Kino in Hamburg

"24 Wochen" ist ein bewegendes Drama über Spätabtreibungen

Julia Jentsch und Bjarne Mädel in einer Szene aus dem Film „24 Wochen“

Foto: Friede Clausz / dpa

Julia Jentsch und Bjarne Mädel in einer Szene aus dem Film „24 Wochen“

Ein Paar erfährt, dass sein ungeborenes Kind am Down-Syndrom leidet und muss eine Entscheidung treffen. Die Regisseurin im Interview.

Hamburg.  Mit dem Drama "24 Wochen" ist Regisseurin Anne Zohra Berrached ein seltenes Kunststück gelungen. Sie kam mit dieser bewegenden Geschichte über eine Spätabtreibung in den Wettbewerb der Berlinale, obwohl es der Abschlussfilm ihres Studiums ist. Sie erzählt von der Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch), die zusammen mit ihrem Mann und Manager Markus (Bjarne Mädel) ihr zweites Kind erwartet. Sie erfahren, dass das Ungeborene an Trisomie 21 leidet und einen schweren Herzfehler hat. Eine schicksalhafte Entscheidung kommt auf das Paar zu.

Wenn man so ein drastisches Thema anpackt, muss man wohl eine besondere Einstellung dazu haben. Wie sah die bei Ihnen aus?

Anne Zohra Berrached: Ich kam von meinem ersten Langfilm "Zwei Mütter", war also schon in einer Ärztewelt und im Thema Kinderkriegen sehr drin. Ich habe dann ein Zeitungsinterview mit einem Arzt gelesen, der Spätabtreibungen macht. Es war ein heftiger Text, in dem auch stand, dass 90 Prozent der Frauen ihr Kind abtreiben lassen, wenn sie nach dem dritten Monat erfahren, dass es am Down-Syndrom leidet. Diese Zahl kannte ich vorher einfach nicht. Wenn ich mich drei Jahre lang mit einem Thema auseinandersetzen will, muss es schon etwas sein, was mich sehr interessiert, was ich vorher noch nicht wusste. Und ich habe selbst mal ein Kind abgetrieben, allerdings vor dem dritten Monat. Ich glaube zwar, dass es richtig war, trotzdem denke ich an dieses Kind. Es ist aber nicht so, dass ich das mit diesem Film einfach nur verarbeiten möchte. Aber ich konnte mich natürlich in das Thema einfühlen.

Sie haben bei der Recherche mit Medizinern gesprochen, die in ethisch-moralischen Grenzbereichen arbeiten. Sind Sie mit offenen Armen empfangen worden, oder war die Gesprächssituation manchmal kritisch?

Man wollte mit mir reden, weil das Thema gesellschaftlich gemieden wird. Die meisten der Mediziner machen solche Abtreibungen nicht einmal im Leben, sondern zwei- oder dreimal im Jahr. Das geht ja an denen auch nicht spurlos vorbei. Der Gesetzgeber sagt, wenn sich eine Frau physisch oder psychisch nicht in der Lage sieht, das behinderte Kind zu bekommen, kann sie es bis zu den Wehen abtreiben. Der Mediziner und das Paar müssen sich also ihre eigenen Regeln machen. Der Arzt, der im Film mitspielt, will zum Beispiel nicht, dass ein Kollege oder eine Schwester die Spritze setzt, sondern er selbst. Er bringt den Tod. Da sieht man mal, wie heftig dieses Thema ist. Natürlich nimmt man das mit nach Hause. Die Ärzte waren froh, dass jemand mit ihnen darüber reden wollte, und dass dazu ein Film entsteht. Schwieriger war es, ein Paar zu finden, das über seine Erfahrungen mit so einer Abtreibung gesprochen hat. Es ging letztlich nur über einen Freund von einem Freund von einem Freund.

Ein Thema im Film ist die Frage, ob die Frau allein oder das Paar gemeinsam die Entscheidung treffen darf. Finden Sie die bestehende gesetzliche Regelung richtig?

Die Frau muss das entscheiden, es kann gar nicht anders sein. Das Kind wächst in ihr, und sie muss die Frage lösen, wenn es hart auf hart kommt. Für den Mann ist das eine schreckliche Situation. Es geht nicht anders, weil die Natur es so vorgegeben hat. Im Gesetz wird der Mann auch gar nicht erwähnt. Wenn das Paar sich einig ist, kann es ja auch gemeinsam entscheiden.

Die Beratungssituationen im Film sind sozusagen echt?

Es gab ein Drehbuch, aber den Ärzten und Hebammen habe ich nur die Situation vorgegeben und gesagt: Machen Sie das mal wie immer! Dann haben sie es gemacht – wie in einem Dokumentarfilm. Mit Laien arbeite ich grundsätzlich anders als mit Schauspielern. Ich rede fast gar nicht mit ihnen und will sie so wenig wie möglich beeinflussen. Ich will nur Umstände schaffen, in denen sie sein können, wie sie immer sind. Ich suche da ganz eigene Typen, die sich am besten etwas um sich selbst drehen. Die können in Filmsituationen ganz gut vergessen, dass da Lampen stehen und noch 30 Leute, die sie anstarren. Wenn ich wollte, dass die Laien ihr Spiel veränderten, habe ich nicht ihnen, sondern Julia und Bjarne andere Regieanweisungen gegeben. Sobald ich mit den Laien rede, wird es unecht. Dann wollen die spielen und mir gefallen – wie bei RTL2.

War in dieser Hinsicht Andreas Dresen ein Vorbild? Der hat in seinem Film "Halt auf freier Strecke" ganz ähnlich gearbeitet.

Ich mag ihn sehr gern, er war bei unserer Premiere, aber ich habe auch Kritikpunkte an seiner Art zu arbeiten. Er ist also nicht mein Held, aber ich kann verstehen, wenn man da Ähnlichkeiten entdeckt. Wie er mag ich es, mit echten Ärzten zu arbeiten. Ich kann es nicht leiden, wenn Schauspieler Ärzte spielen. Das wirkt nicht echt.

Die Besetzung ist überraschend. Woher wussten Sie, dass man Julia Jentsch und Bjarne Mädel so etwas zutrauen kann?

Das weiß man vorher nie. Ich versuche beim Casting herauszufinden, wie sehr sie sich verändern können. Julia kann sehr gut mit diesen emotionalen Szenen umgehen. Man guckt sie an und denkt, hinter ihr geht die Welt unter. Bjarne kann gut improvisieren. Das war eine super Kombination. Ich hatte Angst, ob Zuschauer Empathie für eine Figur empfinden können, die darüber nachdenkt, ob sie abtreibt. Wenn man aber dieses Paar liebt, wird es ganz schwierig für die Zuschauer, und das ist gut.

Musste Astrid auch noch Kabarettistin sein, ist das nicht ein bisschen zu viel?

Das hat meine Redaktion auch gesagt. Aber ich mag es, wenn es Herausforderungen gibt und der Weg richtig steinig wird. Wenn man das dann schafft, wird es auch etwas Besonderes. Und ich wollte einfach ein Gegengewicht zu der Kraft der Emotion schaffen. Wenn man mit so einer Entscheidung ringt, gehört es zu den schwersten Dingen, Menschen auf der Bühne zum Lachen zu bringen. Außerdem entsteht durch die Öffentlichkeit ein zusätzlicher Druck auf die Person. In diese Situation wollte ich meine Hauptfigur bringen.

Was machen Sie als nächstes?

Einen "Tatort" mit Maria Furtwängler.

"24 Wochen" läuft im Abaton, Elbe, Passage und Zeise

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