Feiertage

An Weihnachten steht die Zeit steht still

Stille ist ein
Konzept,
das genossen
werden will

Stille ist ein Konzept, das genossen werden will

Foto: Getty Images

Das Fest der Besinnlichkeit? Seien wir ehrlich: Der entspannteste Moment sind die magischen Stunden vor Heiligabend.

Hamburg. Es ist die Stille an sich, die Weihnachten speziell macht. Opa im Schaukelstuhl (in der Hand das „gute Buch“, das unterm Weihnachtsbaum lag), die Enkel mit der Carrerabahn, Mama spült, Vaddi trinkt genüsslich einen Verdauungsschnabbes. Man kann lediglich Opas Umblättern der Seiten hören. Die lieben Kleinen spielen nämlich sehr leise. Mamas Geschirr klappert auch gar nicht, sie streichelt die Messer und die Gabeln förmlich in die Schublade. Jetzt endlich kann Vaddi „Stille Nacht“ auflegen.

Besinnlichkeitsauftrag und Vollgas-Völlerei

Klingt nach großem Quatsch? Aber ja. Erstens gibt es Spülmaschinen, und gäbe es sie nicht, würde mit Sicherheit nicht Mama spülen. Der Feminismus hat längst gesiegt (in der Küche). Es liest auch keiner mehr Bücher und wenn doch, dann nicht hier: Den lieben Opa haben diesmal nämlich Schwager und Schwägerin genommen. Und die Carerrabahn? Ernsthaft? Alles unter Playstation und Tablet ist weltferne Analog-Romantik oder eine geschenkemäßige Frechheit. Vielleicht wird auch deswegen genölt. Leise rieselt hier jedenfalls gar nix. Vielmehr herrscht kollektive Überreizung, wie immer, wenn zu viele Menschen mit Genen aus demselben Anlagenpool aufeinanderhocken. Alberne Geschenke, alberne Gänse, alberne Lieder. Wer singt schon gerne einen Tannenbaum an?

Dazu fühlt sich mancher angesichts von Besinnlichkeitsauftrag und Vollgas-Völlerei eher an das immer schon resignative Motto „Augen zu und durch“ erinnert. Feierliche Gänsekeuligkeit ist nicht jedermanns Sache. Und wenn dann die auch jenseits von Kirche und Glauben wichtigen Gedanken an Einkehr und, wie es immer so schön heißt, „Innehalten“ allerniedrigste Hürden reißen und die ersten Diskussionen losgehen (hat da wieder jemand vergessen, den Wein zu kühlen? ), dann, ja dann: ist Weihnachten.

Die Wahrheit ist: Stille gibt es an Heiligabend kaum. Das wäre auch gar nicht schön, denn wenn man schon mal zusammen ist, dann will man sich ja auch unterhalten, essen, trinken. Weihnachten ist das Fest des Miteinanders und Zusammenseins. Aber was ist dann mit dem Schweigen, der Ruhe, dem Zu-sich-Kommen? Gibt’s das also gar nicht? Doch, gibt es. Und zwar am 24.12., von so etwa 14 bis 17 Uhr. Auch morgen wieder.

Der Nachmittag vor Heiligabend ist der heiligste, besinnlichste, entspannteste und außergewöhnlichste Moment des Jahres. Der einzig wahre Moment, in dem die Geschäftigkeit verpufft – alles danach ist nur Abklatsch mit Trägheitsüberschuss, also langweilig: der erste Weihnachtsfeiertag, der zweite. Der Nachmittag vor Heiligabend ist der Moment, in dem alle Vorbeitungen vorbereitet sind und sich kein Tannenbaum mehr gegen sein nadelndes Schicksal aufbäumt. Ein Moment, der keinen Widerstand duldet; ein Moment wie ein kollektiver Mittagsschlaf.

Bei John Cage gibt es 4:33 Minuten lang: Schweigen

Und wer nicht schläft, der geht raus zum vorweihnachtlichen Spaziergang, und glotzt einer Stadt, die schläft, auf ihr schönes, träges, mildes, freundliches, nichts weiter als ein bisschen Frieden forderndes Gesicht. Wenig Autos, wenig Menschen, wenig los. Alle machen Pause, bevor es richtig los geht: Ritualisierte Ruhe vorm fetten Fest.

Stille ist ein Konzept, das nur jetzt und in diesem Augenblick ein Massenereignis ist. Und wirklich nur zwischen 14 und 17 Uhr. 13.30 Uhr: Noch zu viel los, Last-minute-Einkäufer und so. 17.10: Zu viel Hektik schon wieder, in die Röhre geschobene Braten, eintreffende Gäste. Es geht um die Kernzeit des Schweigens genau dazwischen. Um die Stille. Eine echt stille Stille, keine laute wie bei der Schweigeminute im Fußballstadion oder anderswo. Eine Stille, die ein Kunstwerk ist.

Stille ist ein Kunstwerk

Kultivierte Zeitgenossen können sich dabei sogar auf Mozart berufen, von dem folgende Feststellung überliefert ist: „Die Stille zwischen den Noten ist genauso wichtig wie die Noten selbst.“

Das sah Nietzsche ähnlich: Die größten Ereignisse, hat der Meisterdenker philosophiert, „das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden“.

Die Maler haben die Darstellung regloser Gegenstände einst „Stillleben“ genannt. Das war eine schöne Verdoppelung von dem, was man eh sah: Dinge, die nichts tun, außer Dinge zu sein. John Cage nannte seine kleine kompositorische Frechheit „4:33“. So lange geschieht gar nichts in diesem Stück, vier Minuten und 33 Sekunden lang. Es ist nur verdammt still. Sind die Straßen der Stadt in den Stunden vor Kirchgang und Bescherung ein Stillleben mit John-Cage-Soundtrack? Nicht ganz. Es ist einfach eine andere Ruhe als die nächtliche, weil die friedliche Stimmung bei Tageslicht viel mehr wirkt. Die Stunde der stillen Empfindung ist die geheime Verabredung einer Stadt, vor dem Fest gemeinsam auszuruhen.

Die Zeit steht still. Endlich mal.