NDR-Orchester

Thomas Hengelbrock geht – kommt jetzt ein alter Bekannter?

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Joachim Mischke
Thomas Hengelbrock
wurde 2011 Chefdirigent
des NDR-Orchesters
und führte
es in die Elbphilharmonie

Thomas Hengelbrock wurde 2011 Chefdirigent des NDR-Orchesters und führte es in die Elbphilharmonie

Foto: NDR

Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters verlässt Posten im Sommer 2019. Möglichen Nachfolge-Kandidaten gibt es.

Hamburg.  Das passende Mail-Tonsignal für die Nachricht am gestrigen Morgen wäre kein Glöckchen, sondern ein Paukenwirbel mit sattem Nachhall gewesen: Thomas Hengelbrock, seit 2011 Chefdirigent des NDR-Orchesters und damit wichtigster, sichtbarster Wegbereiter ins Residenzorchester-Dasein in der Elbphilharmonie, will seinen NDR-Vertrag zum Ende der Spielzeit 2018/19 auslaufen lassen.

„Nach dann acht sehr erfolgreichen Jahren möchte er wieder mehr Zeit haben, um sich ­intensiver anderen künstlerischen ­Herausforderungen widmen zu können“, heißt es in der NDR-Pressemitteilung. Doch auch nach 2019 wolle er dem ­Orchester, das sich für den ­Umzug ins neue Konzerthaus dessen Namen gab, regelmäßig für spezielle Projekte zur Verfügung stehen.

Überraschend kommt diese Absage keineswegs. Schon seit Wochen kursierten Gerüchte mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Mal hieß es, Hengelbrock, als Freigeist bekannt, würde lieber wieder zu neuen, anders spannenden Ufern seiner Wahl aufbrechen. Er hat einen schicken Gast-Posten beim Orchestre de Paris in der dortigen spektakulären Philharmonie, hat seine Balthasar-Neumann-Ensembles und ist immer wieder auch mal für Prestigeposten wie Amsterdam im Branchengespräch. Andererseits hörte man von Misstönen im einst so ungetrübten Verhältnis zwischen Chef und Orchester. Bodenhaftung und Leistungsvermögen waren dann die Reizworte.

Profil des Orchesters klug ­geschärft

Es gibt auch Unbestreitbares: Seit seiner Berufung 2011 als Nachfolger von Christoph von Dohnànyi hat Hengelbrock das Profil des Orchesters klug ­geschärft. Er hat es mit freundlicher Entschlossenheit in Repertoire-Bereiche geschickt, die eher weiße Flächen auf dessen Musikwelt-Landkarte waren. Wichtige Stellen besetzte er, wie es seinen Klangvorstellungen entsprach.

CD-Projekte und Tourneen zahlten auf die Marken NDR und Hengelbrock ein. Vor allem aber blieb der gebürtige Wilhelmshavener mit dem Händchen für smarte Moderationen geradezu störrisch optimistisch auf Kurs, als das Thema Elbphilharmonie-Eröffnung schlingerte.

In den Monaten vor dem Eröffnungskonzert waren er und sein ­Orchester es, die die ersten sachdienlichen Erfahrungen im Großen Saal des neuen Konzerthauses machen sollten und mussten. Der Erfolgsdruck war und ist enorm, verschärft durch brachial viele Konzerttermine in der ersten echten Elbphilharmonie-Spielzeit, die einen harten Konditionstest darstellen. Als man vor einigen Wochen zu einer ­Japan-Tour abreiste, witzelten nicht wenige vorfreudig: endlich Zeit zum ­Erholen.

Hengelbrock und sein Orchester waren es aber auch, die nach dem ­Eröffnungskonzert erlebten, dass andere, international routinierte Orchester und Dirigenten aus dem Stand besser mit den akustischen Herausforderungen des Toyota-Saals klarkamen als ­jene Heimmannschaft, die einen Zehn-Jahres-Residenzvertrag in der Tasche hat und sich vor den Ohren der gesamten Musikwelt bessern soll. Verständlicherweise hielt sich die Freude über diese Erkenntnis in Grenzen.

NDR-Intendant Lutz Marmor würdigte den Noch-Chefdirigenten Hengelbrock: „Er hat herausragende künstlerische Erfolge gefeiert und das Konzertleben in Hamburg und Norddeutschland mit kreativen Ideen und mitreißenden Interpretationen maßgeblich geprägt.“ Kultursenator Carsten Brosda, der als städtische Instanz gegenüber dem ­öffentlich-rechtlichen Orchester keinerlei Weisungsbefugnisse hat, kommentierte: „Thomas Hengelbrock hat sich mit dem NDR Elbphilharmonie ­Orchester in die Herzen vieler Hamburgerinnen und Hamburger gespielt. Seine kluge und mutige Programmierung des Eröffnungskonzertes der Elbphilharmonie hat zu Recht Aufsehen erregt.

Sie hat nicht nur den Anspruch der Elbphilharmonie untermauert, einen festen Platz im Reigen der besten Konzerthäuser der Welt einzunehmen, sondern war gleichzeitig auch ein Aufbruchsignal in die Moderne. Mindestens genauso bedeutsam war seine Idee, mit den ,Konzerten für Hamburg‘ klassische Musik und sein Orchester fest in der Stadt zu verankern. Ich danke Thomas Hengelbrock schon jetzt für hervorragende Arbeit. Erst einmal aber freue ich mich auf die weiteren Impulse, die er und das NDR Elbphilharmonie Orchester der Musikstadt Hamburg noch geben werden.“

Kommt ein alter Bekannter zurück?

„Thomas Hengelbrock hat das NDR Elbphilharmonie Orchester optimal auf seine Rolle als Residenzorchester der Elbphilharmonie vorbereitet“, sagte Generalintendant Christoph Lieben-Seutter. „Mit Leidenschaft, hohem persönlichen Einsatz und einer Vision, die weit über künstlerische Themen hinausgeht, hat er diesen Klangkörper in die Mitte der Stadtgesellschaft gerückt und das Profil der Elbphilharmonie mitgeprägt.“

Unterdessen verdichten sich die Anzeichen, dass ein Nachfolger für Hengelbrock bereits vor der Tür zum Großen Saal steht. Stimmen die Gerüchte, ist es kein Neuer, sondern ein alter Bekannter: der Amerikaner Alan Gilbert, der 2004 Erster Gastdirigent des NDR-Orchesters wurde und noch bis Ende dieser Saison Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker ist. Deren Elbphilharmonie-Debüt im April fiel ­allerdings zwiespältig aus, denn ausgerechnet bei Mahlers Vierter, Kernrepertoire also, machte sein ­Orchester ungebremst nur, wonach ihm war.

Gilbert gilt seit Langem als Favorit

Gilbert gilt bei der Suche nach einem Hengelbrock-Nachfolger seit Langem als Favorit der NDR-Entscheider, insbesondere des neuen Klangkörper-Managers Achim Dobschall, der vor ­einigen ­Wochen die Nachfolge seiner Chefin Andrea Zietzschmann antrat, die von Herbst an Intendantin der Berliner Philharmoniker ist. So würde sich vieles ­fügen. Gestern wollten weder der NDR noch Gilberts Londoner Management einen Kommentar abgeben. Ergiebiger war das Kleingedruckte am Ende des Abschieds-Interviews mit Gilbert in der Juni-Ausgabe des US-Magazins „Vanity Fair“: „Offizielle Neuigkeiten über Gilberts Pläne werden Ende des Monats bekannt gegeben.“, heißt es dort. Wir haben den 20. Juni. Die Uhr tickt.