Hamburg

Mit Herbert Knaup einen Blick hinter die Fassade werfen

| Lesedauer: 4 Minuten
Maike Schiller
Schauspieler Herbert Knaup

Schauspieler Herbert Knaup

Foto: Jim Rakete

Der Schauspieler ist Hauptdarsteller in einer Beziehungskomödie, die kommende Woche am St. Pauli Theater Premiere feiert.

Hamburg. „Dieses Parlieren ist Florettfechten mit feiner Klinge“, ­findet Herbert Knaup und pikst zur ­Illustration schwungvoll mit dem rechten Zeigefinger vor sich in die Luft. Die hohe Schule des Wortgefechts also, sofern man eine Unterhaltung zwischen den Geschlechtern immer auch ein wenig als alltägliche Kriegsführung begreift. Florian Zeller, der nach Yasmina Reza erfolgreichste französische Dramatiker der Gegenwart, tut das zweifelsohne in seiner aktuellen Komödie „Hinter der Fassade“.

Ähnlich wie "Gott des Gemetzels"

Es ist ein sehr französisches ­Konversationsstück, das am Montag am St. Pauli Theater unter der Regie von Ulrich Waller deutsche Erstaufführung feiern wird. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Zwei Paare, eine Einladung zum Abendessen, jede Menge unausgesprochene Konflikte. Es wird sehr viel geredet, fast noch mehr wird nicht geredet – und am Ende ist alles gesagt. Und manches anders als vorher. Man kennt diese Grundkon­stellation aus Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“, beides Klassiker des gehobenen Boulevards.

Ein netter Abend, der entgleitet

Die herrlich böse Komik entsteht auch aus dem Bruch mit den Regeln der Höflichkeit, aus dem Widerspruch mit der Konvention. Bei Zeller ist es ein Ehepaar, das einen alten Freund und dessen junge Geliebte zum Dinner erwartet – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Ehefrau, die mit der betrogenen Gattin ebenfalls gut befreundet ist. Viel mehr braucht es nicht, um einen „netten“ Abend entgleiten zu lassen – außer vielleicht: den dramaturgischen Kniff, den Zeller sich überlegt hat. Denn wenn hier nicht geredet wird, wird keineswegs geschwiegen.

Ein entscheidender Teil der Texte nämlich, eben jene, die titelgebend „hinter der Fassade“ passieren, sind ­innere Monologe und Dialoge, sie ­können nur die Zuschauer hören, nicht aber die Figuren untereinander. Eine Konversation auf zwei Ebenen, Schein und Sein bei „L’envers du décors“, wie das in Paris von und mit dem französischen Filmstar Daniel Auteuil uraufgeführte Original heißt.

Knaup als verdruckster Daniel

„Man schaut gewissermaßen ins Gehirn der einzelnen Personen“, erzählt Knaup. „Ich mag das sehr. Die ­Zuschauer werden sich dabei wiedererkennen. Das ist raffiniert geschrieben.“ Dem Schauspieler, der am St. Pauli Theater schon in zwei Zeller-Inszenierungen auf der Bühne stand, ist die Tonalität des Autors spätestens seit „Die Wahrheit“ und „Eine Stunde Ruhe“ – beides ebenfalls deutsche Erstaufführungen – bestens vertraut.

Diesmal spielt er den etwas verdrucksten Daniel, der in einer wunderbaren Einstiegsszene, wo dieses thea­trale Prinzip des „A-part-Sprechens“ auf die Spitze getrieben wird, seiner Frau Isabelle beibringen muss, dass er seinen Buddy und dessen neue Flamme bereits für den nächsten Sonnabend eingeladen hat. „Da kann man viel lernen, so als Mann“, lächelt Knaup. „Es geht hier auch um den Mann als Weichei.“ Was daran typisch französisch ist? „Die Franzosen sind moralisch nicht so zugenäht wie die Deutschen. Ein Seitensprung hat eine andere Wertigkeit.“ Daniels Frau Isabelle wirft dem Mann ihrer Freundin im Stück nicht zuallererst die Affäre vor – sondern dass er die Affäre nicht diskret für sich genossen hat, wie es sich gehört.

Regisseur Uli Waller sei ein guter Beobachter

„Wir wollen versuchen, die Situationen realistisch zu spielen, nicht so sehr ins Klischeehafte“, erzählt Knaup. Geprobt wurde diesmal auf einer Kamp­nagel-Probebühne und in Berlin, wo er mit seiner Familie lebt. „Komischerweise arbeitet man als Schauspieler selten da, wo man zu Hause ist“, sagt Knaup und schwärmt schon im nächsten Moment von seinem Hamburger Stammregisseur: „Uli Waller ist einfach ein guter Beobachter. Er ist schnell, er probiert gern, er kann die Schauspieler gut ,lesen‘, kann gut entscheiden und kennt sich mit den Gesetzmäßigkeiten eines Theatertextes bestens aus.“

Herbert Knaup lacht und streckt die Arme weit von sich: „Er bereitet uns Schauspielern sozusagen eine Spielwiese und lässt uns dann darauf herumtollen!“ Mit geschliffenem ­Florett, versteht sich. Hat ja keiner ­behauptet, dass der Kampf der ­Geschlechter eine ungefährliche Angelegenheit wäre.

„Hinter der Fassade“ St. Pauli Theater,
Premiere am 5. Dezember, nächste Vorstellungen 6.–11.12. und 13.–16.12., Karten 17,70 bis 47,40 Euro unter T. 30 30 98 98 oder
in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32

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