St. Pauli Theater

„Willkommen“ – die bitterböse Integrationsrevue

Vereint in der Sporthalle: die Darsteller vom Privaten Flüchtlingsorganisationskomitee (PFOG)

Vereint in der Sporthalle: die Darsteller vom Privaten Flüchtlingsorganisationskomitee (PFOG)

Foto: Georg Wendt / dpa

Im St. Pauli Theater hatte Franz Wittenbrinks „Ein deutscher Abend“ gelungene Uraufführung. Premierengäste feiern das starke Ensemble.

Hamburg.  Dass Sporthallen ab und an zweckentfremdet werden, kommt auch hierzulande immer mal wieder vor – meist bei Katastrophen für Menschen in Not. Vor gut einem Jahr drohte das in manchen Gegenden fast zur Regel zu werden, mehr als eine Millionen Flüchtlinge kamen. Nun haben sich die sieben Mitglieder vom Privaten Flüchtlingsorganisationskomitee, abgekürzt PFOG, in solch einer Kulisse versammelt. Auf der Anzeigetafel der Hallenwand steht: „HEIM 1, GÄSTE 2“, es ist 11.55 Uhr, sprich fünf vor zwölf.

Höchste Zeit für einen Integrationskursus, für die ehrenamtlichen Helfer und die zahlreichen Flüchtlinge. Oder Geflüchtete? Schon daran, wie diese Menschen zu bezeichnen sind, entzündet sich zwischen PFOG-Frontfrau Charlotte Möller (Susanne Jansen) und Studentin Sandra (Victoria Fleer) ein kleiner Disput. Nur der Auftakt für einen gut zweistündigen Schnellkursus in heimischer Kultur und heimischen Liedguts von Franz Wittenbrink.

„Willkommen – Ein deutscher Abend“ hat der Regisseur, Komponist und Arrangeur seine Integrations-Revue im St. Pauli Theater betitelt, sie wurde bei der Uraufführung mit minutenlangem Beifall gefeiert. Hier ist das Publikum mittendrin statt nur am TV-Schirm oder in sozialen Netzwerken dabei. Und: Hier darf gelacht und auch mal geschluckt werden. Liederabend-König Wittenbrink („Sekretärinnen“) wirft mit seinen Co-Autoren ein neues satirisch-musikalisches Licht auf eine polarisierte gesellschaftliche Debatte.

„Froh zu sein bedarf es wenig“, singen die Darsteller. Wittenbrink kann sich bei seinem aktuellen Stück außer auf 20 Songs von Volkslied über Schlager und Eigenkompositionen bis hin zur Oper auf ein überzeugendes Ensemble stützen. Veritable Schauspielersänger, die meisten bekannt aus seiner Kiez-Trilogie im St. Pauli Theater. Allen voran Susanne Jansen, die als eine Art Moderatorin im Brustton der Überzeugung (und im Dirndl) Helfer im Saal lobt („Sie sind das andere Gesicht Deutschlands“) und dann Wagners „Meistersingerfinale“ schmettert. Dass ihre Charlotte immer wieder mal zur Sektflasche greift und ihren Ehemann Heinz zurechtweist, steht exemplarisch für die oft überzeichneten Figuren.

Ein politisch unkorrekter Abend

In der Heinz-Rolle entfaltet George Meyer-Goll, als verkrachter Klo-Poet aus Wittenbrinks Kiez-Trilogie in bester Erinnerung, einmal mehr sein komisches Talent und zeigt seine Wandlungsfähigkeit. „Die Gedanken sind frei“ intoniert er zur Begleitung der Band als traurigen Blues, und als Pfarrer Immelmann begrüßt er „die lieben geflohenen Geflüchteten“ als Karikatur eines Gottesmannes.

Ja, dieser „deutsche Abend“ ist politisch unkorrekt, er lebt von Brüchen, inhaltlich und musikalisch, doch gerade dadurch bekommt er Fallhöhe. Da wird Islamforscherin Frau von Reitzenstein (Anne Weber), die nicht verstehen mag, warum junge muslimische Männer einer Frau den Handschlag verweigern, als vermeintliche AfD-Sympathisantin kurzerhand auf den Weichboden im Geräteraum verfrachtet. Und der Autonome (Holger Dexne), der die „kapitalistische Veranstaltung im St. Pauli Theater mit überhöhten Eintrittspreisen“ zu sprengen versucht, entpuppt sich als Muttersöhnchen und fordert vergeblich „freies Fluten und ungezwungenes Kiffen“!

Auch wenn Stephan Schad in seiner Rolle als Fahrlehrer Günther Urbancyk mit immer neuen Fragen aus dem Integrationstest und absurden Antworten regelrecht aufblüht, obliegt es seinem Schauspielkollegen Rainer Piwek für die eindringlichsten Momente zu sorgen – in seiner Zweitrolle als abgebrühter Schleuser Emir: Als der davon erzählt, wie zu Beginn einer Flucht noch an der Küste Tunesiens mal eben alle über Bord gehen müssen, weil es keine Zeugen für das Militär geben darf, einige jedoch dabei draufgehen, ist es mucksmäuschenstill im Theatersaal. An jenen Stränden entscheide sich die Flüchtlingspolitik, nicht an den Tischen der europäischen Politik, sagt Emir.

Das Volkslied „Wir sitzen so fröhlich beisammen“, final vom siebenköpfigen PFOG angestimmt, ist purer Zynismus. Doch wie sagt Charlotte Möller, die Flüchtlingshelfer-Frontfrau, am Ende total derangiert: „Ich hätte nicht gedacht, dass Inte­gration so schwierig ist.“ Die Uhr an der Hallenwand steht da noch immer bei 11.55 Uhr ...

„Willkommen – Ein deutscher Abend“ bis 27.10., jew. 19.30, So 18.00, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz 29/30, Karten zu 18,80 bis 52,90 in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18–32, Karten-Hotline T. 30 30 98 98