich Noten. Immer, auch wenn ich im Konzert auswendig spiele. Als ich mit neun Jahren mit meinen ­Eltern zu dem berühmten Geiger Henryk Szeryng gefahren bin, auf der Suche nach seinem Rat, zu welchem Lehrer ich denn gehen solle, habe ich ihm eine Bach-Solosonate vorgespielt. Er fragte: Und wo ist die Partitur? Ich war ohne Noten gereist und bekam dafür Schelte. Er meinte, man müsse immer noch mal hineinsehen und dürfe sich nie zu weit davon entfernen. Natürlich hatte der große Meister recht. Deshalb habe ich in dem Reißverschlussfach immer eine kleine Orchesterpartitur, wenn ich ein Violinkonzert spiele, und natürlich die Solostimme. Ersatzsaiten, Ersatzbogenhaare …

Was man so braucht …

Mutter: … ein paar Müsliriegel für den Fall, dass man backstage nichts Sinnvolles zu ­essen findet. Und Tausende Kleinigkeiten, die meine Kinder mir über die Jahre gebastelt haben.

Kann ich mal reinschauen?

Mutter: Finden Sie das so interessant? Ich hab doch ungefähr das Gleiche drin wie alle (öffnet den Kasten): Familienbilder und Erinnerungen. Hier die Jakobsmuschel, die ist vom Jakobsweg in Spanien. Und den Francesco-Weg nach Assisi habe ich im vergangenen Herbst gemacht.

Ohne Geige vermutlich?

Mutter: Klar. Zwischen zwei Tourneen bin ich mit drei Freunden losgefahren. Wir sind in sechs Tagen 180 Kilometer gelaufen. Umbrien ist landschaftlich wunderschön, aber sehr bergig (lacht). Es war schon anspruchsvoll. Es ist auch architektonisch spektakulär. Diese Basilika! Ich bin Protestantin und habe zum ersten Mal einen Gottesdienst in Italien in Gänze erlebt. Es war wunderbar, mit viel Gesang.

Wenn Sie abseits der Konzertbühne unterwegs sind, werden Sie dann angesprochen?

Mutter: Nö. In Städten natürlich eher. In ­Florenz hat mich ein Kollege aus dem Hotel kommen sehen und eine CD für mich hingebracht, was ich wahnsinnig nett fand.

Und in München leben Sie halbwegs unbehelligt?

Mutter: Ja, total.

Würde es Sie stören, wenn's anders wäre?

Mutter: Es ist, wie's ist. Ich freu mich, wenn ich auf Musik angesprochen werde, ich freu mich, wenn ich nicht drauf angesprochen werde.

Sie sind ja jetzt mehr als 40 Jahre im ­Geschäft ...

Mutter: ...Geschäft klingt schrecklich. Es ist kein Geschäft. Es ist meine Lebensaufgabe.

Wenn Sie nun auf die Bühne gehen und ein Stück spielen, das Sie schon Dutzende oder Hunderte Male gespielt haben: Sind Sie in Gefahr, sich zu sagen, ich weiß, wie es geht?

Mutter: Es ist wie bei einem Gespräch. Das entwickelt sich fließend, und man weiß nie ganz genau, wohin. Und ich habe es ja mit einer ständig wechselnden Gruppe von musikalischen Freunden zu tun. Das ist eine unglaubliche Inspiration. Die bildet zusammen mit der Akustik, der Tagesform, der Geige, dem eigenen Körper und der Subjektivität diesen riesigen Spielraum, innerhalb dessen die Musik sich ereignet. Es ist ein bisschen wie auf so einem Pilgerpfad.

Der Weg als Ziel.

Mutter: Tolstoi hat das einmal ungefähr so beschrieben: Man hat ein bestimmtes Ziel vor Augen und eine Kerze in der Hand. Man geht den Weg, und die Kerze wirft das Licht, aber man bleibt immer hinter dem Licht zurück. Weil mit jedem Schritt, mit dem ich etwas Neues entdecke, auch die Möglichkeiten andere werden, größer. Umso mehr staunt man.

Konzerte: Anne-Sophie Mutter gibt am 20. August mit ihrem Klavierpartner Lambert Orkis im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals ein Recital in der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Am 20. November sind die Künstler in der Elbphilharmonie zu Gast. Das Konzert ist ausverkauft.

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