St. Pauli Theater

Herbert Knaup glänzt in Beziehungskomödie

Daniel (Herbert Knaup) ist von Emma (Jessica Ohl) außerordentlich angetan. Gerne würde er bei ihr landen – und
macht sich dabei zum Affen

Daniel (Herbert Knaup) ist von Emma (Jessica Ohl) außerordentlich angetan. Gerne würde er bei ihr landen – und macht sich dabei zum Affen

Foto: Oliver Fantitsch

Florian Zellers Boulevardstück „Hinter der Fassade“ feiert eine gelungene Premiere am St. Pauli Theater.

Hamburg.  Daniel hat ein Problem. Wie soll er seiner Frau Isabelle beichten, dass er seinen Kumpel Patrick zum Essen eingeladen hat? Der hat sich nämlich wegen einer Jüngeren von seiner Frau Laurence getrennt, die wiederum Isabelles beste Freundin ist. Die „neue Tussi“ kommt Isabelle natürlich nicht ins Haus. Und nun windet er sich wie ein Aal; wie soll er ihr seinen Fauxpas gestehen? Isabelle merkt schnell, dass ihr Gatte etwas loswerden will, doch der druckst lange herum. Bis der heikle Punkt doch noch auf den Tisch kommt.

Florian Zeller, der französische Erfolgsdramatiker, wählt dieses Katz-und-Maus-Spiel um ein eigentlich nicht besonders schwerwiegendes Problem als Ausgangspunkt für seine Boulevardkomödie „Hinter der Fassade“. Der Titel spielt auf eine Theaterform an, das „Beiseitesprechen“. Jede der vier Figuren in diesem Spiel äußert ihre Gedanken in Richtung des Publikums, aber nicht in Richtung der anderen Personen auf der Bühne. Der Small Talk und das Nicht-auf-den-Punkt-Kommen sind die Fassade, hinter der dieses Quartett seine geheimen Gedanken versteckt.

Vorzüglich inszeniertes Konversationsstück

Zeller greift tief in die Klischeekiste: Patricks „neue Tussi“, Emma, ist blond, jung und attraktiv, die Männer sind vor allem angetan von ihrer sexuellen Ausstrahlung, dabei ist Emma nichts weiter als Projektionsfläche für ihre Probleme mit dem Älterwerden. „Hinter der Fassade“ behandelt allgegenwärtige Themen wie Midlife-Crisis, wie Loyalität unter Freunden, eheliche Abnutzungserscheinungen und alltägliche Frustrationen.

Vor allem aber ist „Hinter der Fassade“ ein von Regisseur Ulrich Waller vorzüglich inszeniertes Konversationsstück, das allen vier Schauspielern Gelegenheit bietet, in ihren Rollen zu glänzen. Im Mittelpunkt steht Daniel, umwerfend witzig gespielt von Herbert Knaup. Er ist ein furchtbarer Opportunist und Schwadroneur. Ein Intellektueller, der sich für attraktiv und begehrenswert hält. Wenn er mit umgebundener Schürze in seiner hypermodernen Küche steht und Windbeutel zubereitet, wirkt er allerdings alles andere als sexy. „Ein Weichei“, denkt Emma, als sie ihm bei seiner hausmännlichen Hantiererei zusieht.

Daniel beneidet seinen Kumpel um dessen neue Freundin, in Gedanken zieht er sie aus, träumt sich in eine wilde Liebelei mit ihr hinein und macht sich so zum Affen. Die Lüge gehört zu seinem Repertoire, ist aber eher ein Zeichen der Schwäche als der Boshaftigkeit. Daniel belügt sich vor allem selbst. Knaup macht aus ihm eine lächerliche Figur, die sich in Lügengebilden verstrickt.

Isabelle durchschaut den Gatten

Seine Frau Isabelle (Cristin König) ist von anderem Kaliber. Sie durchschaut den Gatten und seine Ausweichmanöver. Sie besitzt Haltung und lässt Patrick und Emma deutlich merken, was sie von deren Beziehung hält. Das raffinierte Kleid, das Emma trägt, etikettiert sie als „primitive Eleganz einer Luxusnutte“ und unterstellt der Blondine, als Stripperin in einem Nachtclub gearbeitet zu haben.

Vorurteilsfrei ist sie nicht gerade, aber sie durchschaut die Männer. Patrick verurteilt sie nicht wegen dieser Affäre, sie kann nur nicht verstehen, dass er eine 20 Jahre währende Ehe wegen einer „Tussi“ aufs Spiel setzt. Cristin Königs Isabelle ist eine elegante und kluge Frau, die sehr gezielt ihre Spitzen setzt und mit ihrer klaren Haltung und Abgeklärtheit das Zentrum des Stücks ist.

Wenn Stephan Schad als Patrick in einer schnieken Lederjacke auftaucht, während Daniel ein kariertes Sakko trägt, signalisiert er: „Hey, schaut her, was ich für ein cooler Typ bin.“ Bei ihm ist alles super, er wähnt sich auf der Überholspur hinein in ein wildes Leben aus Spaß und Sex. Dass er Emma im Wartezimmer eines Internisten kennengelernt hat, wo er mit Magenkrämpfen und Durchfall saß, klingt nicht ganz so glamourös. Diesen Teil seiner Geschichte mit Emma möchte er lieber ausgespart wissen.

Flotte Inszenierung, glänzende Schauspieler

Den schwierigsten Part hat Jessica Ohl als Emma. Doch sie spielt gut, weil sie ihre Rolle des blonden Dummchens nicht übertreibt. Zwar plappert sie naiv von ihren Versuchen, eine Karriere als Schauspielerin zu starten, doch es ist zu spüren, dass sie sich in der Gesellschaft des 20 Jahre älteren Freundeskreises nicht besonders wohlfühlt. „Die Leute sind ja total oberflächlich“, sagt sie einmal und trifft damit ins Schwarze.

Auch wenn Zellers Stück nicht an die Dramen von Yasmina Reza heranreicht, hat Ulrich Waller aus der Vorlage ein höchst vergnügliches Stück gemacht. Flotte Inszenierung, glänzende Schauspieler, begeistertes Publikum - was will man mehr?

„Hinter der Fassade“ nächste Vorstellungen 7.–11.12., 13.–16.12, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29–30; Karten 17,70 bis 47,70 Euro unter T. 30 30 98 98 oder in der Abendblatt-Geschäftstelle, Großer Burstah 18–32